.
Meine aufgebrachte Sinnen wurden endlich nach und nach durch die süse Vorstellung besänftiget, dass Riesenburg mich liebte, und dass ich mir mit seiner Beständigkeit schmeichlen konte. Meine Mutter reichte mir darauf sein Bildnüs, welches er ihr bei seiner Abreis eingehändiget hatte: dieses gab mir mehr Trost, als alle Sitten-Lehren. Ich schrieb an ihn, was ich nur zärtliches wuste; und wartete mit Verlangen auf seine Briefe, allein solche kamen nicht. Es waren schon drei Wochen verflossen, und ich hatte von Riesenburg noch keine Nachricht. O wenn sie je geliebet hätten, so wüsten sie: wie einem bei solchen Umständen zu Mute wär!
Ich hatte unterdessen unserer Abrede gemäs mich in das Adeliche Jungfrauen-Stift begeben. Ich fand darin unter den jungen geistlichen Schwestern ein sehr freies und ungebundenes Leben. Es waren wenige, die nicht ihre Liebhaber hatten. Eine von den lebhaftesten und schönsten Kindern schenkte mir gleich, bei dem ersten Eintritt ins Closter, ihre Freundschaft, und entdeckte mir, dass sie einen gewissen jungen Edelmann liebte; sie bat mich dass ich ihm erlauben mögte, zuweilen bei mir einzusprechen, und sie auf meinem Zimmer zu besuchen; weil es mit mir, da ich noch nicht eingekleidet wär, so viel nicht, als bei ihr, zu sagen hätte. Ich hatte mit allen Verliebten ein natürliches Mitleiden; und weil mich meine Freundin glauben machte, ihr Umgang mit besagtem Edelmann sei ganz ehrbar und unschuldig; so verstattete ich ihnen, ohne groses Bedenken, bei mir die verlangte Zusammenkunft; ich hatte aber bald ursache, diese gefälligkeit zu bereuen.
Der Liebhaber erschien: er machte meiner Gespielin ein Compliment, das nicht in den Regeln ihres Ordens war. Er fiel ihr um den Hals und küste sie, ohne dass sie sich im geringsten dargegen setzte. Diese Freiheit missfiel mir; noch mehr aber, da der junge Ritter auch an mich kam, und mir gleiche Höflichkeiten erweisen wolte: was ist dann das für ein Engel? sagte er, indem er mit ausgespannten Armen auf mich zueilte, und seine Bekanntschaft mit mir auf eine so vertrauliche Art anfangen wolte. Ich zitterte darüber von Schaam und Zorn, und stiess ihn verächtlich zurück. Ha, ha, fing er darüber lachend an, sie ist noch in ihrem Novitiat, sie wird schon zahmer werden. Hiermit ging er wieder auf meine Gespielin los, und suchte sich meiner Verachtung halber an ihr zu rächen; sie machten sich einander die unverschämteste Liebkosungen: weder ihre Reden, noch ihre Gebehrden schienen mir erträglich zu sein: ich ermahnte sie deshalben, diejenige Zucht und Ehrerbietung, die sie mir schuldig wären, nicht aus den Augen zu setzen; oder ich würde mich darüber bei der Priorin beschweren.
Meine geistliche Schwester fiel mir darauf mit vielen Schmeicheleien um den Hals, sie bat mich, es nicht übel zu nehmen, noch vielweniger sie zu verraten; sie wäre, sagte sie, bereits, ehe sie ins Closter gekommen wär, mit diesem Edelmann versprochen gewesen: man hätte sie gezwungen, geistlich zu werden: sie könnte aber deswegen ihr Herz so leicht nicht wieder zurück nehmen; nachdem sie solches einmal diesem Edelmann geschenket hätte: sie wär es nicht allein, setzte sie hinzu, die in diesem Closter dergleichen liebes-Verständnüsse noch unterhielt; und ich würde mir die meiste Schwestern zu Feindinnen machen, wenn ich davon eine Verräterin abgeben wolte.
Dieses machte mir einen völligen Abscheu vor dem Closter-Leben; dann ich muss ihnen mit eben der Sffenherzigkeit, damit ich ihnen meine Schwachheit entdeckte, auch zugleich bekennen, dass ich von Herzen alles dasjenige hasse, und verabscheue, was die Ehre und ein gutes Gewissen verletzet.
Ich erzehlte diese Begebenheit den andern Tag meiner Mutter: ich sagte ihr, dass der Herr von Riesenburg auf unserer Reise hieher, wohl Recht gehabt hätte, die Sitten der Ordens-Geistlichen in den Clöstern uns verdächtig vorzumahlen, und mich deswegen von einem solchen Leben abzuhalten; ich bat sie darum mit Tränen, mich nicht wieder ins Closter zu schicken; sondern mich so lang wieder zu sich zu nehmen, bis wir von dem Herrn von Riesenburg würden Nachricht erhalten haben; da ich hernach zu ihrer Schwester der Gräfin von Iserlo mich begeben wolte. Meine Mutter bewilligte solches.
Wir sandten einen Boten nach Austrasien: dieser war kaum abgefertiget, so kam mein Bruder nach Monaco; er bezeigte sich dismahl, wider seine Gewohnheit, sowohl gegen mich, als meine Mutter sehr freundlich. Wir sagten ihm dem ungeachtet nichts von unserm Vorhaben; allein, der Böswicht wuste mehr als wir; er hatte seine Spionen in Monaco, und lies alle Briefe von dem Herrn von Riesenburg, die an mich gestellet waren, auffangen, dadurch ihm also unser ganzes Geheimnüs offenbahr wurde. Er war von natur eines rauhen und wilden Ansehens; er durfte sich also nicht verstellen, wenn er etwas Böses im Sinn hatte.
Den andern Abend, als er bei uns angekommen war, nötigte er mich, mit ihm ein seiner Gutschen nach der Kirche, und von da ein wenig spatzieren zu fahren. Ich lies mir solches gefallen. Wir waren kaum eine halbe Stunde von der Stadt, so wurden durch seinen Vor-Reuter, der unserer wartete, noch vier Pferde vorgespannt.
So bald ich seine Absicht merkte, verlohr ich alle Empfindung: ich hatte weder mein Cammer-Mägdgen, noch einen Diener mitgenommen: ich schien von GOtt und Menschen verlassen. Mein Bruder war ein Barbar