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einen sehr einnehmenden, feurigen und blühenden Mann (denn dieses war Carlson) und dann ein von natur zärtliches Frauenzimmer vor, die von Jugend auf eine Nonne gewesen war, und bei der die süssen Empfindungen nur desto mächtiger geworden waren, weil sie an der strengen Lebensart und an den Regeln einer hohen Keuschheit einen beständigen Widerstand gefunden hatten: so wird man die inbrünstige und schmachtende Liebe dieser jungen Frau einigermassen denken können. Ich war sowohl mit unsers Carlsons Wahl zufrieden als mein Mann, und wir vergnügten uns an der Zufriedenheit dieses Paares so sehr, dass wir nicht wieder von ihnen kommen konnten. Wir liessen Geld aus Amsterdam kommen und blieben ein ganzes Jahr und länger bei diesen zärtlichen Eheleuten. Nichts fehlte uns, als Carlsons redliche Mutter. Wir hatten Briefe von ihr, dass es sich mit ihrer Gesundheit gebessert hätte, und dass sie imstande wäre, bald zu uns zu kommen. Wir schickten auch den Reitknecht, der mir ehemals die Post von meines Gemahls tod gebracht hatte, fort, dass er sie abholen und zu uns bringen sollte. Er hatte sie bereits unterwegs angetroffen, und sie war bei uns, ehe wir es vermuteten. Sie zeigte sich recht vergnügt, und sie ward durch die Freude über ihres Sohnes Glück und mein Vergnügen alle Tage belebter und munterer. Indessen versicherte uns diese rechtschaffene Frau, dass ihr Vergnügen gar zu gross sei, als dass es lange Bestand haben könnte. Mariane ward mit einer Tochter entbunden. Auch dieses diente uns zu einer neuen Freude. Doch je mehr wir Ursache hatten, mit Marianen zufrieden zu sein, desto begieriger wurden wir, etwas Gewisses von ihrer Herkunft zu erfahren. Gleichwohl war alle unsere angewandte Mühe vergebens, uns dieses Geheimnis zu entdecken. Mariane hatte ihrem mann zuliebe das Kloster heimlich verlassen, und wir mussten bei unserer Nachforschung sehr behutsam gehen, damit wir sie nicht in Gefahr setzten, entdeckt zu werden. Im Kloster fertigte man diejenigen, die wir insgeheim nachfragen liessen, mit der Antwort ab, dass ihnen Marianens Stand und Geburt unbekannt wäre, dass sie in ihrem sechsten Jahre von einem gemeinen mann in das Kloster gebracht worden, der ein gewisses Geld zu ihrer Erziehung dagelassen und nichts gesagt hätte, als dass sie die Tochter eines unglücklichen Holländers wäre, der sie nicht in der reformierten Religion erziehen lassen wollte. Vielleicht könnte er der Äbtissin mehr vertraut haben, diese aber wäre tot. Kurz, wir erfuhren nichts, und es konnte sein, dass man in dem Kloster selbst nichts Gewisses von Marianens Herkunft wusste. Denn wie viele Kinder werden nicht unter einem fremden Namen in die Klöster gebracht und durch unbekannte hände erhalten!

Endlich mussten wir uns doch entschliessen, wieder nach Amsterdam zurückzugehen. Unsere Umstände forderten diese Trennung. Karoline begleitete uns nach dem Haag. Sie erkundigte sich hier, ob sie nicht jemanden antreffen könnte, der ihr von ihrem Bruder Andreas Nachricht geben könnte. Allein sie erfuhr nichts weiter, als was wir schon wussten, nämlich, dass er nach seiner Frauen tod unglücklich in seiner Handlung geworden und, weil er sein Vermögen eingebüsset hätte, mit einem Schiffe nach Ostindien gegangen wäre, sein Glück von neuem zu versuchen. Wir blieben noch etliche Tage in dem Haag und nahmen unsere Reisegelder in Empfang. Und eben da wir fort wollten, liess uns der Kaufmann, der sie uns ausgezahlt hatte, sagen, dass in Amsterdam vor etlichen Tagen ein Ostindienfahrer, und auf diesem Schiffe zugleich Herr Andreas, der Kaufmann, nach dem wir ehedem gefragt hätten, zurückgekommen und heute bei ihm gewesen wäre. Diese Zeitung war zu wichtig, als dass wir unsere Reise hätten fortsetzen sollen, ohne den Herrn Andreas zu sprechen. Aber wollte der Himmel, dass wir ihn in unserm Leben nicht gesehen hätten! Er kam den andern Tag zu uns. Karolinens erste Frage war, warum er ihr denn vor seiner Abreise nach Ostindien nichts Ausführliches von dem tod ihrer Tochter geschrieben hätte? "Ist denn Mariane tot?" rief er. – "Was willst du denn mit der Mariane?" versetzte seine Schwester. "Meine Tochter hiess ja, wie ich, Karoline. Wo ist sie denn? Ist sie nicht tot? Ach, wenn doch dieses Gott wollte!" – "Ja doch," sprach Andreas, "ich weiss es wohl, sie hiess Karoline; aber aus Liebe zu meiner Frau, und weil ich sie an Kindes Statt angenommen hatte, nennte ich sie nach meiner Frau Mariane. Ich will dir alles erzählen; aber versprich mir, dass du mir auch alles vergeben willst. Meine liebe Frau starb mir, wie ich dir vor zehen Jahren gemeldet habe. Mariane war ebenfalls tödlich krank, und ich hielt sie schon für verloren. Allein es besserte sich mit ihr. Indessen nötigte mich mein Bankerott, mein Glück anderwärts zu versuchen. Ich ging nach Ostindien. Du weisst, dass ich der katolischen Religion zugetan bin. Ich liebte deine Tochter, oder vielmehr meine an Kindes Statt angenommene Mariane, recht väterlich. Um sie nun teils in meiner Religion erziehen zu lassen, teils sie wohl zu versorgen: so nahm ich, was ich noch hatte, und tat dieses liebe Kind vor meiner Abreise, und ohne jemandem etwas zu sagen, in ein Kloster an der Grenze der Österreichischen Niederlande. Ich war eben im Begriffe, dahin zu reisen, um zu sehen, ob Mariane noch lebte, als ich hierher gerufen ward. Ich kann nicht länger warten, ich