bei hof nicht lächerlich werden? Mit nichten, sprach der Alte; die Tugend hat etwas so grosses und erhabenes, dass sie alle Menschen ehren müssen; sie hat eine geheime Macht über alle Geschöpfe; ihre Einflüsse sind Göttlich und ihre Wirkungen begleitet ein gewisses Ansehen, welches auch die Boshaften schrecket; nicht anders wie die Tiere, die sich vor den Menschen fürchten, und sich unter ihrer herrschaft schmiegen. Ich rede aber hier von einer solchen Tugend, die aus einer hohen Weisheit stammet, die mit Uberlegung handelt, und die sich nicht in solchen Dingen suchet, welche ihr eigentliches Wesen nicht ausmachen. Die wenigste Menschen haben einen rechten Begriff von der Tugend; sie nehmen insgemein dafür einen falschen Schein; dieser Schein ist ein blendendes Gewand, worunter sich die Heuchelei verhüllet. Man hat der Tugend ein rauhes, unfreundliches und abgeschmacktes Wesen angedichtet; man hat ihr die Augen Catonis und die Gebehrden der Stoiker gegeben: dieses ist ein schädlicher Irrtum: nichts hat uns mehr von der Einfalt im Guten und von der wahren Aufrichtigkeit abgezogen.
Sie haben, mein Herr, fuhr der Alte fort, indem er dem Grafen scharf unter die Augen sah, dasjenige Wesen, worin sich die Tugend insgemein zu kleiden pflegt; sie haben etwas munteres und doch auch etwas ernstaftes an sich: und wenn mich meine Wissenschaft in Beurteilung der Menschen nicht betrügt, so werden sie auch davon die Regungen in ihrem Gemüte verspühren. Zeit, Anfechtung und gelegenheit aber werden solche bei ihnen noch deutlicher entwikkeln, und durch die Erfahrung auf einen sichern Grund setzen. Sie werden sodann auch erkennen lernen, dass die blosse Gaben der natur uns weder recht weise, noch recht glückselig machen können; sondern, dass ein höherer Einfluss solche beleben und uns die Kraft zur Ausübung des Guten erteilen müsse.
Der Graf bewunderte die hohe Weisheit dieses Verehrungs-würdigen Greises; sein Herz wurde ihm gleichsam durch dessen Reden aufgeschlossen. Er begriff nun deutlich, dass sich die Tugend an alle Oerter schicke, dass sie etwas grosses, erhabenes und göttliches sei, und dass sie folglich allen Dingen in der Welt müsse vorgezogen werden.
Der Graf fragte darauf den Alten um die Beschaffenheit dieser Einsidelei; worauf ihm derselbe berichtete, dass dieses ein Werk von der ehmahligen alten Königin, des Königs Frau Gross-Mutter, sei. Man siehet hier, fuhr er fort, die angenehmste Gegend von der Welt; sie werden, wenn es Tag ist, unweit von hier eine kleine Capelle finden, in welcher so wohl der König, als dessen vornehmste Bediente, ihre Andacht verrichten, wenn sie sich, wie im Sommer öfters geschiehet, hier aufhalten. Der Herr von Ridelo, unser Ober-Aufseher, gönnet mir auch zum öftern die Ehre seines Zuspruchs. Hiernechst an dieser Capelle ist ein kleines Lust-Schloss, welches längst dem Wald hin auf jeder Seiten sechs kleine Zelten-Gebäude hat, die auf Chinesische Art sehr artig eingerichtet sind. Hier hatte ehedessen auch unsere letztverstorbene hochselige Königin ihren verborgenen Aufentalt, wenn sie von der Unruh des Hofes und der Last der Geschäffte ermüdet, sich ein wenig zu ergötzen suchte, und gern für sich allein sein wolte. Ich bin aber derjenige, der zu diesem ganzen Werk durch eine Wunder-volle Schickung GOttes Anlass gegeben hat. Der Graf bezeigte hierauf ein Verlangen, diese besondere Umstände zu wissen. Der Alte liess sich dazu willig finden, und erzehlte dem Grafen seinen Lebens-Lauf, wie folget.
Das zweite Buch.
Die begebenheiten des Einsiedlers
Pandoresto.
Mein Leben ist sowohl ein Spiegel der grössten Unordnungen, als einer ausserordentlichen göttlichen Gnade. Ich wurde zu Bessala von vornehmen, aber ruchlosen Eltern gebohren. Weil sie immerdar mit einander haderten und eines dem andern nur das Leben recht sauer zu machen suchte, so hab ich wohl nicht ihrer Liebe, sondern dem allerunreinesten viehischen Trieb meinen Ursprung zu danken.
Man gab mich gleich nach meiner Geburt einer Frauen auf vom land zu säugen; denn meine Mutter wolte sich mit mir keine Mühe machen: vielweniger mir selbst ihre Brüste reichen, die sie noch zum Dienst ihrer Lüste gewiedmet hatte.
Ich war ein einziger Sohn, und meine Eltern besassen ein grosses Gut, welches sie aber sehr übel verwalteten. Man verzärtelte mich überaus, und liess mir in allen Dingen den Willen; man übergab mich einigen Lehrmeistern, die mir wohl zuweilen etwas von GOtt und der Tugend vorsagten; durch ihre LebensArt und Beispiele aber, mich überzeugten, dass sie selbst davon nicht viel glaubten.
Ich war von natur sehr gelehrt böses zu tun, und ich kan sagen, dass ich recht viel Verstand hatte, die Laster bis auf einen gewissen Grad zu treiben, dass man meine Scharfsinnigkeit dabei bewundern musste.
Es war keine so unordentliche Haushaltung in der Welt, wie die unsrige. Mein Vater und meine Mutter speisten selten zusammen an einer Tafel; beide hatten ihre eigene Gesellschaften und ihre besondere Zimmer: sie kamen schier nie zusammen, als wenn sie sich einander ausschelten und ihre Untugenden sich vorrücken wolten. Wenn mein Vater betrunken war, welches wenig Tage nicht geschahe: so schalt und fluchte er alles zusammen. Meine Mutter im Gegenteil war dem Putz, dem Spiel und der Galanterie ergeben; und weil ich mehr ihr, als dem Vater schien nachzuschlagen; so wurde ich als ihr Günstling gehalten. Ich musste bei ihr frühzeitig die Carten helfen mischen und dabei manche unzüchtige Reden mit anhören, die ihre Aufwärter, ohn alle Scham, ihr als