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indessen ihre Bereitwilligkeit zunutze und ermunterten Marianen, uns, sobald es ihre Umstände zuliessen, nach Amsterdam zu folgen; vielleicht wäre es möglich, dass man von Rom Dispensation erlangen könnte. Ihr Mann sollte sich Urlaub auf ein halb Jahr ausbitten und, wenn er ihn erhielte, uns nachkommen. Alles dieses liessen sich die beiden Leute gefallen. Es strichen einige Tage dahin, und Mariane war in den Umständen, die Reise mit anzutreten. Indem wir uns dazu anschickten: so erhielt Carlson Ordre, sich unverzüglich und bei Verlust seiner Stelle zu dem Regimente zu verfügen, weil es marschieren sollte. Diese Nachricht tat eine ungleiche wirkung. Carlson war darüber erfreut, und Mariane ward von neuem niedergeschlagen. Kaum sah sie seine Zufriedenheit über diese Post: so machte sie ihm die grausamsten Vorwürfe. Sie hiess ihn einen Ungetreuen, der ihrer los zu sein wünschte. Sollte man wohl glauben, dass eine Frau, die da wusste, dass ihr Mann ihr Bruder war, noch auf einen solchen Verdacht fallen könnte? Allein, was ist in der Liebe und in dem Traume wohl unmöglich? Wir sahen also leider nur mehr als zu deutlich, wie heftig Mariane ihren Mann noch liebte, und wie sie in ihrem Herzen nichts weniger beschlossen hatte, als ihn fahren zu lassen. Carlson versicherte sie mit den grössten Beteuerungen, dass er sie noch unendlich liebte, und dass er über die Nachricht zum Marsche nur deswegen vergnügt wäre, weil er ihn als eine gelegenheit ansähe, die der Himmel bestimmt hätte, der Sache den Ausschlag zu geben. "Vielleicht", sprach er, "verliere ich mein Leben, wenn es zu einem Feldzuge kommt. Und wer ist alsdann glücklicher als wir? Soll ich den Tod nicht geringer schätzen als die Qual, Euch zu sehen und nicht zu lieben? Und wollt Ihr nicht lieber mit Gewalt von mir getrennet sein, als die Pein ausstehen, mich freiwillig zu verlassen und doch diese Freiheit niemals von Eurer Liebe zu erhalten? Seid getrost, liebe Mariane! Komme ich wieder zurück: so ist es ein Zeichen, dass der Himmel unsere Ehe billiget. Verliere ich mein Leben: so ist es ein Beweis, dass Ihr einen Mann verloren habt, der nur Euer Bruder, und nicht Euer Ehemann sein sollte." Welche glückselige Dienste leistet nicht der Irrtum in gewissen Umständen! und wie gut ist es nicht oft, dass wir das Vergnügen haben, uns selbst zu betrügen! Genug, Carlsons Irrtum war in Ansehung des Erfolgs vortrefflich. Er beruhigte ihn und endlich auch Marianen. Sie liessen die Sache auf den Himmel ankommen; und sie versprachen sich von diesem Richter nichts, als was sie wünschten. Sie flehten Gott um Beistand an, nicht anders, als ob ihnen die Menschen unrecht täten. Kurz, sie waren voll Zuversicht und Vertrauen, die alle Wahrheit nicht würde zuwege gebracht haben. Carlson reisete fort, als ob er in dem Treffen seine Mariane gewinnen sollte, und Mariane tat so gesetzt, als ob sie ihn von sich liesse, um ihn auf ewig wiederzubekommen. Sobald er fort war, so folgte sie uns ganz getrost nebst ihrer Tochter und ihrer Mutter nach Amsterdam. Andreas, der sich in Ostindien wieder ein kleines Vermögen erworben hatte, blieb in dem Haag, um von neuem seinen Handel anzufangen, wozu ihm Karoline einen teil von ihren Geldern gab, die sie aus Deutschland mitgebracht hatte. Wir trafen unsern gütigen Wirt in Amsterdam noch in seinen vorigen Umständen an. Wir gaben Marianen für Carlsons Frau aus, und Karoline war seine Mutter.

In wenig Monaten erhielten wir die Nachricht, dass Carlson zwar nicht gegen den Feind, sondern an einer hitzigen Feldkrankheit geblieben wäre. Karoline, ich und mein Mann bedauerten ihn sehr; aber wenn wir an seine Ehe dachten; so war uns sein Tod eine erwünschte Nachricht. Denn wer konnte die gefährliche Sache besser schlichten als der Tod? Die Aussprüche der Geistlichen würden ganz gewiss wider diese Ehe gewesen sein. Und Mariane und ihr Mann hätten entweder einander nicht verlassen oder ohne einander das unglückseligste Leben geführt. Gleichwohl war uns für Marianen noch sehr bange. Sie hatte sich zwar dem Endurteile des himmels ergeben; aber, wie ich schon erinnert, in keiner andern Hoffnung, als dass es vorteilhaft für sie ausfallen würde. Wir sahen, dass Marianens Verzweiflung von neuem wieder aufwachen würde. Dennoch musste sie es erfahren. Wir liessen sie auf unser Zimmer rufen, und mein Mann nahm es über sich, ihr ihres Mannes Tod zu entdecken. "Nicht wahr, Mariane," fing er an, "Sie erraten schon, was ich Ihnen hinterbringen will? Erschrecken Sie nur, denn Sie müssen doch erschrecken. Hier ist ein Brief aus dem Lager." – "Sagen Sie mir nichts mehr", versetzte Mariane. "Ich kann den Inhalt des briefes schon wissen. Mein Gemahl ist tot. Ich unglückselige Frau! Doch bin ich zufrieden, dass mir ihn nicht die Welt, sondern der Himmel entzogen hat. Nun sehe ich, dass es Gott nicht hat haben wollen. Wie ist er denn gestorben? Ist er im Treffen geblieben?"

Wir erstaunten über diese unvermutete Gelassenheit, die einer Gleichgültigkeit nicht unähnlich sah. Wir hatten uns auf die besten Trostgründe vergebens gefasst gemacht. Gleichwohl wussten wir auch nicht, ob wir Marianen trauen durften. Indessen tat sie gelassen und betrauerte ihren Mann mehr durch stille Tränen, als durch eine tobende Wehmut und Ungeduld.