Christian Fürchtegott Gellert
Leben der schwedischen
Gräfin von G**
Erster teil
Vielleicht würde ich bei der Erzählung meines Geschlechts ebenso beredt oder geschwätzig als andre sein, wenn ich anders viel zu sagen wüsste. Meine Eltern sind mir in den zartesten Jahren gestorben, und ich habe von meinem Vater, einem Livländischen von Adel, weiter nichts erzählen hören, als dass er ein rechtschaffener Mann gewesen ist und wenig Mittel besessen hat.
Mein Vetter, der auch ein Landedelmann war, doch in seiner Jugend studiert hatte, nahm mich nach meines Vaters tod zu sich auf sein Landgut und erzog mich bis in mein sechzehntes Jahr. Ich habe die Worte nicht vergessen können, die er einmal zu seiner Gemahlin sagte, als sie ihn fragte, wie er es künftig mit meiner Erziehung wollte gehalten wissen. "Vormittags", fing er an, "soll das fräulein als ein Mann und nachmittags als eine Frau erzogen werden." Meine Muhme hatte mich sehr lieb, zumal weil sie keine Tochter hatte, und sie sah es gar nicht gern, dass ich, wie ihre jungen Herren, die Sprachen und andere Pedantereien, wie sie zu reden pflegte, erlernen sollte. Sie hätte mich dieser Mühe gern überhoben; allein ihr Gemahl wollte nicht. "Fürchten Sie sich nicht", sprach er zu ihr, "das fräulein lernt gewiss nicht zuviel. Sie soll nur klug und gar nicht gelehrt werden. Reich ist sie nicht, also wird sie niemand als ein vernünftiger Mann nehmen. Und wenn sie diesem gefallen und das Leben leicht machen helfen soll, so muss sie klug, gesittet und geschickt werden." Dieser rechtschaffene Mann hat keine Kosten an mir gesparet; und ich würde gewiss noch etliche Jahre eher vernünftig geworden sein, wenn seine Frau einige Jahre eher gestorben wäre. Sie hat mich zwar in Wirtschaftssachen gar nicht unwissend gelassen; allein sie setzte mir zu gleicher Zeit eine Liebe zu einer solchen Galanterie in den Kopf, bei der man sehr glücklich eine stolze Närrin werden kann. Ich war freilich damals noch nicht alt; allein ich war alt genug, eine Eitelkeit an mich zu nehmen, zu der unser Geschlecht recht versehen zu sein scheint. Aber zu meinem Glücke starb meine Frau Base, ehe ich noch das zehnte Jahr erreicht hatte, und gab meinem Vetter durch ihren Tod die Freiheit, mich desto sorgfältiger zu erziehen und die übeln Eindrücke wieder auszulöschen, welche ihr Umgang und ihr Beispiel in mir gemacht hatten. Ich hatte von natur ein gutes Herz, und er durfte also nicht sowohl wider meine Neigungen streiten als sie nur ermuntern. Er lieh mir seinen Verstand, mein Herz recht in Ordnung zu bringen, und lenkte meine Begierde zu gefallen nach und nach von solchen Dingen, die das Auge einnehmen, auf diejenigen, welche die Hoheit der Seele ausmachen. Er sah, dass ich wusste, wie schön ich war; um desto mehr lehrte er mich den wahren Wert eines Menschen kennen und an solchen Eigenschaften einen Geschmack finden, die mehr durch einen geheimen Beifall der Vernunft und des Gewissens als durch eine allgemeine Bewunderung belohnt werden. Man glaube ja nicht, dass er eine hohe und tiefsinnige Philosophie mit mir durchging. O nein, er brachte mir die Religion auf eine vernünftige Art bei und überführte mich von den grossen Vorteilen der Tugend, welche sie uns in jedem stand, im Glücke und Unglücke, im tod und nach diesem Leben bringt. Er hatte die Geschicklichkeit, mir alle diese Wahrheiten nicht sowohl in das Gedächtnis als in den Verstand zu prägen. Und diesen Begriffen, die er mir beibrachte, habe ich's bei reifern Jahren zu verdanken gehabt, dass ich die Tugend nie als eine beschwerliche Bürde, sondern als die angenehmste Gefährtin betrachtet habe, die uns die Reise durch die Welt erleichtern hilft. Ich glaube auch gewiss, dass die Religion, wenn sie uns vernünftig und gründlich beigebracht wird, unsern Verstand ebenso vortrefflich aufklären kann, als sie unser Herz verbessert. Und viele Leute würden mehr Verstand zu den ordentlichen Geschäften des Berufs und zu einer guten Lebensart haben, wenn er durch den Unterricht der Religion wäre geschärft worden! Ich durfte meinem Vetter nichts auf sein Wort glauben, ja er befahl mir in Dingen, die noch über meinen Verstand waren, so lange zu zweifeln, bis ich mehr Einsicht bekommen würde. Mit einem Worte, mein Vetter lehrte mich nicht die Weisheit, mit der wir in Gesellschaften prahlen, oder, wenn es hoch kommt, unsere Ehrbegierde einige Zeit stillen, sondern die von dem verstand in das Herz dringt und uns gesittet, liebreich, grossmütig, gelassen und im stillen ruhig macht. Ich würde nichts anders tun als beweisen, dass mein Vetter seine guten Absichten sehr schlecht bei mir erreicht hätte, wenn ich mir alle diese schönen Eigenschaften beilegen und sie als meinen Charakter den Lesern aufdringen wollte. Es wird am besten sein, wenn ich mich weder lobe noch tadle und es auf die Gerechtigkeit der Leser ankommen lasse, was sie sich aus meiner geschichte für einen Begriff von meiner Gemütsart machen wollen. Ich fürchte, wenn ich meine Tugenden und Schwachheiten noch so aufrichtig bestimmte, dass ich doch dem Verdachte der Eigenliebe oder dem Vorwurfe einer stolzen Demut nicht würde entgehen können.
Ich war sechzehn Jahre alt, da ich an den schwedischen Grafen von G. verheiratet wurde. Mit dieser Heirat ging es folgendermassen zu. Der Graf hatte in dem Livländischen Güter, und zwar lagen sie nahe an meines Vetters Rittersitze. Das Jahr