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, seine Absichten jemahls in dieser Sache zu erreichen: Es waren insonderheit die Geistlichen ihm darin sehr entgegen; sie nanten die Einführung einer solchen Eintracht: Syncretisterei und Gleichgültigkeit der Religion.

Der Fürst war kein Feind der Geistlichen; er hielt vielmehr ihren Stand vor andern hoch; doch dieses verdross ihn, dass so viele unter ihnen das Ketzermachen nicht lassen konnten; sondern bei allen und jeden Gelegenheiten mehr auf ihre blinde Satzungen, als auf die Kraft des Glaubens selbst sahen. So gern er auch diesem Unheil gesteuert und die Liebe, die Sanftmut und die Verträglichkeit bei der Evangelischen Kirche in seinem land eingeführet hätte, so konte er es doch, wegen einiger unruhigen Köpfen, nicht dahin bringen; einen Frieden aber in der Kirche durch neue Empörungen und Zänkereien zu stiften, hielt er nicht für ratsam.

Er brachte seine Klagen darüber vor den HErrn, der allein solches ändern konte; er befahl auf eine Zeitlang seine Regierungs-Geschäfte seiner Gemahlin und seinen Räten; und verfügte sich nach einem in den Hercynischen Wäldern, vier Stunden von seinem HofSitz gelegenen Jagd-Haus; um in dieser Einsamkeit auf die so nötige Verbesserung des Kirchen-Wesens desto ruhiger seine Gedanken zu richten.

Er hatte bereits vier Wochen in dieser abgezogenen Stille mit dergleichen Gedanken sich unterhalten, auch schon verschiedene Einwürfe zu Papier gebracht; als ein paar Vandalische Männer sich bei ihm anmeldeten.

Gnädigster Fürst, war ihre Anrede, wir haben vernommen, dass Eure Durchleucht ein weiser und frommer Herr seien. Wir sind nebst einigen unserer Mitbrüder aus unserm Vaterland, um der Wahrheit willen, die wir nach den Lehren des Evangelii einfältig bekennen, von andern, die auch Christen sein wollen, vertrieben worden. Wir suchen bei Ew. Durchleucht Schutz; wir verstehen den Acker-Bau und die Viehzucht: ein kleiner Raum wird genug sein, um uns zu nähren.

Was habt ihr dann vor Meinungen in eurem Glauben, fragte der Fürst, weil man euch aus eurem Vaterland vertrieben hat? Wir sind Christen, antworteten sie, und wollen mit GOttes Gnade in diesem Glauben auch leben und sterben. Wir halten uns darin einzig und allein an die uns hinterlassene Offenbarung der göttlichen Schriften, und lassen uns keine fremde Auslegungen, noch Glaubens-Articul aufbürden; weil geschrieben stehet, dass man nichts soll dazu noch davon tun. Ja, unterbrach der Fürst, verstehet ihr dann die Schrift? Was wir nicht verstehen, gnädigster Fürst, sprachen sie, das lassen wir so lang unerörtert, bis der Geist GOttes darüber unser Verständnis aufschliesset; denn wir wissen, dass nicht alle Menschen gleiche Begriffe und Einsichten haben; und dass wir deswegen verbunden sind, uns einander in Liebe zu tragen. Mittlerweile, dringen wir allesammt scharf darauf, denen deutlichen Lehren Christi, durch die Kraft des einfältigen Glaubens, in unserm Leben und Wandel zu folgen. Was bedienet ihr euch dann, fragte der Fürst weiter, vor einer Ubersetzung der Heil. Schrift? Die wenige Gelehrten, die wir unter uns haben, war ihre Antwort, bedienen sich der GrundSprache, worin die Bücher der H. Schrift anfänglich sind verfasset worden; auf deren gründliche Wissenschaft sie mit allem Ernst und Fleiss sich legen; was aber den gemeinen Mann betrift, so begnügen wir uns mit einer sehr schlechten und unvollkommenen Ubersetzung in unsrer gemeinen Sprache; die aber, wie unsre Gelehrten sagen, alle die Haupt-Articul des Christlichen Glaubens mit hinlänglicher und genugsamer Deutlichkeit erkläret.

Der Fürst war angenehm-bestürzt, diese Leute also reden zu hören; Er erkundigte sich, wo sie dann eigentlich den Ursprung ihrer Kirchen herrechneten; und ob sie von andern sich getrennet, oder diese Glaubens-Einfalt von langen zeiten her unter sich erhalten hatten?

Unsere Vorfahren, berichteten die beide Fremdlinge, die sich bis auf die erste zeiten der Kirchen hinaus rechnen, haben nie keinen andern Lehren beigepflichtet, als den einfältigen Lehren des Heilandes: sie haben nie keinen blossen Menschen-Satzungen, in Glaubens-Sachen, sich unterworfen: sie haben weder die Heiligen anrufen, noch die Macht eines geistlichen Stattalters GOttes auf Erden erkennen wollen; und da die Griechische Bischöffe in den ersten Jahrhunderten anfiengen, sich eine unerlaubte herrschaft über die Gewissen anzumassen, und solche unter das Joch fremder Meinungen und Ceremonien zu zwingen; so verliessen unsere Vorfahren die Hellespontische Ufer, und zogen sich nach den Dalmatischen und Sclavonischen Gefildern. Als hierauf die Griechische von der Lateinischen Kirche sich trennte, und eine solche Finsterniss den ganzen Kirchen-Himmel überzog, dass man das Christentum auch nicht mehr unter den Christen fande; so errichteten unsere Väter unter sich eine geistliche Brüderschaft, welche die Erhaltung der reinen Apostolischen Wahrheit in der Einfalt; und die würkliche Ausübung der Lehren Christi zum Grund hatte.

Als sie aber auch hier von der herrschsüchtigen Clerisei verfolget wurden, zogen sie sich nach Pannonien, Sarmatien, Hercinien und dasige Gegenden: von dannen einige noch weiter bis in die Occidentalische Länder drungen; sich aber meistens in grosser Armut, in Wäldern und rauhen Gebürgen aufhalten, und sich darin eine Zeitlang mit Wurzeln, Kräutern und Baumfrüchten nähren mussten.

Da es nun endlich im vierzehenden Jahrhundert in dem Europäischen Welt-teil wieder ein wenig Licht zu werden begunte, so kam es auch so weit, dass sie, als Bekenner des Christlichen Glaubens, an vielen Orten aufgenommen wurden, ein eigenes KirchenWesen aufrichteten, sich ihre eigene Bischöffe, Aeltesten und Vorsteher wehleten; und viel andere von dem beschwerlichen Joch des Occidentalischen KirchenRegiments los machten