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; und weil ich mir schon Hoffnung auf seinen Tod und auf Marianen gemacht hatte: so brachte ich ihm Gift bei." Mein Mann nahm alle seine Vernunft und Religion zu Hilfe, und suchte diesem Unglückseligen damit beizustehen. Seine Verzweiflung wollte sich nicht stillen lassen. Er verlangte Marianen noch einmal zu sehen und ihr seine Bosheit selbst zu entdecken. Wir baten ihn um Gottes willen, dass er Marianen diese Tat nicht offenbaren sollte; er würde seinem Gewissen dadurch nichts helfen und durch sein Bekenntnis nur noch einen Mord begehen. Mariane kam, ehe sie gerufen ward. Dormund redete sie an; allein sie hörte und sah vor Wehmut nicht. Er nahm sie bei der Hand und wollte das entsetzliche Bekenntnis wiederholen. Ich hielt ihm den Mund zu. Wir fingen an zu beten und zu singen. Doch er schrie nur desto mehr. Mariane musste es erfahren, was er getan hatte. Er wiederholte seinen Mord umständlich. Er berief sich auf den Regimentsfeldscherer und auf den Feldmedicum, die Carlsonen, weil er es befohlen, nach seinem tod geöffnet und das Gift gefunden und geglaubt hatten, dass er sich selbst damit vergeben. Mariane geriet in eine ordentliche Raserei. Sie stiess die grausamsten Namen wider ihn aus. Wir mussten sie endlich mit Gewalt beiseite bringen. Er schlief zwei Tage und Nächte nacheinander, ohne sich zu ermuntern. Wir glaubten auch gewiss, dass er nicht wieder aufwachen würde; allein er erholte sich. Wir kamen zu ihm. Wir mussten ihn als einen Mörder hassen; doch die allgemeine Menschenliebe verband uns auch zum Mitleiden. Er war ruhiger als zuvor und bat uns mit tausend Tränen um Vergebung. Er versicherte uns, wenn er leben bliebe, dass er uns nicht zum Entsetzen vor den Augen herumgehen, sondern sich den entlegensten Ort zu seinem Aufentalte und zur Reue über seine Schandtat aussuchen wollte. Er bat, dass wir ihn Marianen nicht möchten wiedersehen lassen. Diese war auch schon in unsrer wohnung; denn Dormund hatte ein Haus allein bezogen. Wir hatten nun genug an Marianen zu trösten und konnten Dormunden in zwei Tagen nicht besuchen. Doch hörten wir, dass es sich besserte. Mein Mann ging den dritten Tag zu ihm. Allein Dormund war fort und hatte folgenden Brief an ihn zurückgelassen: "Ich gehe so weit, als mich die Rache des himmels kommen lässt. Mariane soll mich nicht wieder sehen! O Gott, wozu kann einen nicht die Liebe verleiten! Der Schatten meines ermordeten Freundes wird mich auf allen Schritten verfolgen. Doch ich will lieber alles ausstehen, als diesen Mord durch einen Selbstmord häufen. Verfluchen Sie mein Gedächntis in Ihrem Herzen. Ich bin es wert; doch entdecken Sie meine Schande der Welt nicht! Ich bin bestraft genug, dass ich Marianen und ihre grossmütigen Freunde verlassen muss. Ich will wieder in den Krieg gehen. Vielleicht verliere ich bald ein Leben, das mir eine Marter ist. Mein zurückgelassenes Vermögen soll Marianen. Wollte Ihnen doch Gott die Freundschaft vergelten, die Sie mir in meiner Krankheit erwiesen haben! Doch Sie haben sie ja einem Unmenschen erwiesen. Ich bin nicht wert, dass Sie mich bedauern. Ach, die unglückselige Mariane!" Dormund war fort, ohne dass wir wussten, wohin. Unsere Mariane war in eine ordentliche Schwermut geraten. Sie weinte Tag und Nacht, und wir mussten ihr auf einmal zwo Adern schlagen lassen. Sie schlief in meiner stube und versicherte mich, dass ihr viel besser zumute wäre, und dass sie diese Nacht wohl zu schlafen hoffte. Der Morgen wies diese Prophezeiung aus. Ich warf kaum die Augen auf ihr Bette: so sah ich ganze Ströme Blut davon herunterlaufen. Was konnte ich anders vermuten, als dass ihr die Adern im Schlafe aufgegangen sein würden? Mariane lag in einem fühllosen Schlummer, oder vielmehr in einer Ohnmacht. Ich schrie nach Hilfe, und wir banden ihr die Adern zu. Das Entsetzlichste war, dass die Binden nicht abgefallen, sondern mit Fleiss aufgemacht zu sein schienen. Mariane kam gegen Abend etwas wieder zu sich. Sie gestund, dass sie die Binden aus Lust zum tod selbst aufgemacht hätte, und wünschte nichts mehr, als dass ihr Ende bald dasein möchte. Sie küsste mich und sank, ohne ein Wort weiter zu reden, in einen Schlummer, und in etlichen Stunden darauf war sie tot.

Mir ging es wie denen Leuten, die in einer Gefahr heftig verwundet werden und es doch nicht eher fühlen, bis sie aus der Gefahr sind. Sobald Mariane tot war: so ging erst meine Marter an. Ich hätte mir lieber die Schuld von ihrem tod beigemessen, weil ich dieselbe Nacht nicht genauer auf sie achtung gegeben hatte. Allein welche menschliche Klugheit kann alles voraussehen? Ich hatte Marianen in der Tat zur Heirat mit Dormunden geraten. Ich sah, dass dieser Mann schuld an ihrem Selbstmorde war. Ich dachte an Marianens Schicksal in der andern Welt. Und ich würde noch tausendmal mehr ausgestanden haben, wenn mir die Liebe zu Marianen verstattet hätte, sie für unglücklich zu halten. Ihre Mutter war noch weit gelassner als ich. Ich weiss nicht, wem sie ihren Beistand zu danken hatte; vermutlich der Religion. Sie sah alles für ein Verhängnis an, dessen Ursachen sie nicht ergründen könnte. Sie tröstete sich mit der Weisheit und Güte des Schöpfers und verherrlichte ihr Unglück durch Standhaftigkeit. Es ist gewiss, dass der Beistand der Religion in Unglücksfällen eine unglaubliche Kraft hat. Man nehme nur den Unglücklichen