schönste Aussicht bis nach Argilia.
Der Fürst lies diesen Ort Christianopolis oder Christen-Stadt heissen. Es waren noch kaum drei Jahre verflossen, so stunden bereits auf diesem zuvor öden Platz über zweihundert Wohnhäuser, eine Kirche, eine Schule und ein Armen-Haus. Der Zulauf des volkes von allen Enden und Orten war ungemein. Man sah daselbst allerhand Menschen und Secten ruhig beisammen wohnen.
Es war nichts erbaulichers als ihre Versammlungen: ihre Lieder entielten die deutlichste Begriffe von den Wahrheiten der H. Schrift: ihre öffentliche Reden waren kurz und nachdrücklich: sie hätten keinen andern Endzweck, als das Volk in der Einfalt des Glaubens zu unterrichten, und solches zu der genauesten Beobachtung der Christlichen Pflichten zu ermahnen. Blosse Streit-fragen und hohe über die gemeine Begriffe der Menschen hinstreichende Geheimnisse wurden da nicht erörtert. Die Lehrer selbst waren fromme, sanftmütige und demütige Leute, die nicht in der Absicht predigten, um ihre zusammenstudierte Wissenschaften anzubringen; sondern, um zu erbauen, um zu rühren, und um ihre Zuhörer gleichsam mit einer verborgenen Gewalt des Geistes zu GOtt zu führen.
Man sah deswegen auch unter den Einwohnern dieses neuen Orts eine solche brüderliche Eintracht und Liebe, die ganz etwas besonders hatte. Die Unschuld, die Treu, die Redlichkeit blickte aus allen ihren Handlungen: es herrschte bei ihnen in allen Dingen eine solche Ordnung, dass man den Zwang davon nicht spürte; weil sie der Ruh und der Glückseligkeit eines jeden überhaupt gemäss war. Man beobachtete die Pflichten eines redlichen Burgers, indem man als ein Christ lebte; und das Christentum fand nirgends eine bessere Aufnahme, als bei solchen Leuten, die ehrlich und aufrichtig waren: ihre Tugenden waren nicht die Wirkungen eines strengen Gesetzes; sondern ein Ausflus der reinen Liebe GOttes, welche die Neigung zu allem Guten den Gemütern einflöset.
In ihrer äusserlichen Aufführung hatten sie nichts besonders: sie lebten und kleideten sich wie andere Menschen, ein jeder nach seinem Stand und Vermögen. Nur waren sie mässiger, bescheidener und demütiger: Sie beobachteten so wohl die gemeine Gebräuche, als die Höflichkeit in Sitten und Gebehrden: der Wohlstand war bei ihnen eine Tugend, weil er die Ordnung unterstützte. Sie hielten dafür, dass die Auszeichnung in solchen nichts bedeutenden Dingen, einen gewissen Eigensinn und heimlichen Hochmut entdecke, der mit der Einfalt und Aufrichtigkeit eines guten Herzens nicht übereinkomme.
Man fande bei ihnen alle Ergötzlichkeiten des menschlichen Lebens; sie nahmen solche an, wenn sie unschuldig waren; und wenn sie solche haben konnten; sie lidten im Gegenteil alles, was ihnen die natur leiden machte, mit einer grossmütigen Standhaftigkeit; und trösteten sich mit der unfehlbaren hoffnung einer ewigen Glückseligkeit.
Ein jeder lebte von seinen eigenen Mitteln, oder von dem Verdienst, welchen ihm seine Handtierung brachte. Ein jeder blieb in seinem Stand und in seinen Würden; und wurde darnach von andern geehret und geachtet; doch, da immer einer dem andern in der Demut und Bescheidenheit suchte zuvor zu kommen, und keiner sich vor dem andern etwas heraus nahm, so gaben es auch unter ihnen keine unziemliche Erhebungen und Rang-Streite.
Sie nahmen niemand unter sich auf, als nach einer genauen Prüfung, deren die Vornehmen so wohl, als die Geringere sich unterwerfen mussten, wann sie die Vorteile einer so glückseligen Lebens-Art mit geniessen wolten. Man erforschte der neu-Ankommenden ihre Gemüts-Art, ihre Absichten und ihre Aufführung auf das genaueste; und wann sie Fremde waren, so erkundigte man sich darnach durch Briefe, und durch Einziehung unverdächtiger Nachrichten.
Ubel berüchtigte, wilde, lasterhafte, müssige, unru
hige und zänkische Leute wurden daselbst weder gelitten, noch aufgenommen. Denn dieser Ort sollte ein Aufentalt der Unschuld, des Friedens und der Tugend sein.
In Ansehung des Glaubens verlangte man von
denen neu-Ankommenden nichts weiters, als die einfältige Bekäntnüs zum Christentum, und einen aufrichtigen Vorsatz, darnach sein Leben und Wandel einzurichten; darin bestund alles: der Nachdruck aber von dieser Verbindung war von einer wichtigen Folge, und lidte eine solche Ausdehnung, dass sie der ganzen Aufführung eines Menschen, auch in den geringsten Kleinigkeiten, Maas und Ziel setzte.
Alle und jede Verbrechen, welche die Obrigkeit
strafet, zogen den Verlust des Bürger-Rechts nach sich; man verkaufte der Verbrecher ihre liegende Haab, gab ihnen dafür das Geld, und liess sie damit ihren Stab weiter setzen. Eine unordentliche, üppige und boshafte Aufführung wurde mit nicht weniger Schärfe geahndet; doch gebrauchte man zuvor gegen diese Art Leute allen Glimpf und alle Sanftmut: man ermahnte, man warnte, man strafte sie mit Worten so lang und so viel, bis man sah, dass alles vergeblich und keine Besserung zu hoffen war; da man ihnen dann, gleich andern Ubeltätern, den Schutz aufkündigte, und sie als ungesunde Glieder von der Gemeine trennete.
Die übrige Schwachheiten aber ertrugen sie an einander mit Liebe, Sanftmut und Gedult; sie bestraften mit vieler Nachsicht und Gelindigkeit die wirkliche Fehler, wenn man solche bereuete, und mit einer ernstlichen Buse zu verbessern versprach. Die Laster aber, welche sie gar nicht dulteten, waren die Lügen, der Betrug, die Falschheit, die Verleumdung, die Heuchelei, die Zanksucht, der Zorn, die Rachgierde, die Unversöhnlichkeit; kurz, alles, was wider die Liebe GOttes und des nächsten lauffet.
Sie hielten dafür, dass wer ein rechter Christ werden wolte, ohne im Grund des Herzens aufrichtig zu sein, der würde in die