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hatte nicht studiert; allein er hatte doch etlichen Büchern und dem Umgange einen gewissen Witz zu danken, der im Anfange sehr einnahm. Er konnte etliche Sprachen und auch gut Deutsch. Er liess sich in Amsterdam nieder, und wir konnten seine Absicht leicht merken. Mariane war sein Wunsch, und Mariane verdiente in der Tat, dass man ihrentwegen Feld und Hof verliess. Sie war noch vollkommen schön. Das Unglück hatte ihr von ihren äusserlichen Reizungen nichts entzogen und zu der Schönheit ihres Gemüts noch vieles hinzugesetzt. Sie war durch den Umgang nur noch liebenswürdiger geworden. Sie war erst achtzehn oder neunzehn Jahr alt und noch in ihrem völligen Frühlinge. Dormund wusste sich bald bei ihr gefällig zu machen. Vielleicht liebte sie in dem Freunde ihres verstorbenen Mannes noch ihren Mann. Genug, er gewann ihr Herz. Sie kam einmal zu mir und fing mit einer viel bedeutenden stimme an: "Madame, es wäre doch wohl billig gewesen, dass wir Herr Dromunden die Uhr, die er mir von meinem mann überbracht, zu einem Andenken gelassen hätten. Ich würde es gewiss getan haben, wenn mein Porträt nicht darinne gewesen wäre; allein so schickt's sich wohl nicht." Ich verstund diese Sprache sehr gut. "Mariane," sagte ich, "was machen Sie sich für ein Bedenken, dem Ihr Porträt zu geben, dem Sie unstreitig Ihr Herz schon überlassen haben? Ich merke, Sie wollen Herrn Dormunden gern eine gefälligkeit erweisen, die das Ansehen einer Erkenntlichkeit haben sollte, ob sie gleich die Liebe zum grund hat. Ich will Ihnen bald aus der Sache helfen. geben Sie mir die Uhr! Es wird sich schon eine gelegenheit zeigen, die nicht studiert lässt; bei der ich sie ihm anbieten kann." Auf die Übergabe der Uhr folgte bald die Übergabe des Herzens. Mariane ward Dormunden zuteil, und sie schienen beide einander zum Vergnügen geboren zu sein. Und wenn ja Mariane ihren Mann zuweilen beunruhigte: so geschahe es doch aus einem grund, den ein Ehemann schwerlich übelnehmen kann. Ihr Fehler war die Eifersucht, der erbliche Fehler unsers Geschlechts. Ich besinne mich, dass Mariane einmal mit Tränen auf meine stube kam. Sie konnte vor Wehmut nicht reden, und ich befürchtete, das grösste Unglück von ihr zu hören. Allein, was kam endlich heraus? Sie seufzete über die Gleichgültigkeit ihres Ehemannes und hätte lieber von seiner Untreue gesprochen. Ich fragte nach der Ursache. Da erfuhr ich folgende Kleinigkeiten. Ihr Mann hätte kurz vorher Briefe geschrieben; sie wäre zu ihm an den Tisch getreten; sie hätte ihn einigemal recht zärtlich geküsset, er aber hätte ihr weder mit einem Gegenkuss noch mit einem Blicke geantwortet, sondern immer fortgeschrieben, nicht anders, als wenn er sie nicht sehen wollte. "Ach Gott!" fuhr sie fort, "wer weiss, an wen der Untreue schreibt?" – "Konnten Sie denn nichts in dem Briefe lesen?" fing ich an. – "Nein, nichts, nichts, als dass der Anfang hiess: 'Mein Herr'". Wer sollte wohl glauben, dass eine vernünftige Frau keine andere Ursache zur Eifersucht nötig hätte, als so eine? Doch, warum kann ich noch fragen? Wie oft tut nicht die Liebe einen Schritt über die Grenzen der Vernunft! Und wenn dieser Schritt getan ist: so hilft es nichts, dass wir eine gute Vernunft haben. Überhaupt entstehen wohl die meisten Uneinigkeiten, die in der Ehe vorkommen, aus Kleinigkeiten. Sie heissen im Anfange nichts; allein sie nehmen im Fortgange unsere Einbildung und andere Dinge zu Hilfe, und werden alsdann wichtige Ursachen zur Gleichgültigkeit oder zur Eifersucht.

Marianens Ehe hatte nunmehr etwa drei Vierteljahre gedauret, als ihr Mann gefährlich krank ward. Er stunde zwei Monate grosse Schmerzen aus, und man merkte sehr deutlich, dass ihn eine Gemütsunruhe ebenso stark quälte als die Krankheit. Er bat seine Frau oft mit Tränen, dass sie ihn verlassen sollte. Er konnte auch Karolinen nicht leiden, viel weniger Marianens Kind, das sie mit Carlsonen erzeuget hatte. Ich und mein Mann sollten ohne Aufhören bei ihm bleiben und ihm Trost zusprechen. Er wollte getröstet sein, und wir wussten doch nicht, was ihn beunruhigte, viel weniger hatten wir das Herz, ihn zu fragen. Sein Ende schien immer näher herbeizukommen, und die Ärzte selbst kündigten es ihm an. Es war um Mitternacht, da er uns beide plötzlich zu sich rufen liess. Er rang halb mit dem tod. Alles musste aus der stube. Darauf fing er mit gebrochenen und erpressten Worten an, sich und die Liebe auf das abscheulichste zu verfluchen. Gott, wie war uns dabei zumute! Er nannte sich den grössten Missetäter, den die Welt gesehen hätte. "Ich bin", schrie er, "Carlsons Mörder. Ich habe ihm mit eigener Hand Gift beigebracht, um Marianen zu bekommen. Ich Unsinniger! Welche Gerechtigkeit, welches Urteil wartet auf mich! Ich bin verloren! Ich sehe ihn, ich sehe ihn! Bringt mich um", rief er wieder. Mein Mann redte ihm zu, er sollte sich besinnen, er würde in einer starken Phantasie gelegen haben. "Nein, nein," rief er, "es ist mehr als zu gewiss. Mein Gewissen hat mich lange genug gemartert. Ich bin der Mörder meines besten Freundes; ich Barbar! ich Bösewicht! Carlson besserte sich nach dem Abschiedsbriefe an Marianen wieder