1747_Gellert_024_16.txt

! Ich unglücklicher Mann, ich bin an allem schuld!" Dieses war die Erfüllung von dem Vorsatze, bei der Sache behutsam zu gehen. Karoline lief, als verzweifelnd, zur tür hinaus. Mariane wollte sich von dem Andreas losmachen; allein er liess sie nicht aus seinen Armen. Ich hatte nicht so viel Gewalt über mich, dass ich hingehen und ihn von ihr losreissen konnte. Carlson blieb auf einer Stelle stehen und fragte hundertmal, was es wäre. Mein Mann wollte es ihm sagen und kehrte doch bei jedem Wort wieder ein. Mariane kam endlich auf mich zu. Ich sollte ihr entdecken, was es wäre. Ich fing an zu reden, ohne zu wissen was. Ich bat sie um Vergebung. Ich versicherte sie meiner ewigen Freundschaft. Ich umarmte sie. Dieses war es alles. Indessen kam ihr Mann und wollte sie aus meinen Armen nehmen. "Nein, nein," schrie ich. "Mariane ist nicht Ihre Frau, Mariane ist Ihre Schwester." In diesem Augenblicke sank Mariane nieder, und ich erwachte darüber, wie aus einem unruhigen Schlafe. Ich und mein Mann waren am ersten wieder bei uns selbst. Wir brachten Marianen auf ein Bette, und sie erholte sich aus einer Ohnmacht, um in die andere zu fallen. Wir brachten sie den ganzen Tag nicht wieder zu sich selbst.

Mein Mann war indessen nach Karolinen gegangen, die wir, seitdem sie aus der stube gelaufen war, nicht wieder gesehen hatten. Er hatte sie in dem Gartenhause auf den Knien angetroffen. Ich will gleich auf den anderen Tag kommen. Das Gewaltsame unsers Affekts hatte sich gelegt, und sich statt dessen das Bange der Traurigkeit eingestellt. Tränen und Seufzer, welche die Bestürzung gestern zurückgehalten, hatten nun ihre Freiheit, und wir suchten unsern Trost in Klagen und im Mitleiden. Carlson kam vor das Bette seiner Mariane, und mit ihm Wehmut, Furcht, Scham, Reue und gekränkte Zärtlichkeit. Es war erbärmlich anzusehen, wie sich diese beiden Leute gegeneinander bezeigten. Die Religion hiess sie die Liebe der Ehe in Schwester- und Bruderliebe verwandeln, und ihr Herz verlangte das Gegenteil. Sie hatten einander unbeschreiblich geliebt. Sie waren noch in dem Frühlinge ihrer Ehe, und sie sollten dieses Band jetzt ohne Anstand zerreissen. Sie hatten einander in ihrem Leben nicht gesehen, und also kam ihnen die Vertraulichkeit nicht zu Hilfe, die sonst die Liebe unter Blutsverwandten auszulöschen pflegt. Ihre natur selbst tat den Ausspruch zu ihrem Besten. Wie konnten sie etwas in sich fühlen, das ihre Liebe verdammte, da sie den Zug der Blutsfreundschaft nie gefühlt hatten. "Ach, mein Bruder," rief Mariane einmal über das andere aus, "verlasst mich, verlasst mich! Unglückseliger Gemahl, fangt mich an zu hassen. Ich bin Eure Schwester. Doch nein! Mein Herz sagt mir nichts davon. Ich bin Euer, ich bin Euer. Uns verbindet die Ehe. Gott wird uns nicht trennen." Ihr Gemahl war nicht besser gesinnt. Er hörte die stimme der Leidenschaften, um den Befehl der Religion nicht zu hören. Er hütete sich genau, sie nicht seine Schwester zu nennen. Er hiess sie seine Mariane. Er war beredt und unerschöpft in Klagen, die bis in das Herz drangen, weil sie das Herz hervorbrachte. Er fing zuweilen mitten in seinen Klagen an zu philosophieren, und wie man leicht glauben kann, sehr eigennützig. Er erwies, dass ihre Ehe vor Gott erlaubt wäre, wenn sie auch die Welt verdammte. Und er tat doch nichts, als dass er zehnmal nacheinander sagte, dass sie öffentlicht verbunden wären, und dass nichts als der Tod dieses Bündnis trennen sollte. Er wünschte unzähligemal in der Sprache des Affekts, dass Andreas gestorben sein möchte, ehe er den Atem zur Entdeckung dieses Geheimnisses hätte schöpfen können. Dieser sass da, als ob er sein Todesurteil anhören sollte. Ich glaube, dass er gern mit etlichen Jahren von seinem Leben das zerstörte Vergnügen dieser Zärtlichkeit wiedererkauft hätte. Karoline trat endlich zu Marianen an das Bette und hiess Carlsonen weggehen. "Meine Tochter," fing sie an, "ich habe dich wiedergefunden, um dich aus den Armen deines Bruders zu reissen. Wollte Gott, dass ich dieser betrübten Pflicht zeitlebens hätte überhoben sein können! Vielleicht ist es die Strafe, dass ich ..., doch Gott hat es verhänget. Ihr seid beide keines Verbrechen schuldig. Eure Unwissenheit rechtfertigt eure Liebe, und die Gewissheit verbeut sie nunmehr. Ich bin eure Mutter und liebe euch als meine Kinder; aber ich verabscheue euch, wenn ihr das Band der Ehe dem Bande des Bluts vorzieht." Die Anrede war sehr fromm; allein sie war zu heftig und zu früh angebracht. Sie weckte die Verzweiflung in beiden von neuem auf. Mein Mann erwählte einen gelindern Weg, die zärtlichen Gemüter zu besänftigen. Er bediente sich eines Scheingrundes, der in der Stunde des Affekts ebensoviel Kraft zu haben pflegt als die Wahrheit. Er sagte, es wäre eine Gewissenssache, die wir nicht entscheiden könnten. Wir wollten den Ausspruch verständigen Gottesgelehrten überlassen. Er glaubte, dass die Ehe vielleicht noch stattfinden könnte. Dieses war eine Arznei, welche die Wehmut der beiden Leute verminderte und zugleich ihrer Liebe Widerstand tat. Sie entschlossen sich, sich dem Ausspruche der Geistlichen zu unterwerfen; aber gewiss nicht aus Überzeugung, sondern aus Verlangen, desto ruhiger ihre Liebe fortsetzen zu können. Wir machten uns