oft so beschaffen, dass es die Liebe gegen eine angenehme person zurückhält, sobald es auf das genaueste mit ihr verbunden werden soll. Vielleicht", fuhr er fort, "gefällt Ihnen einer von den andern Herren besser zur Liebe, ob Ihnen dieser gleich zu einem guten Freunde besser gefällt."
Ich versicherte ihn, dass ich mich seines Rats bedienen würde, sobald ich meine eigne Neigung zu Rate gezogen hätte. "Warum", fuhr ich fort, "heiraten Sie denn nicht?" – "O," sagte er, "ich würde es gewiss getan haben, wenn meine Umstände und die Liebe mir zur Ehe geraten hätten. Die Liebe und meine Philosophie sind einander gar nicht zuwider. Eine recht zufriedne Ehe bleibt, nach allen Ansprüchen der Vernunft, die grösste Glückseligkeit des gesellschaftlichen Lebens. Zeigen Sie mir eine person, die mir anständig ist, und die Ihnen die Versicherung gibt, dass sie mich zu besitzen wünscht: so werde ich sie, sobald ich sie kenne, mit der grössten Zufriedenheit zu meiner Gattin wählen. Wir haben alle eine Pflicht, uns das Leben so vergnügt und anmutig zu machen, als es möglich ist. Und wenn es wahrscheinlich ist, dass es durch die Liebe geschehen kann, so sind wir auch zur Liebe und Ehe verbunden." – "Allein", versetzte ich, "Sie haben ja, solange ich Sie kenne, gegen unser Geschlecht sehr gleichgültig zu sein geschienen; wie kommt es denn, dass Sie der Liebe jetzt das Wort reden?" – "Ich bitte," sprach er, "vermengen Sie die Bescheidenheit nicht mit der Gleichgültigkeit. Ich weiss, dass man dem andern mit seiner Liebe oft so beschwerlich fallen kann als mit seinem Hasse. Und aus diesem grund bin ich stets behutsam, aber darum nicht gleichgültig gegen das Frauenzimmer." – "Ich weiss eine person," hub ich an, "die Sie liebt, und ich glaube nicht, dass sie Ihnen missfallen wird. Allein deswegen weiss ich auch noch nicht, ob es eben diejenige ist, mit der Sie das genauste Band der Liebe schliessen wollen." Er ward bestürzt und fragte mich wohl zehnmal, wer sie wäre. Ich hielt ihn lange auf, und endlich versprach ich ihm, dass er sie nachmittage zu sehen bekommen sollte. Nachmittage schickte ich ihm mein Porträt und schrieb ein Billett ungefähr dieses Inhalts an ihn: "So hat die person in ihrer Jugend ausgesehn, die Sie liebt. Erst hat sie nur Freundschaft und Erkenntlichkeit gegen Sie empfunden. Die Zeit und Ihr Wert hat diese Regungen in Liebe verwandelt. Der liebste Freund meines Gemahls hat das erste Recht auf mein Herz. Sie sind so grossmütig und tugendhaft mit mir umgegangen, dass ich Sie lieben muss. Antworten Sie mir schriftlich! Entschuldigen Sie sich nicht mit Ihrem stand! Sie haben die Verdienste; was geht die Vernünftigen die Ungleichheit des Standes an? Um die Unvernünftigen dürfen wir uns nicht kümmern, weil hier niemand von meinem stand weiss." Er kam den Augenblick zu mir. Und ebender Mann, der sowohl bei meines Gemahls Lebzeiten als nach seinem tod nie so getan hatte, als ob er mir eine Liebkosung erweisen wollte, wusste mir jetzt seine Zärtlichkeit mit einer so anständigen und einnehmenden Art zu bezeigen, dass ich ihn würde zu lieben angefangen haben, wenn ich ihn noch nicht geliebt hätte. "Nunmehr", sagte er, "haben Sie mir das Recht gegeben, Ihnen mein Herz sehen zu lassen. Und nunmehr kann ich Ihnen ohne Fehler das gestehen, was mich die Ehrerbietung sonst hat verschweigen heissen. Ich habe an das Glück, das Sie mir jetzt anbieten, wie der Himmel weiss, kaum gedacht. Und wenn ich auch daran gedacht hätte, so würde mich meine wenige Eigenliebe niemals diesen Gedanken haben fortsetzen lassen. Es fehlt zu meiner Zufriedenheit nichts, als dass Sie mich überzeugen, dass ich Ihrer wert bin: so will ich mich für den glücklichsten Menschen schätzen." Kurz, wir gingen zu unserer Wirtin, wir sagten ihr unsern Entschluss, und sie war nebst ihrem mann über diese unvermutete Nachricht ausnehmend erfreut. Unsere kleinen Kapitale hatten sich binnen sechs Jahren in der Handlung fast um noch einmal soviel vermehret, und wir hätten beide sehr gemächlich davon leben können. Allein unser freundschaftlicher Wirt wollte uns nicht aus seinem haus lassen. Er behielt unser Geld und erwies uns wie zuvor alle mögliche Gefälligkeiten. Also war Herr R... mein Gemahl oder, wenn ich nicht mehr standesmässig reden soll, mein lieber Mann. Ich liebte ihn, wie ich aufrichtig versichern kann, ganz ausnehmend und so zärtlich als meinen ersten Gemahl. An Gemütsgaben war er ihm gleich, wo er ihn nicht noch in gewissen Stücken übertraf. Aber an dem Äusserlichen kam er ihm nicht bei. Er war wohlgewachsen; allein er hatte gar nicht das Einnehmende an sich, das gleich auf das erstemal rührt. Nein, man musste ihn etlichemal gesehen, man musste ihn gesprochen haben, wenn man ihm recht gewogen sein wollte. Ich will deswegen nicht behaupten, dass er sich für alle Frauenzimmer geschickt haben würde. Genug, er gefiel mir, und ich fand jeden Tag in seinem Umgange eine neue Ursache, ihn zu lieben. Er war nahe an vierzig Jahre, und er hatte seit der Zeit, dass ich ihn bei meinem Gemahle kennen lernen, sich gar nicht von person geändert. Seine ordentliche und stille