, wem sie diesen guten Geschmack zu danken hatte. Unter ihrem Spiegel hing das Bildnis meines Gemahls. Sobald sie merkte, dass mir's in die Augen fiel, so überreichte sie mir's zum Geschenke und gestund mir, dass sie es selber gemalet hätte; denn sie konnte vortrefflich in Miniatür malen. Ich hielt es für eine Grausamkeit, sie um dieses Andenken zu bringen. Darum bat ich sie, das Bild noch einmal zu malen und dieses so lange zu behalten.
Ihr Sohn war noch nicht völlig dreizehn Jahre alt. Er war ein sehr artiger und lebhafter Knabe. Sie hatte ihn schon in seinen zartesten Jahren einem geschickten mann zur Aufsicht anvertraut und ihn jetzt nur auf etliche Wochen zu sich kommen lassen, weil sie wegen der anhaltenden Krankheit ihr Ende vermutet. Sie gestund mir zu gleicher Zeit, dass sie von meinem verstorbenen Gemahle auch eine Tochter gehabt hätte. Sie wäre mit ihr in Holland darniedergekommen und hätte sie bei ihrem Bruder, einem Kaufmanne im Haag, teils auf sein Bitten, teils aus andern Ursachen zurückgelassen; dieses Kind aber wäre in seinem sechsten Jahre gestorben, wie ihr Bruder geschrieben hätte. "Ich wollte wünschen," fuhr sie fort, "dass Sie Ihren Aufentalt in Holland bei meinem Bruder nehmen könnten. Doch, soviel ich weiss, ist er nicht mehr in den besten Umständen. Ich habe lange keine Nachricht von ihm und weiss nicht, ob er sich von seinem starken Bankerotte wieder erholet hat oder nicht."
Der Herr R... kam unterdessen von seiner vergebenen Reise wieder. Es war Zeit, dass wir uns von einem Orte wegmachten, wo wir länger nicht wohl verborgen bleiben konnten. Ehe wir noch fortgingen, so starb der Bediente des Herrn R..., dessen Verlust uns nicht wenig daurete. Dieser redliche Mensch gab seinem Herrn vor seinem tod vierhundert Stück Dukaten. "Dieses Geld", sagte er, "habe ich in Ihrem Dienste und durch Ihre Freigebigkeit gesammlet, und ich bin froh, dass ich es Ihnen wiedergeben kann. Ihrer Güte, Ihrem Unterrichte und Ihrem Exempel habe ich's zu danken, dass ich jetzt gelassen und freudig sterben kann. Wenn Sie nur wieder einen Menschen hätten, auf den Sie sich verlassen könnten." So gewiss ist's, dass man auch den niedrigsten Menschen edelmütig machen kann, wenn man ihn nicht bloss als seinen Bedienten und Sklaven, sondern als ein geschöpf ansieht, das unserer Aufsicht anvertraut und zu einem allgemeinen Zwecke nebst uns geboren ist.
Wir verliessen nunmehr Karolinen in Begleitung ihres Sohnes. Sie versprach, sobald es möglich wäre, uns zu folgen und ihr Landgütchen zu verkaufen. Wir kamen glücklich in Amsterdam an. Der Vetter des Herrn R..., bei dem wir uns aufhalten wollten, war zwar gestorben, doch lebte seine Tochter noch. Sie kannte den Herrn R..., sobald sie ihn sah: denn er war, wie ich schon gesagt habe, mit meinem Gemahle ehedem durch Holland gereiset. Sie nahm uns sehr gütig auf, und ihr Ehemann war ebenfalls ein vernünftiger und dienstfertiger Mann. Ich entdeckte mich ihnen und bat, dass sie meinen Stand nicht allein verschwiegen halten, sondern ihn auch vergessen und mich nicht mehr als eine Gräfin, sondern als eine unglückliche Freundin betrachten möchten. Sie hatten von dem Schicksale meines Gemahls schon durch die Zeitungen gehöret. Und wenn ich auch keine Eigenschaften gehabt hätte, mich bei diesen Leuten in Gewogenheit und Ansehen zu setzen, so war doch mein Unglück schon die beste Empfehlung. Ja, ich erfuhr, dass ein grosses Unglück in den Gemütern vieler Menschen fast ebendie wirkung hervorbringt, welche sonst ein grosses Glück zu verursachen pflegt. Man schätzt uns hoch, weil wir viel erlitten oder viel verloren haben, und man macht unsern Unfall zu unserm Verdienste, sowie man oft unser Glück, ob wir gleich dazu nichts beigetragen haben, als unsre Vollkommenheit ansieht. Mit einem Worte, diese Leute erwiesen mir, ehe ich sie noch kannte, mehr Hochachtung und gefälligkeit, als ich fordern konnte. Sie gaben mir einen ganzen teil von ihrem haus zu meiner wohnung ein: ich nahm aber nicht mehr als ein paar Zimmer. Und damit ich diesen guttätigen Leuten nicht zur Last werden möchte, so entdeckte ich dem Herrn R..., dass ich willens wäre, meine Juwelen zu Gelde zu machen und das Geld in die Handlung seiner Frau Muhme zu legen. Er sagte, dass er es mit seinen vierhundert Dukaten, die ihm sein Bedienter gegeben, schon also gemacht hätte. Mein dienstwilliger Wirt verhandelte die Juwelen für zwölftausend Taler und sagte, dass er mir keine Interessen, sondern den ordentlichen Gewinst davon abgeben wollte; der bei der Rechnung in seinem Handel auf dieses Kapital fallen würde. Ich bat ihn, dass er mir keine Rechnung ablegen, sondern mich und meine beiden Reisegefährten anstatt der Interessen erhalten sollte. Ich lebte hier so ruhig, dass ich mir keinen andern Ort wünschte. Herr R... hatte den Sohn von Karolinen bei sich. Weil er kein Amt hatte, so gab er sich selber eins und zog diesen jungen Menschen mit so vieler Sorgfalt auf, als ein Mann tun kann, der in dem Bewusstsein edler Absichten und nützlicher Taten seine Belohnung sucht. Und wie sehr würden nicht die Grossen viel niedrige und unberühmte Männer beneiden, wenn sie die Belohnung kennten, welche solchen Leuten das Gedächtnis ihrer rühmlichen Absichten und guten Taten