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Aberwitz; an statt das Volck zu erbauen und zu GOtt zu führen, zankte man darin um Meinungen und Auslegungen, die niemand verstunde. Einige unlehrsame Köpfe, welche diese Mängel sahen, wolten es besser machen, sie warfen sich selbst zu neuen Aposteln auf und verliessen desswegen als widerspenstige Schafe ihre stolze Hirten: sie schimpften und schmähten auf die äusserliche Kirche, nannten solche einen Götzendienst, versammleten sich in ihren Häusern und gaben gelegenheit zu allerhand Unordnungen und Schwärmereien. Kurz, die Unordnung herrschte in allen Ständen; es war schier weder Treu, noch Tugend, noch Glauben mehr unter den Einwohnern von Panopolis.

Der Graf von Rivera sah dieses; er wurde darüber tiefdenkend: ein angstliches Grauen überfiel seinen sonst standhaften Mut. Warum, sprach er bei sich selbst, hab ich mein ruhiges Landleben verlassen? was soll ich hier bei hof machen? Soll ich mich auf diesem gefährlichen Strohm mit fortreissen lassen? Soll ich meinen Eifer für das gemeine Wesen, soll ich meine Unschuld und Liebe zur Tugend zeigen? Armseliger Graf! was würdest du damit ausrichten? man würde deiner spotten. Du bist noch zu jung andere zu unterrichten und dem König Ratschläge zu geben. Wirst du auch den süssen Reizungen der Lüste an einem Hof widerstehen können: wo man nur darauf sinnet, die Begierden recht anzufeuren und ihnen alle Nahrung zu geben? Wird dich deine Ehrsucht nicht verleiten? wird sie nicht alles entschuldigen und gut heissen, was dem König gefällt, damit du bei ihm dich einschmeicheln und in Gunst setzen mögtest? Ach! in welcher Gefahr finde ich mich allhier? O Bellamont, Bellamont, wer wird mir hier Rat erteilen.

Der Graf von Rivera war in diesen Betrachtungen aus einem der Königlichen Lust-Gärten in den daran stossenden Wald gegangen; er hatte sich darin so sehr als in seinen Gedanken vertieft. Er wurde gewahr, dass er sich in den Gebüschen verirret; er rief seinen Leuten; allein, sie hörten ihn nicht: der Graf verdoppelte desshalben seine Schritte, um wieder auf den rechten Weg zu gelangen, er geriet aber immer tiefer ins Gehölz; die Nacht überfiel ihn: es leuchteten diesem verirrten Wanderer weder Mond noch Sterne: er konte den Himmel, die Erde und die Bäume kaum mehr unterscheiden; doch setzte er seinen Fuss beständig fort: er liess gleich einem Blinden seinen Stab den Weg suchen, und folgte demselben in sachten Tritten nach.

Endlich erblickte er durch das Gebüsche ein schimmerendes Licht: er ging darauf zu, und fande ein kleines Haus; er klopfte an; ein alter Greiss, dessen Angesicht mit einem langen Bart bewachsen war, öffnete ihm die tür. Verzeihet mir, Ehrwürdiger Alter, war des Grafens Anrede, dass ich euch in eurer Einsamkeit stöhre: ich habe mich in diesem Wald verirret: ihr werdet so gut sein und mir bei euch einen Aufentalt vergönnen, bis der Tag mir verstatten wird, wieder nach Panopolis zurückzukehren. Wer sie auch sind, mein Herr! antwortete der Alte, so haben sie hier bei mir zu befehlen. Er nötigte ihn darauf sich an ein Feuer zu setzen, welches im Camin brante, und liess ihm durch einen jungen Menschen, den er bei sich hatte, verschiedene Erfrischungen reichen, welche der Graf hier anzutreffen sich nicht vermutet hatte: sie kamen ihm ganz zu rechter Zeit: sein ungewöhnlicher Spatziergang hatte ihm solche doppelt-annehmlich gemacht.

Der Alte konte den Grafen nicht genug ansehen; so viel Jahre er auch in der Welt gelebet hatte, so dünkte ihm doch kein Mensch von solcher Gestalt noch vorgekommen zu sein. Er betrachtete ihn mit einer solchen tiefen Aufmerksamkeit, dass der Graf, der solches wahrnahm, ihn fragte, für wem er ihn hielte. Mein Herr! antwortete jener ganz lebhaft, ich halte sie für mehr, als sie sich selber halten: ihre Kleidung gibt mir wohl einen vornehmen Herrn zu erkennen, ihre Gesichts-Bildung aber saget mir noch weit mehr. Wie! fragte der Graf, mein guter Vater, ihr verstehet euch auf die Gesichts-Bildung? In meiner Jugend, sprach der Alte, hab ich mich stark auf die verborgene Wissenschaften der natur, den himmels-Lauff und die Astrologiam judiciariam gelegt, und dabei viel besonders, was die Veränderung der Reiche und die begebenheiten der Menschen betrifft, wahrgenommen. Meine langwierige Erfahrung hat auch in vielen Stücken meine Anmerkungen bekräftiget; allein, auch dieses mich gelehret, dass ein GOtt sei, der oft selbst ins Mittel tritt, und sich an die gesetz der natur, davon er selbsten HErr ist, nicht jederzeit bindet. Man muss aber eine erhabene und Göttliche Seele haben, wenn man nicht mehr dem Einfluss der Gestirne und dem Zusammenhang der natürlichen Ursachen will unterworfen sein. Wahre Weisen ziehen sowohl ihre Kraft zum Guten, als ihre ganze davon abhangende Glückseligkeit, aus GOtt selbst; doch ist niemand mehr als sie darauf beflissen, die Ordnung, welche GOtt in die natur gelegt hat, zu beobachten; weil sie erkennen, dass der Beherscher der Welt darin am deutlichsten seinen Willen ausgedruckt habe.

Dergleichen weise Leute, fragte der Graf, werden sich wohl schwerlich an der Königen Höfen befinden? warum nicht, antwortete der Alte; die äusserliche Umstände machen dabei nichts; GOtt gebraucht sich dieser Leute in allen Ständen, und wenn er ein ganzes Reich will glücklich machen, so bedienet er sich öfters in dieser Absicht nur eines einzigen Weisen.

sollte aber ein solcher Weiser, fragte der Graf weiter,