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wurden protestirt: die Sache wurde ruchtbar: das Gerücht ging von einer schreibe-stube zur andern; es durchstrich die Börse und von da die nechste Handels-Plätze. Meine Glaubiger trieben zum Concurs: und ich rettete mich auf meinen Hof. Meine Freunde, die bei mir die meiste Höflichkeiten genossen hatten, konnten, teils wolten mir nicht helffen. Meine Bedienten gingen auseinander: Jeder machte sich seine Rechnung selbst, und nahm, was er meinte, dass ich ihm schuldig wär. Meine Frau wolte verzweifeln. Niemand war, der sich ihrer und der Kinder annahm. Man sagte: es geschähe uns recht: GOtt hätte uns gestraft, weil wir uns unsers Glückes zu sehr überhoben hätten: ich glaubte es selbst. Man suchte mich handfest zu machen: ich entfloh, und wuste nicht, wohin. Weib und Kinder dauerten mich: ich reiste von einem Ort zum andern: ich wuste lange nicht, wo ich bleiben sollte. Endlich kam ich hieher zu dem Fürsten, und bat ihn um Schutz: Er nahm mich gnädig auf; er sagte mir, wenn ich mich hier niederlassen und meine Sachen mit den Creditoren ausmachen wolte, so sollte ich ihm lieb sein; er zweifle nicht, dass nach der Vellejanischen Clausul leicht für meine Frau noch so viel übrig bleiben würde, dass ich mit ihr und meinen Kindern an einem so wohlfeilen Ort, und wo man der Eitelkeit so sehr nicht als zu Budorgis ergeben wär, gemächlich leben könnte. Ich würde, fügte er hinzu, deswegen hier keine Verachtung leiden, weil ich wär unglücklich gewesen. Nur sollte ich zuforderst dahin trachten, meine Sachen so viel möglich in Ordnung zu bringen, und meine Schulden zu bezahlen. Er befahl mich darauf einigen Vorstehern der Gemeine, die mir so wohl im Geistlichen als Weltlichen raten, und mir in meinen weiteren Absichten behülflich sein sollten.

Prast, Unruh, Gram und Verzweifelung nagten darauf meinen ganz niedergeschlagen Mut. Ich war nur der guten Tagen und keiner Widerwärtigkeiten gewohnt. Die Veränderung meines Zustandes war zu schnell, zu gros, und für ein verzärteltes Gemüt, wie das meinige, zu abscheulich. Eine schwarze Melancholie verdunkelte meine Sinnen: ich sah vor mir einen Abgrund unendlicher Qual: Tausend Larven und Schrecken-Bilder beängstigten meine in Unordnung gebrachte Lebens-Geister. Alles drohete mir entweder den Tod, oder ein elendes Leben. O grausame Vorstellung! ich war der unglückseligste Mensch von der Welt: der Schmerz drang mir durch die Seele; und machte mich verwirrt: ich fand bei mir weder Rat noch Trost: ich hielt mich verlohren.

In diesem gepressten und Jammer-vollen Zustand hatten mich die Vorsteher dieser Gemeine, welche sie, mein Herr, gestern Abend mit bei Tische fanden, bestens aufzurichten gesucht. Dero mir darauf erwiesene Grosmut und Hülffe, woll ihnen der HErr, als ein reicher Vergelter alles Guten, mit einer beständigen und unendlichen Glückseligkeit belohnen.

Hiermit endigte der Herr von Güldenblech seine Erzehlung: Der Graf bemerckte dabei das allgemeine Verderben der Menschen auch in dem gemeinen Bürgerlichen Leben. Er entdeckte die betrübte Würckungen einer übeln Auferziehung und die daraus entstehende unglückliche Folgen in dem ganzen menschlichen Leben. Er tröstete darauf den Herrn von Güldenblech: Sie haben, mein Herr, sprach er, ohneracht aller ihrer Widerwärtigkeiten nicht ursache, den Mut zu verliehren: Ihr Glück war ausser GOtt: der Zusammenhang verschiedener Zufälle hat sie erhoben und auch wiederum gestürzet.

Nun lernen sie auf einen bessern Grund bauen. Der fromme Fürst hat ihnen solchen angewiesen: sie folgen seinem weisen Rat, sie können nichts bessers wehlen, sie werden leicht von dem Ihrigen noch so viel übrig behalten, um an diesem Ort ein ruhiges und ehrbares Leben mit ihrer Familie zu führen. Es gehöret so viel nicht dazu, um vergnügt zu sein, aber man hat alles genug, wenn man solches ist. Mit diesen kurzen Ermahnungen verliess der Graf den Herrn von Güldenblech, darauf sie sich einander eine gute Nacht wünschten und sich zur Ruh begaben.

Das dreizehende Buch.

Der Graf von Rivera sandt den andern Morgen, mit anbrechendem Tag, einen Botten nach Argilia, und liess seinen Leuten befehlen, sich sogleich von dannen aufzumachen, und nach Christianopolis zu kommen. Es war eine Stunde nach Mittag als sie da anlangten; Der Graf liess sich darauf, als ob er mit ihnen gekommen war, bei hof melden; Der Fürst sandt sogleich einen Cavalier zu ihm, denselben in seinem Namen zu bewillkommen, und ihm das Quartier bei hof anzubieten. Der Graf, der solches vorher vermutet hatte, war deswegen mit seinem Cheruscischen Edelmann ausgegangen: Sein Secretarius aber empfieng die Bottschaft des Fürstens, und hinterbrachte ihm solche.

Der Fürst schickte darauf gegen Abend seinen mit sechs Pferden bespannten staates-Wagen, nebst noch zwei einspännigen Gutschen mit einigen Cavalieren vor den Gast-Hof, um den Grafen abzuholen. Dieser kleidete sich aufs beste: seine Leute gingen in kostbarer Liberei vorher, und er fuhr auf diese Art in einem ansehnlichen Gepränge nach der Burg. Der junge Prinz empfieng ihn unten im Hof an der Treppe; und oben erwartete ihn der Fürst. Der Graf wolte ihm den Rock und darauf die Hand küssen; der Fürst aber liess beides nicht zu, sondern schloss ihn in seine arme.

Die Bestürzung des Fürstens war ungemein, als er in der person des Grafens den vermeinten Halycidonischen Arzt erblickte. Er gab ihm solche zu erkennen: Ew. Durchleucht, entschuldigte sich der Graf, werden