, er wuste nichts von Mitleiden und Güte.
Der Zustand, worinn ich war, hätte auch den wildesten Menschen gerühret, er aber blieb unbeweglich. Ich kam wieder zu mir selbst. Wo wolt ihr mit mir hin, grausamer Bruder! fragte ich ihn. Er sagte mir, er wolte mich mit auf seine herrschaft nehmen, weil er erfahren hätte, dass meine Mutter an statt des mit ihm geschlossenen Vergleichs, mich mit einem Ketzer verheiraten wolte. Ich mogte bitten, flehen, weinen, wehklagen und die hände ringen: es half alles nichts, ich muste mit ihm fort.
Wir kamen mit anbrechendem Tag auf ein altes Berg-Schloss, welches ihm zugehörte: hier nahm er mich aus der Gutsche: Schwester! sagte er zu mir, ich geb euch hier vierzehen Tage Zeit, euch zu besinnen, ob ihr euer Leben in diesen verfallenen Gemäuern oder in einem Closter, welches ich euch selbst zu wehlen die Freiheit lasse, hinbringen wollet. Er übergab mich darauf seinem Verwalter, und sagte, dass sein Leben darauf stünde, mich wohl zu verwahren. Mit diesen Worten verlies er mich, und reiste weiter nach seinem Wohn-Sitz, welcher nur eine Stunde weges von dannen lag.
Ich konte vor abscheulicher Bestürzung kein Wort reden: ich sah mich unter den Händen eines Mannes und einer Frauen, welche alle Merkmahle zeigten, dass sie der böse Feind zusammen gebracht hätte, um durch sie, mit vereinigtem Nachdruck, desto mehr übels zu tun. Sie brachten mich unten zur Erden in ein Zimmer, welches mehr einem dunkelen Gefängnüs, als einem Schlaf-Gemach ähnlich sah. Es hatte nur ein kleines Fenster, welches von aussen mit einem eisernen Gegitter, inwendig aber mit gelb verrauchten Papier, an statt der Glas-Scheiben verwahret war. Ein Bett, mit einer alten Matrazze, sollte mir darin zum Lager dienen. Ich fand hier weder Leinwand noch Nacht-Kleider. Alles war unrein und modericht. Man brachte mir zum Früh-Stück eine Suppe von warmer Milch, mit dicken Brod-Brocken: ich ase davon, aus Furcht, ich möchte das Ansehen haben, als wolte ich an der göttlichen hülfe verzweiflen, und mich selbst ums Leben bringen.
Wie dachte ich hier bei mir selbst, ist Liebe Sünde? so hab ich noch mehr verdienet; dann ich habe Riesenburg allzulieb, ich lieb ihn, aber tugendhaft, und so, wie man mir gesagt, dass es in der Ordnung GOttes wär, einen Menschen zu lieben. Wie soll ich mich in diesen Umständen trösten? ich bin jung, unschuldig, einfältig und ohne Erfahrung; und GOtt setzet mich auf eine so grausame probe? doch, kommt mir solche von ihm, so muss ich seinen Willen anbeten und leiden. Es wird ihme ein leichtes sein, mich zu retten. Ich fand mich durch diese Vorstellung ziemlich beruhiget.
Ich hatte die vorige Nacht nicht geschlafen: ich war vom Schrecken dermassen gerühret worden, dass ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konte: ich sank vor Mattigkeit auf das Bette nieder, meine LebensGeister schienen sich zu trennen: ich wolte schlafen; allein, da ich das Bett betrachtete, sties mich ein unüberwindlicher Eckel an: ich machte mich so stark ich konte, und rief der Verwalterin, ich bat sie, für mich die Barmherzigkeit zu haben, und mir ein sauberes Bett-Tuch zu geben: sie brachte mir eines, das aber sehr grob war. Diese erste hülfe tröstete mich ein wenig: ich hatte unter weges meine Jubelen aus den Ohren, und von meinem Halse abgetan, und hatte auch zu gutem Glück etwas weniges von Gelde bei mir. Gehet doch, meine liebe Frau, sagte ich zu dem abscheulichen Gesicht, und lasset mir auch in dem nahgelegenen Markflecken, eine neue Kolder kauffen, um mich damit zu decken: hier habt ihr Geld: dieser Dienst soll euch von meiner Mutter wohl belohnet werden. Behaltet nur euer Geld; fuhr das verwildete Weib heraus, ich darf euch nichts holen; es sei dann, dass solches der gnädige Herr erlaubt. Nun, gute Mutter, sagt ich mit einer schier heiligen Gelassenheit, so gehet dann, und bittet ihn desswegen für mich. Sie ging hin, und kam nach ein paar Stunden wieder, und brachte mir eine saubere Decke; damit war ich zufrieden: Ich legte meinen Kopf-Putz ab, umschlung meine Haare mit meinem Schnupftuch, zog meinen Reif-Rock aus, und wickelte mich mit samt meinen übrigen Kleidern in das leinen Tuch; die Decke aber, weil es noch des Tages über ziemlich warm war, legte ich über meine Füsse.
Es moderte alles: ich fühlte solche Unkräften, dass ich mir einbildete, ich legte mich hier lebendig ins Grab; ich glaubte nicht anders, als GOtt würde mich hier auflösen, oder mich durch ein Wunder retten; ich suchte mich deswegen nur recht in eine solche Verfassung des Gemüts zu bringen, damit ich seinem Willen beides heimstellen mögte. Ich nahm im Geist von meinem geliebten Riesenburg und von meiner Mutter Abschied. Die Augen fielen mir darüber zu: Ich tat nichts als beten, und also war ich eingeschlafen.
Wer sollte denken, dass mein Geist bei solchen Leidenschafften einiger Ruhe wäre fähig gewesen? Ich hatte nicht nur einen sanften Schlaf, sondern erwachte auch nicht eher als den andern Tag. Mein Bruder erschien mir gegen Morgen im Traum: Er bedrohete mich, mir einen Dolch