in die Höhe trieb: nechst dabei stunde ein erhabenes mit Moos und Gras bedecktes Gemäuer, über welches ein kleiner Bach mit einem sanften Rauschen, durch verschiedene Abfälle sich in den Behälter ausstürzte. Man sah darin als in einem klaren Spiegel, die daherum stehende Gebüsch und Bäume, nach dem Leben abgeschildert. Die Kunst hatte hier mit Hand angeleget; nicht zwar, wie sie sonsten pfleget, die natur zu zwingen, sondern nur ihre Annehmlichkeiten desto mehr ins Auge zu setzen.
Der Graf betrachtete diese holdselige Einöde mit Entzücken: der Geist der dicht-Kunst, welcher in diesen Haynen wohnet, überfiel ihn: alle seine Gedanken flossen von sich selbst in leichte Reimen: er nahm seine Schreibtafel, und hatte kaum einige Worte nieder geschrieben, so zeigte sich die Prinzessin vor ihm: sie war von der fräulein von Turris begleitet. Der Graf, als er ihrer gewahr wurde, sprang hurtig von seiner Stelle auf, und bezeigte der Prinzessin seine Ehrerbietung, indem er aber seine Schreibtafel einstecken wolte, lies er solche ins Gras fallen. Mariane hub solche auf: Der Graf bot unterdessen der Prinzessin die Hand. Die Neugierigkeiten ist dem weiblichen Geschlecht natürlich. Mariane blätterte in der Schreibtafel hin und wieder: sie bedeckte solche vor den Augen des Grafens mit ihrem Fächer, indem sie hinter ihm her ging, sie ärgerte sich gewaltig, dass sie darin eine schreibe-Art fand, die sie nicht verstund; es waren meist Ziefer und fremde Buchstaben: nebst einigen Sinn- und Aufschriften in Lateinischer und Ligurischer Sprach. Endlich kam sie auf folgende Reimen: Ich liebe / was mich selbst der Himmel lieben macht / Wo Geist und Tugend herrscht / wo holde Schönheit
lacht;
Doch / ein zu groses Glück muss hier mein Unglück
sein /
Was Iris macht zu gros / das macht mich allzuklein. Diese Reimen waren anfangs der Marianen ein Rätsel; sie legte solches dahin aus, dass der Graf eine hohe person lieben müste, welche er zu erlangen keine hoffnung hatte: sie geriet darüber auf die Gedanken, dass solche die Prinzessin wäre; dann sie hatte so wohl an ihr, als an dem Grafen, eine sonderbare Bewegung beobachtet, als sie einander zum erstenmahl waren ansichtig worden. Die Menschen urteilen ins gemein andere nach sich selbst, und wer etwas empfindet, der bildet sich solches leicht auch von andern ein.
Die Printzessin war sonst von einem hohen und ernstaften Wesen: sie wuste nichts von den Schwachheiten der Liebe; sie hatte zwar ein zärtliches herz, aber auch eine gleiche Stärke des Geistes, die allen Anfällen der Liebe gewachsen war, und wo sie nicht das Mitleiden für andere, und die grosmütige Neigung sie glücklich zu machen, bewegte, so würde sie von keiner leidenden Gemüts-Beschaffenheit bisher etwas gewust haben. So sah die Prinzessin aus, wie der Graf nach hof kam: sie empfand etwas für ihn, welches sie nicht zu nennen wuste, Liebe konte es nicht sein, denn er erschien als ein Arzt, sie war eine Prinzessin, sie wuste es: sie empfand noch mehr, da er als ein Graf und als ein Abgesandter eines grosen Königs sich ihr vor Augen stellte; doch war diese Empfindung mehr eine Hochachtung, als eine leidenschaft, sie dachte nicht daran, dass sie Gefahr hätte, von den Reitzungen der Liebe sich einnehmen zu lassen.
Sie kam nach einem kleinen Spatziergang mit dem Grafen in die Einöde zurück; Mariane hatte hier des Grafens Schreibtafel wieder unvermerkt ins Gras geworfen; die Prinzessin erblickte solche, was sehe ich hier, sprach sie, indem sie darnach sich bücken und solche aufheben wolte. Der Graf aber kam ihr hurtig darin zuwor, und war nicht wenig bestürzt, an einem solchen Ort seine Schreibtafel zu finden.
Der Graf bat darauf die fräulein, ihm von ihren bisherigen begebenheiten Nachricht zu erteilen: in hoffnung, die Prinzessin würde noch so lange mit ihr im Garten verweilen. Die Prinzessin liess sich solches gefallen, sie setzten sich zusammen auf eine GrasBank, welche von hohen Linden-Bäumen überschattet wurde, und Mariane begunte ihre Erzehlung folgender Gestallt:
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So bald hatte nicht der Freiherr von Riesenburg in Monaco von mir Abschied genommen, so fand ich mich in einem Zustand, der durchaus betrübt war. Ich wuste nichts von mir: man hatte mich zu Bette gebracht, und mir eine Ader geöfnet; worauf ich wieder zu mir selbst kam. Meine Mutter hatte Mitleiden mit mir; doch wie sie von einem standhaften Wesen war, so redete sie mir auch ernstlich ein, dass ich mich nicht also von der Liebe müste verzärtlen lassen. Man hat in dieser Welt, sprach sie, gar mancherlei Zufälle und Wiederwärtigkeiten auszustehen: ich müste mich so nicht stellen, dieses wär ein schlechter Anfang vor eine person, welche die Welt dem Closter vorziehen wolte, und sich folglich noch gar vieler Gefahr aussetzen würde. Sie tadelte zwar nicht, dass ich den Herrn von Riesenburg liebte, sie sagte, er wäre solches wert, sie selbst wäre ihm von Herzen gewogen; allein, es wäre eine Schwachheit, in dieser Neigung so weit zu gehen, dass darunter so wohl der Leib, als das Gemüt in Gefahr gesetzet würde; alle gar zu heftige Leidenschaften taugten nicht, wenn auch ihr Ursprung gleich noch so rein und unschuldig wär. Kurz, meine Mutter, die mir in einem Augenblick eine ganze Sitten-Lehre hersagte, überzeugte mich wohl meiner Schwachheit; allein sie befreiete mich dadurch nicht von meinen Empfindungen