Lebensart erhielten ihn so gesund, als ob er erst zu leben anfing. Wer war glücklicher, als wir! Unser Glück fiel niemanden in die Augen, und desto ruhiger konnten wir es geniessen. Wir lebten, ohne zu befehlen und ohne zu gehorchen. Wir durften niemanden von unsern Handlungen Rechenschaft geben als uns selbst. Wir hatten mehr, als wir begehrten, und also genug, andern wohlzutun. Wir hatten eine Gesellschaft, die sich zu unsern Neigungen schickte. Wir lebten an dem volkreichsten Orte in der grössten Stille. Dieses war unser Verlangen. Wir konnten uns beide mit dem edelsten Zeitvertreibe, mit Lesen und Denken, unterhalten. Wir studierten, ohne dass uns deswegen jemand bewundern sollte. Wir studierten zu unserer eigenen Ruhe. Und dass ich alles mit einmal sage, wir wussten in unsrer Ehe von keinem andern Wechsel, als von Gefälligkeiten und Gegengefälligkeiten. Viele können es nicht vertragen, wenn sie die Liebe verehlichter Personen so zärtlich abgeschildert sehen als die Liebe zwischen unverehelichten, weil man sieht, dass die meisten Ehen die Liebe eher auslöschen als vermehren. Doch solche Leute wissen nicht, was Klugheit und Behutsamkeit in der Ehe für Wunder tun können. Sie erhalten die Liebe und befördern ihren Fortgang, wie das Herz durch seine Bewegung den Umlauf des Geblüts. Es ist wahr, eine beständige und sich stets gleiche Zärtlichkeit ist in der Ehe nicht möglich. Doch wenn nur auf beiden Seiten eine gegründete Liebe vorhanden ist, so kann sie bis in die spätesten Jahre feurig und lebhaft bleiben. Unsere Empfindungen können wohl etwas abnehmen, allein diese Abnahme heisst wenig. Derjenige hat allemal genug Vergnügen, solange er so viel hat, als das Mass seiner Empfindungen verlangt. Genug, wir sind nach vielen Jahren noch so verliebt ineinander gewesen, als wenn wir uns erst zu lieben angefangen hätten. Man denke ja nicht, weil wir die Wissenschaften liebten, dass wir an uns nur unsere Seelen geliebt hätten! Ich habe bei allen meinen Büchern über die metaphysische Geisterliebe nur lachen müssen. Der Körper gehört so gut als die Seele zu unserer natur. Und wer uns beredet, dass er nichts als die Vollkommenheiten des Geistes an einer person liebt, der redet entweder wider sein Gewissen, oder er weiss gar nicht, was er redet. Die sinnliche Liebe, die bloss auf den Körper geht, ist eine Beschäftigung kleiner und unfruchtbarer Seelen. Und die geistige Liebe, die sich nur mit den Eigenschaften der Seele gattet, ist ein Hirngespinste hochmütiger Schulweisen, die sich schämen, dass ihnen der Himmel einen Körper gegeben hat, den sie doch, wenn es von den Reden zu der Tat käme, um zehn Seelen nicht würden fahren lassen.
Ich komme wieder zu meiner geschichte. Wir lebten, wie ich gesagt habe, so vergnügt, als man nur leben kann. Wir meldeten Carlsonen – so hiess Karolinens Sohn, der Fähndrich – unsere Heirat und baten ihn, dass er uns besuchen sollte, wenn es möglich wäre; denn wir hatten ihn nun wohl in vier Jahren nicht gesehen. Er schrieb uns, dass er Leutnant geworden wäre, dass es ihm sehr wohl ginge, und dass er sich vor wenig Wochen mit einem Frauenzimmer, die ihm zu Gefallen das Kloster heimlich verlassen, verheiratet hätte. Von ihrem stand könnte er uns nichts sagen, weil sie in dem sechsten Jahre in das Kloster gekommen und darinnen bloss unter dem Namen Mariane bekannt gewesen wäre. Sie möchte indessen von dem niedrigsten Herkommen sein: so wäre sie doch so liebenswürdig, dass er sich nur einen hohen Stand wünschen wollte, um seine Geliebte dareinsetzen zu können. Denn Carlson wusste nichts weiter von seiner Geburt, als dass sein Vater ein Aufseher auf den Gütern meines ersten Gemahls gewesen und ihm jung gestorben wäre. Er bat uns unbeschreiblich, dass wir nach dem Haag kommen sollten, von welchem Orte er jetzt nur etliche Meilen weit in dem Quartiere stünde. Diese Nachricht erschreckte uns fast mehr, als sie uns erfreuete. Wir vermuteten bei dieser Ehe zwar genug Liebe, aber nicht genug Überlegung. Indessen schickten wir ihm etliche hundert Dukaten, dass er seine Umstände desto bequemer einrichten könnte. Wir versprachen auch, ihn so bald zu besuchen, als es die Jahreszeit und meine Umstände erlauben würden; denn ich war mit einer Tochter darniedergekommen. Wir reiseten den folgenden Frühling nach dem Haag ab. Wir fanden an unserm Carlson und seiner Frau ein Paar Eheleute, die einander wert waren. Sie war blond und hatte ein Paar grosse blaue und schmachtende Augen, die sich zu schämen schienen, dass sie die Verräter von einem sehr zärtlichen Herzen sein sollten. Und wenn auch die übrigen Teile ihres Gesichts nicht so ausnehmend wohlgestaltet und recht abgemessen gewesen wären: so hätte sie doch bloss ihrer Augen wegen den Namen einer Schönheit verdient. Von ihrem verstand will ich nicht viel sagen. Sie war in dem Kloster erzogen. Ihr unschuldiges und aufrichtiges Herz hätte auch den Mangel des Witzes tausendmal ersetzt, wenn sie gleich weniger Einsicht gehabt hätte, als sie in der Tat hatte. Es hing ihr noch etwas Schüchternes aus dem Kloster an; allein selbst diese Schüchternheit schickte sich so wohl zu ihrer Unschuld, dass man sie ungerne würde vermisst haben. Ja, ich sage noch mehr, man liebte sogar an ihr die Schüchternheit; so wie oft ein Fehler unter gewissen Umständen zu einer Schönheit werden kann.
Ich suche die Worte vergebens, mit denen ich ihre Zärtlichkeit gegen ihren Mann beschreiben will. Man stelle sich