. Der Weg, wie sie wissen, ist in dieser Gegend etwas unsicher; man verirrt sich leicht. Wenn dieser Irrtum sich zutrug, so bat er die Schöne sogleich um Vergebung, und küsste ihr dafür die Hand. Sie wurden dadurch in dem innersten bewegt: diese Bewegung hemmte ihre Sprach; sie blieben oft ganz stumm beisammen: ihre Herzen waren geprest, sie mussten stark Atem holen, und dieses liess natürlich, als ob sie seufzten. Bei diesem anhaltenden Stillschweigen besprachen sich die Augen: denn diese sind die Sprach der Geister. Was sie sich einander mögen gesagt haben / ist mir unbekant: sie begriffen es selbst nicht recht: sie spürten davon nur die wirkung: die Brust war beklemmt, der Puls ging schneller, der Mund war trocken, und ein inwendiger Brand drohete sie zu verzehren. Sie wolten vermutlich keines so grausamen Todes sterben: was aus heftiger Liebe geschiehet schlossen sie bei sich selbst, das kan nicht böse sein. Kurz, nach einem halben Jahr hiess es, der Gräfin Hofmeisterin wär schwanger.
Man schaffte sie hurtig aus dem haus: niemand hatte Anfangs den frommen Menschen, meinen Hofmeister, darüber in Verdacht. Das arme Mägden konte es gar nicht begreiffen, wie es wär zugegangen: sie sagte, sie wär bezaubert worden: sie liess sich solches nicht ausreden; und ich hätte die Wahrheit von dieser geschichte nimmer erfahren, wenn nicht diese unglückselige Liebhaberin in ihrem äussersten Elend zu mir ihre Zuflucht genommen hätte, ihr mit ein wenig Geld an die Hand zu gehen. Weil mir die junge Gräfin schon etwas von der Vertraulichkeit meines Hofmeisters mit ihrer Gubernantin entdeckt hatte, und allentalben das Gespräch ging, dass er dieselbe zum Fall gebracht hätte, so verfügte ich mich heimlich selbst zu ihr in ein elendes abgelegenes Häusgen, und wolte ihr nicht eher meinen Beistand zeigen, bis sie alles haarklein mir würde gebeichtet haben.
Sie wolte lange nicht mit der Sprach heraus, sie sagte immer, der Satan wär mit im Spiel gewesen; es wär nicht natürlich zugegangen; allein, ich liess mich damit nicht abweisen. Kurz, die Not machte sie schwätzen; sie nante mir mit Tränen und hände-ringen meinen Hofmeister. Wie bestürzt wurde ich nicht darüber, als ich hörte, dass dieser ehrbare Mensch das Werkzeug dieser übernatürlichen Zauberei sollte gewesen sein. Ich konte ihn nicht mehr vor meinen Augen sehen; nicht deswegen, weil er gesündiget hatte, dieses hätte mich zum Mitleiden bewogen; sondern, weil er durch seine Scheinheiligkeit GOtt und Menschen zu betrügen suchet.
Ohnerachtet aller Beweis auf ihn fiel und ihn völlig überzeugte; so läugnete er doch beständig: er schalt auf Verläumdung und böse Mäuler, und setzte seine Heuchelei also noch immer fort. Ich berichtete unterdessen diese Begebenheit meinem Vater. Wir mussten darüber wieder zurück nach haus kehren, nachdem ich nicht viel über zwei Jahr in Argentea gewesen war. Mein Vater verwies meinem Hofmeister seine Aufführung, und gab ihm hernach seinen Abschied.
Der Herr von Greenhielm lenkte hierauf das Gespräch auf die Religion: Es ist leider, sprach derselbe, auch darin eine gewisse Mode: neue Meinungen und Lehren haben jederzeit die Menschen wie die neue Kleidertrachten zur Nachahmung verleitet. Dieses kommt vermutlich daher, weil die wenigste wissen, worinn eigentlich der Grund der Religion bestehet; das unerbauliche Gezänk in der Kirchen verwirret solche noch immer mehr und mehr. Ein jeder hält sich selbst für klug: er will andere bekehren und unterweisen, und hat doch nichts als seine eigene Einbildung, damit er seine vermeinte Gaben kan rechtfertigen.
Ich habe neulich in einem Buch, sagte der Graf von Rivera, eine artige Geschicht gelesen, die sich nicht übel hieher schicket: Ein frommer Nazarener, der die Wahrheit liebte, solche aber in der Aufführung der Christen so wenig als bei seinen Glaubensgenossen fand, kam einsmahl auf der Reise in ein grosses Gastaus, worin Christen von allerhand Secten waren; sie machten sich alle an ihn, und wolten ihn bekehren. Nur einer sass still und hörte ihnen zu. Der Jud war verwundert, dass dieser mit den andern nicht gleichen Eifer zeigte, ihn zur Annehmung seiner Religion zu bereden: er machte sich deswegen von den andern los, setzte sich zu diesem Menschen, befragte ihn, ob er nicht auch ein Christ wär, und warum er ihn nicht ebenfalls zu bekehren suchte? dieser antwortete ihm, dass er noch selbst erstlich dahin trachtete, ein rechter Christ zu werden. Wie, fragte der Hebräer, seid ihr denn nicht ein gebohrner Christ? Ja, versetzte jener, ich bin wohl von Eltern gebohren, die sich Christen nanten; aber dieses macht deswegen noch keinen Christen? es gehöret mehr dazu. Ich verstehe euch nicht, fuhr der Jude fort, von welcher Religion oder Secte seid ihr denn? Ich suche einzig und allein, erklärte sich dieser, ein rechter Christ zu werden, ohne mich darum zu bekümmern, zu welcher Secte ich mich schlagen soll; denn die Zänkereien und Trennungen, die man unter ihnen wahrnimmt, zeigen wohl, welcher Secte, aber nicht, welcher Religion sie zugetan sind. Nun ist nur eine Religion, diese lässt sich nicht trennen. Der Jude war ganz verwundert, einen Christen von dieser Art anzutreffen, und forschte deswegen bei ihm weiter, ob denn, wenn ein Jude gedächte ein Christ zu werden, er nicht notwendig zu einer von ihren Secten sich schlagen, und gegen die andre sich erklären müste. Wie man ehedessen, antwortete darauf