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Luft bauen, und keinen Grund haben; denn es sei nach dem neuen Bund nicht genug, dass man bloss gesetzlich wäre: die Lehren Christi, sagten sie, gingen auf den inneren Menschen, auf die Verbesserung des Herzens, und auf die Lauterkeit des Willens.

Alle vorkommende Zwistigkeiten und Streit-Sachen wurden bei ihnen durch Schieds-Richter, oder durch die Aeltesten und Vorsteher der Gemeinen beigelegt: es sei dann, dass sich ein schwerer RechtsHandel von Wichtigkeit ereignete, der ohne gründliche Wissenschafft der Rechten nicht wohl konte entschieden werden: in solchem Fall setzte man die Sache mit allen Umständen zu Pappier, sandte solche nach dem hohen Tribunal nach Argilia, und liess dieses oberste Land-Gericht darinnen sprechen. Mit diesem Spruch wurde der ganze Process auf einmal zu Ende gebracht. Glückselige Völcker! welche auf diese Weise keine Advocaten und Procuratores vonnöten haben.

Wie nun hierdurch die Ruhe, der Friede und die Eintracht in dem Bürgerlichen Leben erhalten wird; also herrschen solche auf gleiche Weise auch in der Religion, welche sonst aller Orten ein Vorwurf des grössten Haders und der betrübtesten Spaltungen ist. Hier werden die Geistlichen und Schriftgelehrten, durch den Eifer ihre Meinungen gegen einander zu verteidigen, nicht aufgehetzt. Hier werden die Läyen nicht durch die Menge der vielen Streit-fragen und Glaubens-Artikel verwirret: Ihre Lehrer sind weise fromme Leute, die nicht für ihre eigene Aufsätze Krieg führen, noch ihre fanatische Grillen zum Glauben machen. Das Predigen ist bei ihnen kein Handwerk, und die Canzel nicht die Werkstatt, davon sie sich nähren. Sie leben von ihren eigenen Gütern, oder von ihrer Hand-Arbeit, die sie gleich andern besorgen: geraten sie aber dabei in einigen NahrungsMangel, so hilft ihnen die Gemeine und besorget allenfalls ihre Notdurft: sie halten dafür, dass man nach Aufhebung des Alt-Testamentischen Gottesdienstes, der ordentlichen Priester und Opfer-Knechten, die sich vom Altar nähren mussten, nicht mehr vonnöten hätte: ihre ganze Hierarchie bestehet in nichts anders, als in einer Christlichen Ordnung: da ein Glied dem andern unterstellet ist, so wohl zur Besorgung des öffentlichen Gottesdienstes, als zur Erhaltung guter Zucht und Policei.

Die Gelehrten, die der Schrifft und der Sprachen kundig sind, werden überaus hochgehalten: wie dann zur Unterweisung der Jugend besondere schulen angelegt sind, darinnen sie in allen guten Künsten und Wissenschafften unterwiesen wird.

Wegen Tauf und Abendmahl, pflegte man es zu halten, wie bei den andern Protestanten auch: doch so, dass man die unter diesen äusserlichen Ceremonien verborgen liegende Geheimnüsse, dabei nicht erörterte; sondern darüber einem jeden seine Begriffe, wie er solche fassen oder nicht fassen konte, frei lies.

Die übrige Policei zu Christianopolis bestund in der Billigkeit des Nutur-Rechts, wie solches eine durch die Lehren des Heilandes gereinigte Vernunft, insonderheit das Hauptgesetz der Liebe, ganz deutlich an die Hand gibt.

Die Belustigungen an diesem Ort waren nicht allein unschuldig; sondern auch, so viel es sein konte, erbaulich: die Garten-Lust, den Feldbau, die SpatzierGänge und die Music hielten sie vor andern hoch, weil sie so wohl für das Gemüt ergötzend, als der Gesundheit des Leibes zuträglich waren: Man sah, besonders zur Abendzeit, eine Menge dieser glückseligen Einwohner von allerhand Stand und Alter unter den Bäumen, längst dem grossen Canal, oder in dem daran stossenden fürstlichen Garten, auf- und nieder gehen: man fand um diese Zeit die meiste Häuser leer, und es waren diese Spazier-Gänge gleichsam eine Art von einer öffentlichen Versammlung, wo man die annehmlichste und Lehrreicheste gespräche hörte.

Auf gleiche Weise, besonders zur Winters-Zeit, kamen die Einwohner dieses Orts auch in gewissen dazu eingerichteten Versammlungs-Häusern zusammen; da man nebst allerhand Gesprächen bald mit der Music, bald mit einem unschuldigen Spiel, bald auch mit Essen und Trinken, sich ergötzen konte.

Die Christianopolitaner waren in allen Dingen, die an und für sich selbst nichts böses hatten, ganz nicht eigensinnig, noch in ihrer Sitten-Lehre so hoch geschraubt, dass sie aus der Unterlassung der Ergötzlichkeiten sich eine Religion machen sollten. Diejenige Leute, sagten sie, die so urteilen, wüsten nicht, was Religion sei. GOtt hätte die Menschen zur Glückseligkeit geschaffen, und desswegen in dieser Welt so viel anmutiges und schönes hervorgebracht, damit der Mensch dessen geniessen, und in diesem Genus den Schöpfer preisen und verherrlichen sollte: Sie hielten es für eine so grosse Undankbarkeit, die Gaben der göttlichen Güte, Weisheit und Allmacht gering zu schätzen, und sich davon nicht rühren zu lassen; als sie es für eine viehische Unart schalten, wenn man derselben mit Unmässigkeit und Unfläterei genoss; welche Ausschweiffungen deswegen auch insgemein den Sünder am hurtigsten straften: sie wusten, dass man GOtt nicht besser und reiner verehren konte, als wenn man alle Dinge nach derjenigen Absicht anzuwenden und zu gebrauchen suchte, wozu er solche geschaffen hat.

Ihr munteres Wesen, ihre Zufriedenheit, ihre Ordnung in allen Dingen, ihr freundlicher und liebreicher Umgang mit allen Menschen, ihre Gelassenheit in dem göttlichen Willen, ihre Stärcke des Glaubens und die Zuversicht eines ewig glückseeligen Lebens; alles dieses machte, dass sie dem leib nach gesund, dem Gemüte nach ruhig, und dem verstand nach voller Weisheit und göttlicher Erkäntnüs waren.

O glückseliger Ort! warum findet man dich nicht auch auf der Land-Carte desjenigen Welt-Teils, welchen dem Namen nach die eifrigste Christen beiwohnen, und die