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mir meine gestrige Verstellung zur Gnade halten; weil mich ein Zufall so unvermutet zu einem Doctor gemacht hatte; und ich nicht glaubte die Gnade zu haben, in diesem Caracter vor Ew. Durchleucht zu erscheinen.

Der Fürst brachte darauf den Grafen zu seiner Gemahlin und den Prinzessinnen: diese waren nicht weniger, als der Fürst, verwundert, den gestrigen Doctor so hurtig in den Grafen von Rivera verwandelt zu sehen. Die Damen sassen in einem grosen mit Lichtern erhellten Zimmer. Die Cavaliers aber fanden sich meistens bei dem Fürsten und dem jungen Prinzen im Vorsaal, wo eine schöne Music sich hören liess. Die älteste Prinzessin errötete, als ihr der Graf seine Ehrerbietung bezeigte: Sie konte einem gewissen Eindruck, welchen ihr derselbe bei dem ersten Anblick gegeben hatte, nicht widerstehen; sie glaubte, dass er nicht ohne besondere Absichten an ihres Herrn Vaters hof gkommen sei: ihr Herz sagte ihr heimlich, dass sie daran einigen Anteil hatte; doch konte sie diese Regungen bei sich selbst nicht entwickeln, noch sich eigentlich vorstellen, was sie mutmassen sollte. Sie fragte den Grafen, nachdem sie ihn als einen Königlichen Abgesandten bewillkommet, wer sich nun ihrer armen Marianen annehmen würde, weil er derselben schwerlich mehr Recepten verschreiben dürfte? Der Doctor, ohne den Grafen von Rivera, war dessen Antwort, hätte dieser liebenswürdigen fräulein wenig zu ihrer Genesung behülflich sein können.

Der Fürst hatte dem Grafen zu verstehen gegeben, dass er sich an seinem Hof einer völligen Freiheit bedienen könnte. Ich habe jederzeit, sprach er zu demselben, den Zwang und ein nichts bedeutendes Ceremoniel gehasst; weil ich gefunden, dass dabei die Aufrichtigkeit leidet, und die gröste Anmut in der menschlichen Gesellschaft gehindert wird. Dieses waren auch die Meinungen des Grafens: Er hatte an dem Licatischen Hof darüber lang genug leiden müssen, um sich nach dem daselbst eingeführten steifen Gepränge zu richten: Dieser Zwang war seinem natürlichen Wesen sehr zuwider: Er nahm deswegen die Freiheit, welche ihm der leutselige Fürst anbot, mit aller Bescheidenheit an; doch hielt er sich meistenteils aus Wohlstand um dessen person.

Nach geendigtem Concert führte der Graf die Fürstin zur Tafel. Sie bestund aus den Fürstlichen Personen, wobei nur des Prinzen Hofmeister, und die fräulein von Turris sich befanden.

Nach ein und andern Gesprächen bei der Tafel sagte die Fürstin, dass sie nicht begreiffen könnte, wie der Graf, durch seine verborgene Wissenschaften, die begebenheiten der fräulein von Turris hätte entdekken können. Es ist solches ganz natürlich zugegangen, erklärte sich dieser hierauf. Ihr Durchleucht, die Prinzessin, tranken gestern Abend über Tafel, der fräulein von Turris, mit einem heimlichen Winken, die Gesundheit zu: Es lebe Riesenburg: Ich wurde solches gewahr. Der Name Riesenburg machte mich aufmerksam: Wie, dachte ich bei mir selbst, sollte dieses wohl die fräulein von Turris sein? Ich betrachtete sie darauf genauer: ich erkante an ihr diejenige Züge, wie mir der Freiherr von Riesenburg solche beschrieben hatte. Dieser Cavalier ist mein bester Freund in der Welt: Er hat mir mein Leben in der Schlacht bei Philippol gerettet: Ich weiss um alle seine Geheimnüsse: und wie er aus Not wär gezwungen, ihren wilden Bruder im Zweikampf erschossen hat.

Nun ist sein gröstes Anliegen, sie in der Welt auszuforschen: Ich selbst habe mir bisher deswegen alle ersinnliche Müh gegeben: Ich erfuhr in Mönnisburg von einem Cavalier, der die Ehre hat, ihr verwandt zu sein, dass sie sich hier aufhalten sollte. Ew. Durchl. urteilen demnach von meinem Vergnügen, da ich allhier dieselbe so glücklich entdecket habe.

Die fräulein von Turris war durch diese Erzehlung auf das heftigste gerühret: ihr Gesicht umzog auf einmal eine starke Röte, die Tränen rollten von ihren Wangen; sie getrauete sich ihre Augen kaum empor zu heben.

Die älteste Prinzessin war über diese angenehme Begebenheit schier so sehr, als die fräulein selbst bewegt. Die ganze Gesellschafft wünschte dieser schönen fräulein zu einer so frohen Nachricht Glück. Sie warf endlich selbst einen holden blick auf den Grafen, der ihm so viel sagen wolte, dass sie, was sie empfände, nicht auszusprechen wüste. Man redete von nichts, als von der Geschicht des Freiherrn von Riesenburg und der fräulein von Turris: Der Graf und die fräulein konnten über alles, was man sie darüber fragte, nicht gnug Antwort geben.

Man stunde endlich von der Tafel auf: die Prinzessin und die fräulein hätten gern mit dem Grafen wieder allein gesprochen: der Fürst aber verliess ihn nicht, als bis es Zeit war schlafen zu gehen; ihr Gespräch war von der Beschaffenheit der vornehmsten Europäischen Höfen: der Graf bewunderte hier die hohe staates-Einsichten des Fürstens. Der Hof-Marschall nebst einem Cammer-Juncker und dem Haus-Hofmeister, begleiteten darauf den Grafen nach den vor ihn zubereiteten Zimmern, welche sehr prächtig ausgezieret waren.

Die angenehme Frühlings-Zeit eröfnete sich damals mit sehr lieblichen Tagen. Des Grafens Zimmer stiessen auf ein kleines Lust-Gehölze, worin die Nachtigallen und andere Vögel sich auf die anmutigste Weise hören liessen. Er war kaum erwacht, so lockte ihn dieses liebliche Spiel der natur an das Fenster. Er begleitete solches mit seinen Gedanken, und ging endlich selbst hinunter in den Garten.

Er kam, als er eine Weile darin fortgegangen war, in einen mit jungen Buchen dicht bewachsenen Hayn; er fand hier verschiedene Gras-Bänke, die einen runden Behälter umzogen, aus dessen Mitte das wasser sich beständig