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er ihr die Wahrheit gesagt hätte, so sollte er ihr erster Hof-Arzt werden.

Der Graf, nachdem er sich bei der Prinzessin beurlaubet hatte, verfügte sich nach dem allgemeinen Gast-Haus: von da er durch einen ihm mitgegebenen Fürstlichen Leib-Diener der fräulein das versprochene Pulver, aus seiner Reis-Apoteke zusandt: Sein anderer Patient war noch auf, und las in einem Buch, welches von der Zufriedenheit, und wie man solche bei GOtt suchen müste, handelte: Der Graf fand ihn sehr ruhig; Der Fremde sagte, dass ihm so wohl wär, als er solches in langer Zeit nicht gewesen. Das macht, versetzte der Graf, weil man sie hier in diesem Ort zu dem rechten Arzt gewiesen hat, welcher so wohl dem Leib, als dem Gemüt am besten aufhelfen kan; wenn man anders mit einem aufrichtigen Herzen, zu ihm seine Zuflucht nimmt, und die Mittel zur Genesung gebrauchet, die er uns vorgeschrieben hat.

Der Graf so wohl als der Fremde empfand noch keinen Schlaf. Der Graf ersuchte deswegen seinen Patienten, wenn es ihm anders zur Erleichterung des Gemüts dienen sollte, und sonst kein Geheimnüs darunter verborgen wär, ihm seine begebenheiten zu erzehlen. Dieses alles, antwortete der Fremde, würde gar zu weitläuftig fallen. Der Graf sagte, er würde ihn damit verpflichten, und wann sie allenfalls darüber schläfrig werden sollten, so könnten sie das übrige morgen nachholen.

Das zwölfte Buch.

Die begebenheiten des Herrn

von Güldenblech.

Ich bin, begunte der Fremde seine Erzehlung aus Budorgis, und heise Güldenblech. Meine Vorfahren sind meist angesehene Handels-Leute gewesen; Mein Vatter aber hatte aus gefälligkeit für meine Mutter, weil sie von einem adelichen Geschlecht war, unsern Namen mit dem Beiwort von bereichern lassen. Es ist solches bei uns nichts neues, dass die Kaufleute sich adeln lassen; weil man den Adel um guten Preiss haben kan, so läst man diese Ehre auch öfters die längst vergrabene Knochen seiner Vorfahren mit geniessen, und solche noch in der Gruft bis auf sieben Ahnen mit adeln. Wiewohl der Neid der Land Junkern allhier so gross ist, dass sie uns nicht für Stift- und Turnier-mässig halten wollen; wenn wir gleich öfters gegen sie noch so gute Figur machen.

Ich wurde als ein einziger Sohn von meinen Eltern in aller Weichlichkeit erzogen; dergestalt, dass mir auch nicht die geringste Bemühung, weder im Lernen noch auf meines Vatters schreibe-stube, zugemutet wurde: Wenn meine Lehrmeister über mich klagten, so wurden sie von meiner zärtlichen Mutter mit dem sorgfältigen Bescheid abgewiesen: sie sollten das arme Kind nicht zu viel mit dem Lernen quälen; ich würde doch einmal Brod zu essen haben. Meine Ausschweiffungen wurden unterdessen für kleine Artigkeiten und Wirkungen eines muntern Geistes gehalten.

Nachdem ich solcher Gestalt mein achtzehendes Jahr erreichet hatte, fand man für gut, mich auf eine benachbarte Universität zu schicken: man gab mir einen sogenannten Hofmeister mit, der ein sehr dummer und furchtsamer Mensch war. Meine Mutter hatte ihn deswegen vor andern erwehlet, dass er desto behutsamer auf mich acht geben sollte.

Die Lehren, die sie unter andern mir mit auf die Weg gab, waren diese: Lieber, Sohn, sprach sie, du gehest nun auf Universitäten; ich habe bereits sorge getragen, dass du daselbst bei einem Professor an einen der besten Tische gehen sollst; doch hat man mir gesagt, dass es zuweilen etwas mager bei denen Herren Professoren in der Kost aussähe; du kanst desswegen an mich schreiben, dass dein Vater nichts davon weiss; ich will dir schon Geld schicken, dass du auch nebenher dir einen guten Bissen bei den Gastaltern kanst holen lassen. Hier hast du eine kleine Börse, da kauf dir etwas, und sage es Papa nicht, dass ich dir Geld mit auf die Reise gegeben hätte, er wird schon auch für dich sorgen. Lerne etwas, dass du Ehr davon haben mögest; studir aber auch nicht zu viel, du mögst mir sonst krank werden, oder dich gar überstudiren. Geh auch fleissig in die Kirchen, hüte dich aber ja, dass du kein Bet-Bruder wirst, denn ich kan die Pietisten nicht leiden.

Mein Vater hielte mir einen etwas ernstlichern Discurs; er sagte mir, ich sollte keinen Mangel leiden; aber ich müste mich auch der Sparsamkeit befleissen; die zeiten wären schlecht, das Geld wäre schwer zu verdienen; ich müste suchen etwas zu lernen, sonst würde ich in der Welt nicht wohl zurecht kommen.

Mit diesen Vätter- und Mütterlichen Ermahnungen reiste ich nebst meinem Hofmeister auf die Universität. Meine Mutter hatte mir selbst eingepackt: ich fand in einem Coffer nebst etlichen Pfund Caffee und Tee, eine Menge von Zuckerwerk, und eingemachten Sachen, imgleichen verschiedene Gläser von Ungarisch wasser, und Aquavit, nebst einer grossen Schachtel mit allerhand Arzneien, welche allesamt auf einen verdorbenen Magen gerichtet waren.

Ich streuete an diesem Ort, zum Saamen künftiger Weisheit, binnen drei Jahren, über sechs tausend Taler aus. Meine Eltern erhielten währender Zeit von mir die allerbeste Nachrichten: es hiess, ich machte dem ganzen Güldenblechischen haus die gröste Ehre: ich sei der artigste und galanteste Cavalier auf der Universität, und würde dermahleinst eine Zierde unserer ganzen Stadt abgeben.

Zu mehrerer Bekräfftigung dieser annehmlichen Berichten, liess mir einer der vornehmsten Professoren keine Ruh, ich sollte mich öffentlich auf dem Cateder zeigen, und eine grose Disputation von dreissig Bögen stark zu verteidigen