sich einbilden, dass sie dadurch ihren Glauben genugsam an Tag legten, wann sie darüber mit andern ein liebloses Gezäncke führten.
Der Graf von Rivera war ungemein verwundert, als er hier ein solches Volk fande, welches sich weniger darum bekümmerte, scharfsinnig von der Religion zu denken, als einfältig wie Christen zu leben. Er hatte seine Leute zu Argilia gelassen, und war, um nicht erkannt zu werden, nur in Begleitung seines Cammerdieners, nach Christianopolis gereifet. Er war daselbst in dem allgemeinen Gastaus eingekehret: Man gab ihm ein sauberes Zimmer: er speisete Abends mit einer ziemlich grosen Gesellschafft: bei Tische hatte, nach hergebrachter Gewohnheit, ein Vorsteher der Gemeine die Aufsicht: dieser sorgte, dass die speisen rein und sauber aufgetragen wurden, er legte solche vor, bediente die Fremden mit aller Höflichkeit, und gab acht, dass keine Unordnung vorging.
Der Graf beobachtete unter andern einen gewissen Fremdling bei Tische, dessen Ansehen ihn aufmercksam machte: er war überaus wohl gekleidet, hatte feine Wasche, eine blonde Perruke, und Stiefel an den Füssen. Seine Gesichts-Bildung hatte etwas vornehmes und weichliches: seine Gebehrden und Minen zeigten einen überaus grosen Kummer. Diejenige, die neben ihm fassen, suchten ihm einen Mut einzusprechen: sie sagten ihm vieles von den verborgenen Führungen GOttes: dass die Unglücks-Fälle, die GOtt über uns Menschen verhängete, nicht böse wären; sondern nur dahin zielten, unser Gemüt von der allzugrossen Liebe des Zeitlichen abzuziehen; und solches mit edlern und bessern Neigungen zu erfüllen: sie hielten in dieser Betrachtung den Verlust der Reichtümer, für einen Menschen, der solche mit allzugroser anhänglichkeit besessen, für eine grose Wohltat GOttes; weil es ihm sonst schwer würde angekommen sein, GOTT für das einzige wahre Gut zu erkennen. Vielen liess GOtt deswegen die Beschwerlichkeiten und Unruhe, welche die Verwaltung groser Güter nach sich zög, mit stetem Verdrus empfinden: andern schenkte er im Gegenteil dabei die Gaben der Weisheit, dass sie wüsten, wie sie sich und andern damit sollten Gutes tun.
Das wahre Glück eines Christen bestünd also darin, dass er GOtt alles heimstellte, und mit seinem Zustand zufrieden lebte.
Der Graf von Rivera hörte die erbauliche SittenLehren dieser Leute mit entzücktem Herzen an: er tat ihnen nicht die geringste Frage, um sie desto ungestöhrter fortreden zu lassen. Besonders aber richtete er seine Augen auf denjenigen Fremdling, den die andern schienen, in der Unterweisung zu haben.
Nach geendigter Abend-Mahlzeit begleitete man so wohl den einen als den andern, in sein angewiesenes Zimmer. Der Graf hatte sich zu Bette gelegt, und war ruhig eingeschlafen: ihm traumete, dass einige wilde Tiere von einer grässlichen und ihm ganz unbekanten Gestalt den Fremdling, mit dem er zu Nacht gespeiset hatte, anfielen, und denselben zu zerreisen droheten. Er spührte darüber im Schlaf eine so heftige Bewegung, dass er voller Schrecken aufwachte. Das Herz schlug ihm im leib: er fand sich ganz aufgebracht: er hörte ein klägliches Seufzen und Wimmern in der benachbarten Cammer, welche eine Tür von der seinigen unterschied; er besann sich, ob er noch träumete, oder wachend wär; je mehr er aufmerkte, je deutlicher vernahm er die stimme des neben ihm einquartirten Fremdlings. Nein, es ist vergebens, hörte er ihn, mit einer unordentlichen Bewegung sagen: Ach! ich bin verlohren ... ich weiss keinen Trost für mich .... Die Menschen haben mich verraten und betrogen ... GOtt kennet mich nicht; und ich kenne ihn auch nicht ... ach! wer soll mir helffen?
Diese Reden, welche eine Gemüts-Beschaffenheit andeuteten, die zur Verzweiffelung gestellt war, rührten alsobald des Grafens Mitleiden: Er stunde hurtig auf, schlug seinen Schlaf-Rock um sich, rief seinem Cammerdiener, liess sich ein Licht bringen und klopfte an der Tür des Fremdlings: dieser hatte sich eingesperrt, und fragte, wer da wäre? Der Graf antwortete ihm: Er mögte die Gütigkeit haben ihm aufzumachen: Er hätte ihm etwas zu sagen: Der Fremdling machte damit auf, sah aber dabei so grass und fürchterlich aus den Augen, dass sich der Graf darüber entsetzte.
Mein Herr, sprach der Graf zu ihm, sie tun mir den Gefallen und legen sich zu Bette: ich habe sie lange in ihrem Zimmer hören auf- und niedergehen: sie finden sich nicht wohl: ich habe Mitleiden mit ihnen: ich verstehe ein wenig die Arznei: sie werden mir erlauben, dass ich einen Wund-Arzt bestelle, um ihnen zur Ader zu lassen. Der Fremdling, der vollkommen wohl zu leben wuste, bedankte sich für eine so grossmütige Sorgfalt: er hatte sich von seiner heftigen Bewegung wieder ein wenig erholet: er bat den Grafen um Verzeihung, dass er denselben in seiner Ruh gestöret hätte, und bezeigte ihm eine solche Ehrerbietung, als ob er wüste, wer er wär.
Der Wund-Arzt, nebst dem Gastalter, waren bald bei der Hand: Der Graf liess ihn nach der Aderlass ein wenig Tee trinken, und bat ihn, sich ruhig zu halten, bis an den Morgen, da er ihm etwas den Magen zu reinigen wolte eingeben: Er hatte wahrgenommen, dass dieser Fremde den Abend zuvor immer in Gedanken stark drauf gegessen und wenig dabei getrunken hatte.
Er fand bei ihm eine ganz verzärtelte natur, welche durch ein unordentliches Leben und durch heftige Gemüts-Bewegungen sehr aus ihrem Zirkel gekommen