Vernunft verliehren und darüber zu einem Vieh werden. Es ist gewiss, dass die unschuldige Belustigungen die sündliche mehr verhindern als verursachen; um aber solche zu kennen, muss man weise und tugendhaft sein, und die Künste und Wissenschaften lieben.
Wie kommt es aber, fragte der Graf weiter, dass es so viele fromme Leute geben, die schier alle Belustigungen für sündlich halten, und solche deswegen keinem Christen gestatten wollen? Diese Leute, erklärte sich Pandoresto, sind entweder in der Tat, oder nur zum Schein fromm: Die Erste irren im Begriff, den sie vom Bösen und vom Guten haben: sie wissen nicht, was GOtt, was der Mensch, und was die Welt ist. Der Grund ihres Irrtums hat nichts destoweniger etwas gutes: sie wollen sich an GOtt nicht versündigen: sie fürchten sich deswegen vor der gelegenheit: wer wolte diese Leute wegen der Zärtlichkeit ihres Gewissens tadeln? das sei ferne. Ich halte das Tanzen und Spielen in gewisser Maass für eine erlaubte Lust: ich wolte aber keinem, der sich daraus ein Gewissen macht dazu raten. Viele gehen deswegen nicht in die Schau-Spiele; ohneracht diese Are von Ergötzlichkeit, wenn sie wohl und vernünftig eingerichtet würde, mit unter die nützlichsten und erbaulichsten könnte gerechnet werden: Ich sehe daraus, dass die Belustigungen nicht allen Menschen gleich durch erlaubet sind. Zeit, Alter, Stand, Gefahr; und das Gewissen eines jeden Menschen lehren uns, wie weit wir darinnen gehen dürfen.
Was die Schein-Frommen anlangt, die unter der Larve der Heiligkeit die gröste Heuchler abgeben; so pflegen dieselbe insgemein aus gewissen heimlichen Absichten sich der äusserlichen Lust und Ergötzlichkeit zu entschlagen: sie halten sich wegen des Zwangs, den sie sich hier antun, auf eine Art schadlos, dass sie solchen gegen andere Vorteile reichlich auf Wucher legen. Die heimliche Lust ist ihnen empfindlicher, als die öffentliche Freude: das Ansehen der Weisheit und der Frömmigkeit nähret ihren Hochmut; und die Sparsamkeit ihren Geitz. Sie sind diejenige, welche der Heiland Mückenseiger und CameelVerschlucker nennet, weil sie aus allen Kleinigkeiten grosse Sünden machen, von aussen rein scheinen; inwendig aber voller Unreinigkeit und böser Tücke sind. Dieses sind in der Tat die gefährlichste Leute in der Welt; die, indem sie, wie die Pharisäer sich durch ihre Scheinheiligkeit über alle die gemeine Schwachheiten erheben, nicht einmal leiden können, dass sichs andre wohl sein lassen. Sie machen dem Christentum, bei Leuten, die Vernunft haben, nur ein böses Ansehen; indem sie die Empfindungen der natur und der Billigkeit übernhauffen werfen, ohne GOtt und der Religion dadurch die gerinste Ehre zu erweisen.
DGer raf verfügte sich darauf in den Saal, und Pandorest blieb Abends, auf des Königs Befehl, bei der Tafel: er fand solche nicht Königlich, aber gut und mässig besetzt: eine Suppe, mit ein wenig gestoften Wurzel-Werk, und einigen Braten von zarten Lämmern und Wildpret, wobei an statt des Backwerks, und der Neben-Schüsseln, eingemachte Citronen und Pomeranzen mit Biscuiten sich befanden; dieses war alles. Pandorest nahm deswegen gelegenheit, allhier eine Lob-Rede der Mässigkeit zu halten: er unterstützte seine Gründe mit einem lebendigen Beweis an seiner eignen person. Ich habe bereits, sagte er 87. Jahr in dieser Welt gelebet, und ich empfinde noch nicht die gewöhnliche Schwachheiten eines so hohen Alters. Mein magerer körper hat keinen Mangel an Säften: ich nähre darin keine überflüssige Feuchtigkeiten, und entzünde nicht das Geblüt durch stark-gewürzte speisen und hitzige Getränke: die einfältige natur bestellet meine Tafel, und die Furcht vor dem Allmächtigen schützet mein Herz vor unordentlichen Leidenschaften.
O selige Einfalt, fuhr er fort, warum sind wir so weit von dir abgewichen. Wir jagen jetzt uns selbst den Tod in alle Glieder; unsere Köche bereiten uns dazu den süssen Gift, der unsern Geschmack reitzet mehr zu essen, als die natur verarbeiten kan: was diese noch verschonen, verdirbt die Unwissenheit der ärzte, und das künstliche Gemengsel der Apoteker. Unsere Zärtlichkeit ist so gross, da sie kaum ein rauhes Lüftgen mehr vertragen kan: es scheinet, als ob das menschliche Geschlecht mit uns aussterben wolte: die geringste Bemühung ermattet unsern schwächlichen Leib, und ein wenig Ungemach wirft uns darnieder: wir haben die wunderlichste Krankheiten, welche den Alten unbekant waren: und wenn wir alles im Uberfluss besitzen, so naget uns die Trägheit, die lange Weil und die Schwermut. Die Arbeit ist uns eine Pein; die Zeit eine Last, und das Leben unerträglich. Unsere prächtige Palläste sind zu Hospitälern, und die weichste Pflaumen-Federn zu Lägern der Kranken worden. Wir sind zu allen grossen Taten, durch welche die Helden der vergangenen zeiten sich vergöttert haben, untauglich. Wir sinken schon zur Erden, wenn man uns nur die gewohnte Gemächlichkeit, die weiche Küssen, und die niedliche speisen entziehet. Unsere Kräfte sind bereits verschwunden, ehe wir noch in das rechte männliche Alter kommen; und unsere Gemüts-Bewegungen werden desto stärker, je zärtlicher wir den körper pflegen. Gegen alle diese Feinde unseres Lebens, unserer Ruh und unserer Glückseligkeit, schützet uns nichts als die Mässigkeit.
Pandoresto setzte diesen Anmerkungen, welche uns eine traurige Erfahrung lehret, die geschichte eines berühmten Adriatischen Edelmanns hinzu: von welchem er erzehlte, dass er bis in die vierzig Jahre der elendeste und kränklichste Mensch von der Welt gewesen wär; und der nichts destoweniger, nachdem ihn schon alle ärzte