muss wissen, ob sie noch lebt. Komm mit", sprach er zu Karolinen. "Wir wollen den Augenblick in das Kloster fahren. In drei Tagen sind wir wieder hier." Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, gingen sie beide fort. Mein Mann und ich hatten kaum das Herz, uns anzusehen, geschweige zu reden. Ein heimlicher Schauer lief mir durch alle Glieder. "Gott! was soll das werden," fing endlich mein Mann an: "Mariane, das Kloster – und nicht weit von der Grenze! Was sind dieses für entsetzliche Nachrichten! Ach, der arme, der unglückliche Carlson! Möchte doch dieses Mal unsere Mutmassung falsch sein! Wäre doch Andreas wieder da, oder wäre er vielmehr nimmermehr wieder nach Europa gekommen! Seine Gegenwart wird uns ganz gewiss das traurige Geheimnis offenbaren, das uns ewig hätte verborgen bleiben sollen. Wird nicht Karoline, um ihre Tochter wiederzufinden, sie als Frau aus den Armen ihres eignen Sohnes reissen müssen?" Mit diesen grausamen Vorstellungen quälten wir uns, bis Andreas mit seiner Schwester, der Karoline, wieder zurückkam. Ihr Anblick liess uns zu unserm Unglücke die Sache auf einmal erraten. Karoline zerfloss fast in Tränen. Sie tat untröstlich, und ihr Bruder, als ein harter Mann, liess zwar äusserlich keine Traurigkeit spüren; allein er sass ganz betrübt. Wir konnten aus beiden lange Zeit kein Wort bringen. Sie hatten, mit einem Worte, in dem Kloster erfahren, dass eine Nonne, mit Namen Mariane, welche um das und das Jahr (Tag und Jahr traf beides ein) in das Kloster gebracht wäre, vor andertalb Jahren dasselbe heimlich verlassen und, soviel man wüsste, sich mit einem jungen von Adel verheiratet hätte. Was war zu tun? Wir mussten, anstatt nach Amsterdam zu reisen, wieder zurück nach Carlsons Quartier. Wir sahen alle viere nur mehr als zu gewiss, dass diese Nonne niemand anders als Carlsons Frau sein würde. Doch man müsste das menschliche Herz nicht kennen, wenn man glaubte, dass wir zu unserm Troste keine Ausflüchte gewusst hätten. Eine Nachricht, von der uns die Gewissheit erschreckt und das Gegenteil erfreut, mag noch so wahrscheinlich sein, als sie will, so sind wir doch sinnreich genug, sie zweifelhaft zu machen. "Sollte ich", sagte Karoline, "denn mein Kind, mein leiblich Kind, nicht kennen? Sollte es denn keine Ähnlichkeit mit mir haben?" Gleichwohl hatte sie es verlassen, da es kaum einige Monate alt gewesen war. "Ein junger von Adel," fing mein Mann oft unterwegs an, "ein junger von Adel? Wenn hat sich denn Carlson dafür ausgegeben? Er ist viel zu bescheiden, als dass er sich einen Stand andichten sollte, in dem er nicht erzogen worden ist." – "Nein, nein," sprach ich, "das wolle Gott nicht! Hätte er sich auch für einen Edelmann ausgegeben, warum hätte er nicht gesagt, dass er ein Offizier wäre? Vielleicht ist in ebendem Jahre noch ein Kind in das Kloster gekommen, das ebenfalls den Namen Mariane gehabt hat." Andreas, der der Philosophie wegen nicht nach Ostindien gereiset war, meinte, es läge schon in der natur, dass ein Paar so nahe Blutsfreunde einander nicht als Mann und Frau lieben könnten. Ich glaube, dass wir uns alle Augenblicke auf dieser Reise widersprachen, ohne es zu merken. Voll Zittern und Hoffnung kamen wir also bei unserm Carlson wieder an. Wir hatten uns vorgenommen, recht behutsam zu gehen und die Ursache unserer Zurückkunft weder ihm noch ihr merken zu lassen. Wir wollten sagen, dass wir aus Vergnügen über die Ankunft des Herrn Andreas wieder mit umgekehrt wären. Wenn auch, sprachen wir alle, Mariane die rechte Mariane sein sollte: so würden diese zärtlichen Eheleute doch beide in Verzweiflung geraten, wenn wir ihnen dieses traurige Geheimnis auf einmal entdeckten. "Nein," fing ich an, "wir bringen Marianen auf diese Art um das Leben. Ist sie die wahre Karoline: so will ich sie bitten, dass sie mir zuliebe auf einige Zeit mit nach Amsterdam reisen soll. Ihr Mann wird ihr dies Vergnügen nicht abschlagen. Ist sie einmal in Amsterdam: so wird es Zeit sein, ihr das Geheimnis nicht sowohl zu entdecken, als es sie nach und nach selbst entdecken zu lassen. Weiss es Mariane: so soll es Carlson auch erfahren. Er muss sie in seinem Leben nicht wieder zu sehen bekommen. Dieses wird der einzige Trost sein, mit dem wir ihm in seinem mitleidenswürdigen Irrtume beistehen können. Er kennt die Religion und hört die Vernunft. Die Tochter aus dieser unglücklichen Ehe will ich erziehen lassen, damit Mariane den traurigen Beweis einer so zärtlichen und nunmehr unerlaubten Liebe nicht vor Augen hat." In dieser Beratschlagung langten wir bei Carlson an. Er trat in die tür, indem wir ankamen, und lief uns mit Verwunderung entgegen. Wir heiterten unsere Gesichter so gut auf, als es möglich war, und sagten ihm, dass Herr Andreas, Karolinens Bruder, den wir in dem Haag von seiner Wiederkunft aus Indien angetroffen hätten, die Ursache unserer Zurückkunft wäre. Wer war froher als er! Wir traten in die stube zu seiner Marine. Kaum hatte Andreas Marianen erblickt: so fiel er ihr um den Hals und schrie mit einem entsetzlichen Tone: "Ach, dass Gotter barme, sie ist es, sie ist es