1747_Gellert_024_2.txt

vor meiner Heirat hatte der Graf nebst seinem Vater eine Reise aus Schweden auf diese Güter getan. Er hatte mich etlichemal bei meinem Vetter gesehen und gesprochen. Ich hatte ihm gefallen, ohne mich darum zu bestreben. Ich war ein armes fräulein; wie konnte ich also auf die Gedanken kommen, einen Grafen zu fesseln, der sehr reich, sehr wohlgebildet, angesehen bei hof, schon ein Obrister über ein Regiment und vielleicht bei einer Prinzessin willkommen war? Doch dass ich ihm nicht habe gefallen wollen, ist unstreitig mein Glück gewesen. Ich tat gelassen und frei gegen ihn, weil ich mir keine Rechnung auf sein Herz machte, anstatt dass ich vielleicht ein gezwungenes und ängstliches Wesen an mich genommen haben würde, wenn ich ihm hätte kostbar vorkommen wollen. In der Tat gefiel er mir im Herzen sehr wohl; allein so sehr ich mir ihn heimlich wünschen mochte, so hielt ich's doch für unmöglich, ihn zu besitzen.

Nach einem Jahre schrieb er an mich, und der ganze Inhalt seines Briefes bestund darinnen, ob ich mich entschliessen könnte, seine Gemahlin zu werden und ihm nach Schweden zu folgen. Sein Herz war mir unbeschreiblich angenehm, und die grossmütige Art, mit der er mir's anbot, machte mir's noch angenehmer. Es gibt eine gewisse Art, einem zu sagen, dass man ihn liebt, welche ganz bezaubernd ist. Der Verstand tut nicht viel dabei, sondern das Herz redet meistens allein. Vielleicht wird man das, was ich sagen will, am besten aus seinem Briefe selber erkennen:

"Mein fräulein!

Ich liebe Sie. Erschrecken Sie nicht über dieses Bekenntnis, oder wenn Sie ja über die Dreistigkeit, mit der ich's Ihnen tue, erschrecken müssen: so bedenken Sie, ob dieser Fehler nicht eine wirkung meiner Aufrichtigkeit sein kann. Lassen Sie mich ausreden, liebstes fräulein. Doch was soll ich sagen? Ich liebe Sie; dies ist es alles. Und ich habe Sie von dem ersten Augenblicke an geliebet, da ich Sie vor einem Jahre gesehen und gesprochen habe. Ich gestehe Ihnen aufrichtig, dass ich mich bemüht habe, Sie zu vergessen, weil es die Umstände in meinem vaterland verlangten; aber alle meine Mühe ist vergebens gewesen und hat zu nichts gedienet, als mich von der Gewissheit meiner Liebe und von Ihren Verdiensten vollkommen zu überzeugen. Ist es möglich, werden Sie durch meine Zärtlichkeit beleidiget? Nein, warum sollte Ihnen die Liebe eines Menschen zuwider sein, dessen Freundschaft Sie sich haben gefallen lassen. Aber werden Sie es auch gelassen anhören, wenn ich Ihnen mein Herz noch deutlicher entdecke? Darf ich wohl fragen, ob Sie mir Ihre Liebe schenken, ob Sie mir als meine Gemahlin nach Schweden folgen wollen? Sie wortet lassen sollten, von deren Entscheidung meine ganze Zufriedenheit abhängt. Ach, liebste Freundin, warum kann ich nicht den Augenblick erfahren, ob ich Ihrer Gewogenheit würdig bin, ob ich hoffen darf? Überlegen Sie, was Sie, ohne den geringsten Zwang sich anzutun, einem Liebhaber antworten können, der in der Zärtlichkeit und Hochachtung gegen Sie seine grössten Verdienste sucht. Ich will Ihr Herz nicht übereilen. Ich lasse Ihnen zu Ihrem Entschlusse soviel Zeit, als Sie verlangen. Doch sage ich Ihnen zugleich, dass mir jeder Augenblick zu lang werden wird, bis ich mein Schicksal erfahre. Wie inständig müsste ich Sie nicht um Ihre Liebe bitten, wenn ich bloss meiner Empfindung und meinen Wünschen folgen wollte! Aber nein, es liegt mir gar zuviel an Ihrer Liebe, als dass ich sie einem andern Bewegungsgrunde als Ihrer freien Einwilligung zu danken haben wollte. So entsetzlich mir eine unglückliche Nachricht sein wird, so wenig wird sie doch meine Hochachtung und Liebe gegen Sie verringern. Sollte ich deswegen ein liebenswürdiges fräulein hassen können, weil sie nicht Ursachen genug findet, mir ihr Herz auf ewig zu schenken? Nein, ich werde nichts tun, als fortfahren, Sie, meine Freundin, hochzuschätzen, und mich über mich selbst beklagen. Wie sauer wird es mir, diesen Brief zu schliessen! Wie gern sagte ich Ihnen noch hundertmal, dass ich Sie liebe, dass ich Sie unaufhörlich liebe, dass ich in Gedanken auf Ihre geringste Miene bei meinem Bekenntnisse achtung gebe, aus Begierde, etwas Vorteilhaftes für mich darinnen zu finden! Leben Sie wohl! Ach, liebstes fräulein, wenn wollen Sie mir antworten?" Der Vater des Grafen hatte zugleich an meinen Vetter geschrieben. Kurz, ich war die Braut eines liebenswürdigen Grafen. Ich wollte wünschen, dass ich sagen könnte, was von der Zeit an in meinem Herzen vorging. Ich hatte noch nie geliebt. Wie unglaublich wird dieses Bekenntnis vielen von meinen Leserinnen vorkommen! Sie werden mich deswegen wohl gar für einfältig halten, oder sich einbilden, dass ich weder schön noch empfindlich gewesen bin, weil ich in meinem sechzehnten Jahre nicht wenigstens ein Dutzend Liebeshändel zählen konnte. Doch ich kann mir nicht helfen. Es mag nun zu meinem Ruhme oder zu meiner Schande gereichen, so kann man sich darauf verlassen, dass ich noch nie geliebt hatte, ob ich gleich mit vielen jungen Mannspersonen umgegangen war. Nunmehr aber fing mein Herz auf einmal an zu empfinden. Mein Graf war zwar auf etliche vierzig Meilen von mir entfernt; allein die Liebe machte mir ihn gegenwärtig. Wo ich stand, da war er bei mir. Es war nichts Schöneres, nichts Vollkommeneres als er. Ich wünschte nichts als ihn.