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Art, dass ich solches ihre einzige Schwachheit nennen müste, wenn dieselbe einer so ausnehmenden Hochachtung weniger würdig wären. Sie suchte nichts destoweniger in dieser Neigung sich zu überwinden, und den Herrn Grafen aus ihren Gedanken zu schlagen. Die Liebe des Königs dünkte ihr eine würdige Rache zu schenken: sie stellte sich solche mit allen denen Annehmlichkeiten vor Augen, welche sie begleiteten, und die so leicht ein junges und hochmütiges Herz zu rühren fähig sind.

Die zarte Regungen, die sonst ihr Gemüt mit Huld und Güte durchdrangen, verwandelten sich bei ihr in eine stolze Heftigkeit. Sie fand in ihrer vermeinten Verachtung gegen den Herrn Grafen etwas edelmütiges und grosses. Wohlan! leichtsinniger Graf, sprach sie, kostet es ihn so wenig, sein Herz einer andern zu schenken, so soll das meinige nicht niederträchtiger sein. Ich will dem König Gehör geben, er ist meiner um so viel würdiger, weil er mich liebt.

In dieser Entschliessung kam sie zu dem Herzogen: sie wolte ihm die hurtige Veränderung ihres Gemüts entdecken; allein die Liebe lachte über dieses Vorhaben. Die Gräfin wuste nicht, dass sie nur deswegen so sehr aufgebracht war, weil sie von einer starken leidenschaft beherrschet wurde; diese hatte allein das Feuer in ihrer Brust entzündet: Der Eifer war zu gross für ein Herz, das sich von der Liebe frei machen wolte.

Der Herzog vermerkte ihre Unruh: wenn werde ich euch, liebste Base, sagte er zu ihr, wieder ruhig sehen? wo ist das muntere und vergnügte Wesen, das euch ehedem belebet hat? Ach! lasset euch doch einreden; vergesset den Grafen von Rivera; ihr verdienet noch wohl einen beständigen Liebhaber. Ich, gnädiger Herr! antworte sie ihm, mit einer verächtlichen Mine, ich sollte mich noch um den Grafen von Rivera bekümmern, nachdem er sich entschlossen hat, die Herzogin von Salona zu heiraten? Nein, fürwahr. Sie haben auch gar zu geringe Meinungen von mir. Wohlan! erwiderte der Herzog, so wird es euch also nicht ferner mehr schwer ankommen, den König zu lieben? Die Gräfin errötete auf diese Worte: ihr ganzes Vorhaben verschwand mit einmal, da der Herzog eine solche Erklärung von ihr verlangte: sie war verwirrt und wuste nicht, was sie sagen sollte: allein der Herzog entwickelte leicht ihr ganzes geheimnis. Gehet, sagt er, meine Tochter, ihr habt für den Grafen von Rivera noch keine solche Verachtung, wie ihr euch einbildet: ihr würdet sonst nicht so sehr den König fürchten, der euch die Ehr antut euch zu lieben; mittlerweile, dass der Graf so wenig nach euch fraget.

Diese letzte Worte schnitten meiner Gräfin durchs Herz. Die Schönen in der Welt sind nicht dazu gebohren, dass sie sich können verachtet sehen; und wenn sie einem alles verzeihen, so übersteiget ihre gröste Gütigkeit doch niemals die Beleidigung einer verschmäheten Liebe. Die Augen der holdseligen Gräfin wurden von einem fremden Feuer entzündet: Die Wangen durchlief ein wallendes Blut, welches ihr ganzes Gesicht mit Purpur färbte: sie schämte sich vor ihrem Oheim, dass er ihr so niederträchtige Empfindungen vorhielt: sie wolte lieber aus Grosmut ehrsüchtig, als aus Liebe schwach scheinen: Sie versicherte deswegen ihren Oheim mit einem stolzen Eifer, dass wenn sie so leicht den König lieben, als den Grafen von Rivera vergessen könnte, so würde sie den Absichten, die man mit ihr hätte, ferner nicht widerstreben.

Nach diesem Gespräch begab sich die Gräfin in ihr Zimmer: die zurückgehaltene Bewegung der stärksten Leidenschaften, brach hier auf einmal aus: das herz war davon ganz beklemmt, die Augen öfneten also ihre verborgene Quellen, und stürzten die Schmerzen ihres Gemüts in einen Bach von Tränen aus: sie weinte heftig. Glückselige Tränen, die den sonst nicht erträglichen Kummer zerteilen, und der bedrängten Brust Luft und Erleichterung verschaffen.

Das Gemüt der Gräfin geriet auf die Vergiessung so vieler Zähren in eine sanfte Stille. Die Traurigkeit wurde bei ihr an statt des vorempfundenen Leidens, ein mit Ruh und Schwermütigkeit vermengter Zustand: sie suchte die Einsamkeit: alle Menschen waren ihr zuwider: kaum dass sie mich noch um sich leiden mogte.

Asmenie! sagte sie zu mir, ich bin der Welt müde: liebt ihr mich ein wenig, so redet mir von nichts anders, als wie man sich von ihr absondern, und sie verachten soll. Wir wollen wieder nach Prato gehen, und daselbst uns dem Umgang aller Menschen entziehen. Wir wollen uns den Sommer über auf unsern nah-gelegenen Meier-Hof begeben, und uns daselbst von den peinlichen Eitelkeiten des Hofs zu befreien suchen. Wir wollen unser süsses Sayten-Spiel bald in den Waldern erklingen lassen, bald unsre Stimmen mit dem hellen laut der singenden Vögel vermengen. Bald sollen uns die junge Hirtinnen ihre Reihen tanzen, und die Hirten dazu ihre Flöten spielen: wir wollen zuweilen den grossen Teich, dessen breiter Canal bis nach Prato leitet, mit einem kleinen Kahn beschiffen, und den gestrickten Hahmen in den Grund senken, um Fische zu fangen; zuweilen wollen wir uns auf einen leichten Wagen von zwei Rädern setzen, und damit die Wälder und Auen durchfahren. Vor allen Dingen wollen wir gute Bücher mitnehmen, und uns bald mit anmutigen Geschichten, bald mit guten Lehren unterhalten; der Welt ihre Torheiten aber von weitem belachen.

Ich liess meine Gräfin diese sie vergnügende Fantasien ruhig entwerfen: ich war froh, dass sie etwas gefunden hatte, damit sie ihr Gemüt ein wenig beruhigen konte