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jener, hätte ein Christ sein können, ehe noch die Secten aufgekommen wären, so könnte man auch noch heutiges Tages ein solcher sein, ohne sich zu einer Secte zu schlagen. Man muss, fuhr er fort, das Christentum nicht nach dem äusserlichen Rock urteilen, worinn sich eine jede Secte kleidet: es ist an und für sich selbst ganz einfältig, und bestehet nicht in solchen besonderen Meinungen, womit man solches beschränken will; sondern darin, dass man mit aller Aufrichtigkeit des Herzens den Lehren des Evangelii suchet nachzuleben.

Ja, das ist wohl gut, erinnerte hiebei der Herr von Greenhielm; aber man muss doch auch, wegen der Ordnung, Zucht und Unterweisung sich nochwendig zu einer äusserlichen Kirche mit bekennen; weil sonst die Verwirrung beides im Geistlichen, als Weltlichen zu sehr überhand nehmen würde. Der Graf gab ihm darin Beifall: Nur wünschte derselbe, dass man sich bei dem öffentlichen Gottesdienst mehr nach dem gemeinen Mann, als nach der Spitzfindigkeit der Gelehrten richten mögte; damit die Tempel wenigstens schulen der Andacht und der Tugend sein mögten; wenn man gleich darin die verschiedene Begriffe und Meinungen nicht zusammen vergleichen könnte.

Mit diesen und dergleichen Gesprächen unterhielten sich diese drei Herren auf ihrer Reise: sie wurden ein paar Stunden vor Panopolis von dem Herrn von Ridelo eingehohlet, in dessen Pallast sie abstiegen: der Graf von Rivera bezog darin sein voriges Quartier: seine beide Reise-Gefehrden aber mieteten sich einige Zimmer in der Nachbarschaft. Den andern Morgen war das Vor-Gemach des Grafens von den vornehmsten Herren und Bedienten des Hofs angefüllet, welche sich darin versammlet hatten, um ihn zu bewillkommen, und bei demselben ihre Glückwünsche abzulegen.

Der Graf verfügte sich darauf nach hof: er fand den König krank, die Medicinische Hof-Facultät stunde um ihn herum: ihr ängstliches Beratschlagen, ihre zweideutige Gesichter, ihre lange Recepten, die sie verschrieben; alles dieses machte dem König bang: er meinte, dass er nun sterben müste; und diese Furcht vermehrte seine Krankheit.

Weil es in der Herbst-Zeit war, und zuweilen ein rauhes Lüftgen wehete, so liessen ihn seine LeibAerzte nicht aus seinem Zimmer kommen, und aller Luft darin den Eingang verbieten. Die Fenster wurden nicht allein mit Läden verwahret, sondern auch allentalben mit Vorhängen bezogen. Wer zur Tür herein trat, dem wurde furchtsam entgegen gewinket, sich nicht lang darunter zu verweilen, und solche hurtig wieder zuzumachen.

Der Graf von Rivera, welcher der vollen Luft gewohnet war, suchte aus der hohlen Brust sich den Otem heraufzuziehen, der ihm in diesem Zimmer schien kürzer zu werden. Der König tat, als ob er ein wenig ruhete: der Graf setzte sich deswegen auf einen Stuhl in das Vor-Gemach, wo die Herren Leib- und Hof-ärzte ihre Geheimnisse zu Papier gebracht hatten: Er nahm ein Pülvergen und ein Gläsgen nach dem andern in die Hand, und las die daran geheftete Zettel mit Schrecken: die Ungedult übernahm ihn: Aber wie, meine Herren, sprach er zu den Aerzten, wollen sie den König gesund machen, und brauchen ihm alle diese Arzneien? Er sagte diese Worte mit einen so erhabenen Ton, dass der König fragte, wer da wäre? der Graf von Rivera, antwortete der Cammerherr, der die Aufwartung hatte. Der Graf von Rivera? wiederhohlte der König, indem er sich im Bette aufrichtete, lasst ihn herein kommen. Der Graf kam und küsste dem König die Hand mit der gröstem Demut, und bezeigte ihm sein tiefes Mitleiden, dass er denselben unpässlich fänd. Der König winkte dem Cammerherrn, dass man ihn mit dem Grafen sollte alleine lassen: hier versicherte der König den Grafen seiner Gnade, und bat ihn, das geschehene zu vergessen.

Er klagte ihm darauf seine Not, und wie er fürchtete, dass er sterben müste: der Graf aber redete ihm einen Mut ein; und versprach, ihn mit GOttes Hülf wieder zurecht zu bringen, wenn er sich seiner Cur anvertrauen wolte. Wie, sprach der König, wie wolt ihr mich zurecht bringen, ihr seid ja kein Doctor? Ich kenne nichts destoweniger Ew. Maj. natur und Temperament besser, als wenn ich ein Doctor wär, erwiderte der Graf. Ew Majestät erlauben mir, dass ich meine Gedanken darüber dero zweiten Leib-Medico entdecken mögte.

Der Graf stunde damit auf, ging in ein Neben-Zimmer, und liess den Herrn Hippon, so nante sich der Leib-Arzt, zu sich kommen. Mein wertster Herr Doctor, redete er ihn an, ich habe die Ehre, sie als einen sehr vernünftigen und gelehrten Mann zu kennen; ich kan mir deswegen nicht einbilden, wie sie mit den andern Herren Leib-Aerzten übereinstimmen sollten, den König auf eine solche Art zu tractiren, die seiner ganzen natur entgegen ist, und solche wohl gar aufreiben dürfte, wenn sie damit fortfahren sollten. Der Herr Hippon zuckte darüber die Schultern, und bekante dem Grafen, dass er mit seinen Herren Collegen nicht einerlei Meinung wäre: er seie aber überstimmet; Der Aelteste unter ihnen gab sich in seinen Aussprüchen das Ansehen der Unfehlbarkeit; der andere wär sein Schüler, der durch ihn sein Glück gemacht hätte, und nehm sich deswegen wohl in acht, ihm nicht zu widersprechen. Also, sprach der Graf, übet ihr Herren eure Kunst auf des Königs Gefahr, um das Ansehen eurer Wissenschaften zu erhalten? Was wollen aber der Herr Graf,