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verlassen hatten, nechst GOtt, durch das einzige Mittel der Mässigkeit sein Leben in beständiger Gesundheit, in allem Vergnügen und bei einem vortreflichen Verstand, über hundert Jahre hingebracht hätte.

Diese Exempel gefielen dem König wohl, allein die Nachfolge machte ihm Qual; es kam ihm überaus schwer an sich unter den Zwang einer solchen Tugend zu setzen, zu deren Ubertrettung ihn alles zu reitzen schien. Dem ungeachtet, so wuste es der Graf von Rivera durch seine lebhafte Vorstellungen und artige Manieren bei dem König dahin zu bringen, dass er sich den Regeln der Mässigkeit unterwarf.

Der König fand sich in kurzer Zeit dadurch so wohl, als er je zuvor gewesen war. Der Graf brachte damahls auch seine beide Freunde, den Herrn von Greenhielm und den Herrn von Riesenburg, welche nebst dem Herrn von Ridelo ihn zu besuchen gekommen waren, vor den König. Dieser empfieng sie auf das leutseligste, und befahl, dass man dem Fremden alle ersinnliche Ehre bei seinem Hof erweisen sollte: Den Herrn von Riesenburg aber erklärte er, wegen seiner im letzten Feldzug bezeigten Tapferkeit, zu seinem wirklichen Cammerherrn, und gab ihm dabei die Anwartung auf das nechste Regiment. Er wolte sie damit an die Marschalls-Tafel verweisen, mit dem Zusatz, dass er sie gerne bei der seinigen behalten wolte, sie würden aber jene besser bestellet finden; Der Graf von Rivera sagte hierauf, dass, wo der König diesen Herren sonst die Gnade tun wolte, sie mit sich an seiner Tafel speisen zu lassen; so würde die mittelmässige Bestellung derselben sie nicht hindern, dieser Ehre zu geniesen: Der Graf aber hatte dismahl ein paar Trachten mehr aufsetzen lassen, dieweil sie unverfänglich waren, dem König nicht übel bekamen; zumahl da er den Nachmittag darauf in Begleitung dieser und anderer Herren sich mit Jagen belustigte.

Diese Kennzeichen der wiederherstellten Gesundheit des Königs machten, dass sich nach etlichen Tagen der Graf bei demselben beurlaubte, und wieder nach Panopolis sich verfügte; um daselbst mit dem Herzog von Sandilien, wegen seiner vorhabenden Reise und dem mit dem König von Licatien zu schliessenden Frieden die nötige Ratschläge zu pflegen.

Dieser oberste staates-Minister war dem Grafen von natur nicht abhold; er war nur deswegen ihm nicht völlig gewogen, weil er verursachte, dass seine Base nicht Königin werden wolte. Die Entfernung des Grafens schmeichelte demnach seinen Absichten besser, als wenn er beständig bei hof und bei dem König bleiben würde. Er lobte deswegen seinen Eifer für den Dienst des Königs und hies alle dessen Ratschläge gut: Er gab ihm dabei alle Kennzeichen einer wahren Freundschaft und Hochachtung. Der Graf wuste schon, wie weit er diesen Versicherungen des Herzogs zu trauen hatte. Doch erinnerte er sich, dass ihm der Herzog das Leben bei dem König gerettet hatte; er liess ihm deswegen ein so aufrichtiges und von der lebhatesten Erkänntlichkeit durchdrungenes Gemüte sehen, dass der Herzog, wenn er auch gewolt hätte, ihn nicht hassen konte.

Als der König hierauf, sich wiederum, mit völlig hergestellter Gesundheit, zu Panopolis eingefunden hatte, trat der Graf seine Reise nach Licatien mit Vergnügen an. Er empfahl dem König den Freiherrn von Riesenburg, als einen Cavalier, auf dessen Eifer und Treu er sich verlassen könnte. Den Herrn von Greenhielm aber, welchen der König seiner Gefangenschaft entlassen und noch dazu mit einem kostbaren Degen beschenket hatte, nahm er mit sich zu seinem Reise-Gefährden.

Das zehende Buch.

Der Graf von Rivera hatte noch nicht viel über vierzehen Meilen zurück geleget, als er den Tag nach seiner Abreise auf ein Dorf kam, wo die Post wechselte. Es war allda Kirchweih. Der Graf hatte ein kleines Mittagmahl bestellet, und ging mittlerweile, dass dazu die Anstalten gemacht wurden, mit seinem Reise-Gefehrden nach der Wiesen, wo die junge Bauern und Bäuerinnen ihren Reihen tanzeten. Sie hatten Kränze auf den Häuptern, und hüpften mit so natürlichen Sprüngen und Bewegungen um den Dudelsack, und ein paar kreischende Feld-Schalmayen herum, dass der Graf solches mit Vergnügen ansah; ein paar dukaten, die er einem alten Greisen in den Hut warf, um dieses fest damit zu verherrlichen, machten, dass man ihm den ersten Platz einräumte, und ihn mit Verwunderung betrachtete; denn das Gold war an dasigem Ort keine gar bekante Münze.

Der Graf kam mit dem Herrn von Greenhielm nicht weit von zwei Frauenzimmern zu stehen. Ihre vortreffliche Gestalt und ungemein nette Kleidung machte, dass er sie näher betrachtete; sie verbargen aber ihre Gesichter mit ihren Fächern, weil sie in der Sonne stunden: der Graf warf insonderheit seine Augen auf die jüngste: er hatte nie einen niedlichem Aufputz gesehen: ein kleiner Hut von schwarzem Sammet, mit einem weissen Federbusch bedeckte das mit langen Haarlocken gezierte Haupt: ein von Lichtblauen Sammet, über den Leib dicht-angeschlossenes Kleid, reichte bis unter die Hüften, worunter ein von blass-Rosenfarb mit silbernen Zügen und Bendelwerk gestickter Rock sich zeigte, welcher nicht so gar lang war, dass er nicht zugleich den schönsten Fuss hätte sehen lassen.

Alles dieses fiel dem Grafen mit solcher Verwunderung in die Augen, dass er sich nicht entbrechen konte, dieser person sich zu nähern. Sie hatte ihn aber kaum erblicket, so tat sie einen lauten Schrei, verlohr auf einmal ihre Farbe, und sank der andern Dame, die neben ihr stunde, in die arme.

Dieses verursachte unter dem Volk ein schnelles Zusammenlauffen: man trug sie mehr, als man sie führte; und