In etlichen Tagen erhielten wir wieder einen Brief, und die Aufschrift war Carlsons Hand. Soll ich's aufrichtig gestehen, so erschrak ich weit mehr, dass er noch lebte, als ich zuerst über seinen Tod erschrocken war. Gott, dachte ich, was wird dieses wieder werden? Carlson wird seiner Krankheit wegen das Lager verlassen und wohl gar abgedankt haben. Die Liebe wird ihn wieder zu Marianen rufen. Mariane nur war vor Freuden ganz ausser sich. Der Brief war an sie, und sie brach ihn nicht etwa gleich auf. O nein, so viel Zeit liess ihr ihre vergnügte Unruhe nicht. Sie gab ihn uns auch nicht zu erbrechen. Sie behielt ihn in den Händen als einen unbekannten Schatz, den man nicht eröffnen will, bis man sich zehnmal vorgestellet hat, wieviel darinnen sein könnte. Da sie ihn endlich erbrach: so war der Brief schon viele Wochen älter, als derjenige, der uns Carlsons Tod berichtet hatte. Kurz, es war ein Abschiedsbrief an Marianen. Ich will die Abschrift hersetzen.
"Liebste Mariane!
Dieses sind seit vier Wochen die ersten Stunden, da ich mich besinnen und Euch meine Krankheit melden kann. Wie glückselig bin ich, dass ich krank gewesen und dem tod so nahegekommen bin ohne beides zu wissen! Wieviel würde ich Eurentwegen binnen der Zeit ausgestanden haben, wenn ich meiner mächtig gewesen wäre! Gott sei für diese Art des Todes gedankt! Ich bin völlig ausgezehrt, völlig entkräftet. Und ich sehe die Stunden, da ich mir wieder bewusst bin, für nichts als Augenblicke an, die mir Gott gönnt, mich noch einmal in der Welt und in meiner eignen Seele umzusehen und an das Zukünftige zum letzten Male zu denken. So lebt denn wohl, Mariane, sondern als Euern Bruder! Trauriger Name! Verschweigt unserer Tochter unser Schicksal, wenn sie leben bleibt. Verbergt es, wenn es möglich ist, vor Euch selbst. Mein Gewissen macht mir keinen Vorwurf, dass ich Euch geliebt habe; allein es beunruhiget mich, dass ich Euch nach der traurigen Entdeckung als meine Frau zu lieben nicht habe aufhören wollen. Gott, wieviel anders denken wir auf dem Todbette als in unserm Leben! Was sieht nicht unsere Vernunft, wieviel sieht sie nicht, wenn unsere Leidenschaften stille und entkräftet sind! Ja, ja, ich sterbe, ich sterbe getrost. Doch Gott! ich soll Euch nicht wiedersehen? Ich soll Euch verlassen, liebste Mariane? Ich soll sterben? Welche entsetzliche Empfindungen fangen jetzt in mir an zu entstehen! Ach, ich kann nicht mehr schreiben! – So weit war ich vor einer halben Stunde gekommen. Ich bin wieder beruhiget. Die Liebe zum Leben hat sich zum letzten Male geregt. Lebt wohl, meine Mariane! Grüsst meine Mutter und meine beiden grossmütigen Freunde. Mein liebster Freund Dormund, den Ihr so vielmal bei mir gesehen habt, ist jetzt bei mir. Er will mich nicht eher verlassen, als bis ich tot bin. Könnt Ihr Euch entschliessen, wieder zu lieben: so vergesst nicht, dass Euer sterbender Mann Euch niemanden gegönnet hat als ihm. Er wird Euch meine Uhr mit Eurem Porträt überbringen. Die andern Sachen habe ich meinen armen Soldaten geschenkt. Ich fühle meinen Tod. Lebt wohl!" Sobald sie gesehen hatte, dass es ein Abschiedsbrief war, und dass sie sich in der bei dem Titel gefassten Hoffnung betrogen: so ging das Wehklagen erst recht an. Ich will ihre Trostlosigkeit und etliche schlimme Folgen, die für sie und uns daraus entstunden, nicht erzählen. Es sind Umstände, an denen wir teilnahmen, weil wir gleichsam dareingeflochten waren. Sie waren in Ansehung unserer Empfindung wichtig. Allein ich würde übel schliessen, wenn ich glauben wollte, dass sie deswegen dem Leser merkwürdig vorkommen und ihn rühren würden: Ich will daher vieles übergehen.
Wir lebten wieder ruhig. Es schien, als ob uns der Himmel mit Gewalt reich machen wollte. Unsere Kapitale brachten mehr ein, als wir verlangten, und weit mehr, als wir brauchten. Und ich dachte nicht einmal daran, meine bei der Krone stehenden Gelder zu fordern. Ich war vielmehr ruhig, wenn ich nicht an dieses Land denken durfte. Über dieses war es auch durch den Krieg ganz erschöpft und entblösst. Genug, ich lebte unbekannt und zufrieden. Ich war die Frau eines angenehmen und klugen Mannes. Das Unglück, das uns zeiter betroffen, hatte unsere Gemüter gleichsam aufgelöset, die Ruhe nunmehr desto stärker zu schmecken. Man dürfte fast sagen, wer lauter Glück hätte, der hätte gar keines. Es ist wohl wahr, dass das Unglück an und für sich nichts Angenehmes ist; allein es ist es doch in der Folge und in dem Zusammenhange. Wenigstens gleichet es den Arzeneien, die unserm Körper einen Schmerz verursachen, damit er desto gesünder wird.
Mitten in unsrer Zufriedenheit, die nunmehr über ein Jahr gedauert hatte, kam Herr Dormund, Carlsons guter Freund, und überbrachte Marianen die in dem Briefe erwähnte goldne Uhr mit ihrem Porträt. Mariane hatte ihn oft bei ihrem mann, wir ihn aber noch gar nicht gesehen. Doch was brauchte er zu seiner Empfehlung mehr, als den Namen eines guten Freundes von unserm Carlson? Er war ein Holländer von Geburt, und von person sehr angenehm. Er gewann unsere Vertraulichkeit sehr bald. Er war ein Stabsoffizier, hatte nunmehr abgedankt und wollte von seinen Renten für sich leben. Er war noch jung. Er