zu schenken pflegt! Er unterrichtete den jungen Menschen in den Sprachen und Künsten und brachte ihm die edelsten Meinungen von der Religion und Tugend bei. Was sein Unterricht nicht tat, das richtete sein Exempel aus. Der Schüler ward seinem Lehrer ähnlich und belohnte dessen Mühe durch einen fähigen Verstand und durch ein gutes Herz. Ich brachte meine Zeit meistens mit Studieren zu, wenn anders ein Frauenzimmer ohne Eitelkeit dieses von sich sagen kann. Ich redte des Tages gemeiniglich eine Stunde mit unserm jungen Schüler und suchte ihm das Wohlanständige beizubringen, das junge Mannspersonen oft am ersten von einem Frauenzimmer lernen können. Ich suchte sein flüchtiges und feuriges Wesen der Jugend durch meine Ernstaftigkeit zu mässigen. Ich tat stets fremd gegen ihn und stellte verschiedne Personen vor, damit er meinen Umgang nicht zu gewohnt werden und in meiner Gesellschaft immer etwas Neues finden sollte. Mit der Tochter meiner Wirtin, welche ein Mädchen von etwa acht Jahren war, vertrieb ich mir manche Stunde. Ich lehrte sie Französisch, zeichnen, sticken und auch singen. Kurz, ich führte eine sehr ruhige Lebensart. Mein Wirt und seine Frau bequemten sich nach meinem Geschmacke und lernten mir die Vergnügungen ab, mit welchen sie mich unterhalten wollten. Sie brachten mich niemals in grosse Gesellschaften. Sie störten mich nicht in meiner Einsamkeit, als bis ich gestört sein wollte. Ich durfte weder befehlen noch bitten, wenn ich ein Vergnügen haben wollte. Ich durfte nur wählen. Man hielt mich in unserm haus für eine Anverwandtine der Wirtin. Und wer sonst mit mir umging, wusste es auch nicht besser. Mein verschwiegner Stand nötigte mich also nicht, den glänzenden und sehr beschwerlichen Charakter einer Standesperson in Gesellschaften zu behaupten, und dieses zu meinem grossen Vorteile. Hätte man gewusst, dass ich eine Gräfin wäre, so würde man, anstatt mich zu bewundern, nur mein Gutes für einen notwendigen Anteil meines Standes angesehen haben. Oder wenn es hoch gekommen wäre, so würde man mich nur verehret haben, da man mich gegenteils jetzt zugleich verehrte und liebte und meinen Umgang suchte.
Vier Jahr hatte ich nunmehr in Amsterdam zugebracht und zu verschiedenen Malen an Karolinen geschrieben und sie an ihr Versprechen, zu mir zu kommen, erinnert; allein sie blieb aus.
Ihr Sohn sollte sich nunmehr eine Lebensart erwählen, welche er wollte. Er bezeigte Lust zu dem Soldatenstande, und der Herr R... war so wenig dawider, dass er seine Wahl vielmehr billigte. "Gesittete und geschickte Leute", sagte er, "sind nirgends nötiger und nützlicher, als wo es viele Ungesittete gibt. Werden Sie ein Soldat und zeigen Sie, dass man unerschrocken, tapfer, strenge – und doch auch weise, vorsichtig und liebreich sein kann. Solange Sie die Religion und ein gutes Gewissen haben werden, so lange werden Sie den Tod zwar nicht gleichgültig ansehen, aber doch ohne Entsetzen erwarten und nie aus Zagheit vermeiden. Dieses ist die wahre Tapferkeit." Wir kauften ihm eine Fähndrichsstelle; und er ging zu seinem Regiment ab, welches nachmals an die Grenze von Holland zu stehen kam.
Nunmehr kommt eine von den wundersamsten begebenheiten meines Lebens, welche mir von Leuten, die den Stand lieben und die Menschen nicht nach ihren Neigungen und Eigenschaften, sondern stets nach der Geburt und nach dem Range untereinander vergleichen, schwerlich wird vergeben werden. Ich war noch in meinen besten Jahren, und die Annehmlichkeiten in meiner Bildung waren noch nicht verloren gegangen oder höchstens zum Teile nur so verloschen wie die kleinen Züge in einem Gemälde, die man nicht sehr vermisst. Es fanden sich verschiedene Holländer von Ansehen und grossem Vermögen, die mich zur Frau begehrten. Allein ihr Suchen war umsonst. Wer einen so liebenswürdigen und vortrefflichen Gemahl als ich gehabt, konnte in der Liebe wohl etwas eigensinnig sein. Ob nun gleich keiner von meinen Freiern seine Absicht erreichte, so weckten sie doch die Erinnerung von der Süssigkeit der Liebe bei mir wieder auf. "Du willst," dachte ich, "um dieser Herren los zu werden, dich selbst zu einer Wahl entschliessen." Diese Ursache zu einer Ehe ist etwas weit hergeholet. Indessen war es gewiss, dass ich sie bei mir selber vorwand, weil es mein Herz haben wollte. Der Herr R... kam an einem Nachmittage zu mir auf meine stube und fragte mich, ob ich mich bald der Ehe zum besten entschlossen hätte. "Raten Sie mir denn," sprach ich, "dass ich wieder heiraten soll?" – "Nicht ehe," versetzte er, "als bis ich sehe, dass es Ihnen Ihr eigen Herz geraten hat. Sie kennen meine Aufrichtigkeit, und Sie wissen, dass ich nichts für ein Glück halte, was man nicht verlangt und freiwillig wählt. Unter der grossen Anzahl Männer, die sich um Ihr Herz bemühen, gefällt mir keiner besser als der Herr von der H..., nicht deswegen weil er sehr gelehrt ist, sondern weil er ausser seinen Wissenschaften und seiner wichtigen Bedienung sehr viele Vorteile hat, die ihm Liebe erwerben und ihn zur Liebe geschickt machen. Ich habe gewiss Recht, dass er ein liebenswürdiger Mann ist; allein diesem Urteile dürfen Sie darum nicht trauen. Ich betrachte den Mann zwar nach einerlei Begriffen mit Ihnen, aber nicht nach einerlei Empfindungen. Ich liebe ihn als einen Freund, und als ein Freund kann er Ihnen angenehm und liebenswert vorkommen, aber darum noch nicht als ein Ehemann. Unser Herz ist