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war. Dem ungeacht entdeckte er bei diesem Fremden doch ein gut-artiges Wesen, und einen nachsinnenden Verstand: seine Melancholie entstund also nur aus einer starken Empfindung seiner widrigen Zufallen.

Der Graf hatte in seiner Reis-Apoteke einige gute Arzneien: er gab ihm gegen Morgen etwas den Magen von der darin sich ergossenen vielen Galle zu reinigen und den unordentlichen Umlauf des Geblüts wieder herzustellen: es waren Tropfen: sie bekamen dem Fremden wohl. Er ging darauf den Tag über mit ihm in diesem neu angelegten Ort herum: sie wurden von demselben Vorsteher der Gemeine, welcher die Aufsicht im Gast-Hof hatte, allentalben hin begleitet.

Der Graf beobachtete alle die Anstalten dieses Orts mit vieler Verwunderung: er machte solche ebenfalls seinem schwermutigen Gefährden, der immer wieder in seine eigene gedanken zurück fiel, mit einer lebhafften Aufmunterung beobachten. Aller Orten, wo der Graf hin kam, machte er die Leute aufmerksam: seine Bildung, seine Gebehrden und seine Reden zeigten etwas groses, edles und scharfsinniges. Er hatte seinem Cammerdiner im Gast-Haus befohlen, weil er zufälliger Weise einen Arzt hätte abgeben müssen, so sollte er auch die Leute, die ihn dafür hielten, bei dieser Meinung lassen.

Das Gerücht von diesem fremden Arzt hatte sich unterdessen durch den ganzen Ort ausgebreitet; man rühmte denselben bei dem Fürsten: man sagte, dass dessen Weisheit jederman in Verwunderung setzte. Der Fürst befahl deswegen, dass man ihm alle Ehr erweisen und den Abend nach Hof bringen sollte. Es war bereits über 1. Uhr Nachmittag: Der Graf wolte nicht mit der Gesellschaft speisen; sondern liess für sich und seinen Patienten etwas weniges auf das Zimmer bringen. Er öfnete hernach wieder sein Reis-Apotekgen, gab seinem Gefährden daraus einige Tropfen, und nachdem sie ein Stündgen geruhet hatten, gingen sie wieder aus.

Es war ein schöner Abend: eine Menge von Menschen hatte sich längst dem grosen Canal versammlet. Der Graf bewunderte hier die durchgängig herrschende Zucht und Ehrbarkeit: Die Manns-Leute hatten ein ernstliches und vergnügtes Wesen. Die vom andern Geschlecht zeigten etwas holdseliges und liebreiches, welches so weit von der Frechheit, als einer blöden Schamhaftigkeit entfernet war: ihre Kleidungen und Gebehrden hatten nichts üppiges und nichts gezwungenes; sie gefielen, ohne dass es schiene, dass sie gefallen wolten. Die junge Leute scherzten mit einander in klugen und artigen Reden: Die, so geheiratet und von einem gewissen Alter waren, sprachen von der Religion, von der Haushaltung, von der Kinder-Zucht, von neuen begebenheiten und allerhand Welt-Händeln. Die Weisheit, die Demut, die Menschen-Liebe und die Gottes-Furcht, leuchtete aus allen ihren Reden. Kurz, man sah, dass sie vergnügt waren, und dass dieses Vergnügen von ihrer frommen Unschuld herrührte.

Es wurde Abend: man sagte dem Grafen, ob er nicht Lust hätte nach Hof zu gehen? Der Graf verlies damit seinen Gefährden, und befahl ihn der geistlichen Sorgfalt eines Lehrers und eines Vorstehers, welche ihn nach dem Gast-Hof begleiteten. Er versprach demselben, vor Schlafens-Zeit, wie der bei ihm zu sein.

Als der Graf nach der Burg ging, fand er so wohl die Strafen als den Hof mit Wind-Lichtern erhellet: Man führte ihn durch einige Zimmer in einen Saal, wo er die annehmlichste Stimmen mit einer durchdringenden Anmut erklingen hörte. Es schien, als ob ein ganzes Chor der besten Sänger und Sängerinnen die reinste Töne nach einer abgezeichneten Singweise mit einander vereinigte: Der Graf fragte, was dieses zu bedeuten hätte? Man sagte ihm, der Fürst hielt diesen Abend seine gewöhnliche Andacht, welches die Woche zweimal zu geschehen pflegte: Der Graf fragte weiter, ob ihm nicht erlaubet wär, derselbigen mit beizuwohnen? Man berichtete ihm, dass der Fürst insgemein selbst dabei den Vortrag tät, und deswegen nicht gern Fremde dazu liess.

Der Graf wurde durch diese Nachricht desto begieriger, dieser Andacht mit beizuwohnen, und bat deshalben seinen Führer, er mögte ihn mit dahin bringen: Dieser war dazu leicht zu bereden. Der Graf kam in ein Zimmer, das voller Menschen war: Der Fürst sass hinter einem kleinen Tisch, worauf die Bibel und ein Gesang-Buch lag, neben ihm zur Rechten war die Fürstin, seine Gemahlin, mit dem Prinzen, den beiden Prinzessinnen und einigen Hof-Damen; zur Linken fand sich der junge Prinz mit seinem Hofmeister und andern Stands-Personen. Die Bedienten, nebst andern Leuten, sassen auf Stühlen und Bänken; hinter welchen der Graf sich hinstellte. Man wurde aber seiner so bald nicht ansichtig, so nötigte man ihn mit aller Höflichkeit, sich vorn hin auf einen von den Stühlen zu setzen, welche noch leer warm: Er weigerte sich nicht lang, sondern begab sich nach dem angewiesenen Platz.

Der Graf meinte nicht, dass ihm noch Aufmerksamkeit für den Vortrag des Fürstens übrig bleiben würde, so sehr hatten ihn die verschiedene Gestalten, die ihm hier in die Augen fielen, eingenommen. Er sah unter andern die älteste Prinzessin mit Verwunderung an: er betrachtete sie mit einer Art, die ihr ungewöhnlich schien; sie errötete darüber und empfand in ihrem Gemüte etwas, so ihr selbst unbekant war.

Die Gesänge, davon man dem Grafen ein Buch gereichet hatte, gingen über diesen Betrachtungen zu Ende. Der Fürst begunte seine Rede: er tat solches mit einem überaus natürlichen und ungezwungenen Wesen: er las einige Sprüche aus der