. Sie begab sich in die Einsamkeit, auf das Land, und starb einige Jahre darauf in dem Geruch der reinsten Andacht. Ich vernahm ihren Tod mit äusserster Betrübniss, und tat ein Gelübde, mich nimmer zu heiraten.
Ich hatte unterdessen mein Glück bei hof verscherzet. Ich tat deswegen eine Reise an auswärtige Höfe, und erhielt von dem König, dass mir gewisse Geschäfte daran zu tractiren anvertrauet wurden. Es erhub sich nachgehends auch ein Krieg mit unsern Nachbarn, den Gedanern: ich wurde zurück gefordert, und muste einigen Feldzügen mit beiwohnen.
Weil ich nicht viel schmeicheln, noch mich den Grossen bei hof niederträchtig unterwerfen konte, so stunde ich vielmahl in Gefahr, bei dem König in Ungnade zu fallen; ich wurde auch etlichmahl bei den Beförderungen der hohen krieges- und Hof-Aemter vorbei gegangen. Dieses sowohl, als der Betrug und die Falschheit der Menschen, die ich täglich mehr erkennen lernte, machte mich an meine Ruh denken. Ich war wirklich schon im Begriff, den Hof zu verlassen und mich auf das Land zu begeben; als der König mir das Commando über diejenige Völcker auftrug, welche er den Licatiern gegen die Aquitanier zu hülfe gesandt.
Ohne einen so grossmütigen Erretter, endigte hier der Herr von Greenhielm seine Geschicht, indem er seine Worte an den Grafen von Rivera richtete, hätte ich in diesem Feldzug das Ziel meines Lebens gefunden.
Das neunte Buch.
Nachdem der Herr von Greenhielm seine Erzehlung geendiget hatte, bewunderte der Graf die Eigensinnigkeiten der Liebe, und den besonderen charakter der Philirene. Der Herr von Riesenburg aber sagte, dass ihm die liebes-Historie des Bruders Christophs noch besser gefallen hätte. Dieselbe macht mich, fuhr er fort, an meinen ehmahlig andächtigen Hofmeister gedencken, der auch vom Schlag dieser Leute war; ich will meinen Herrn solche erzehlen:
Ich war ungefehr 18. Jahr alt, als ich mit diesem andächtigen Menschen auf die hohe Schul nach Argentea kam: wir machten eine abenteuerliche Figur mit einander: er schlug die Augen immer vor sich nieder, redete nie, ohne vorher zu seufzen, und sah bei seinen demütigen Gebehrden so finster aus, dass man immer meinte, er würde einschlafen; nun setzen sie mein Bildniss neben dieses, so werden sie finden, dass wir ein recht artiges Paar müssen ausgemacht haben: mein natürliches Wesen litt unterdessen einen nicht geringen Zwang unter der Anführung eines Menschen, dessen Eigenschaften von den meinigen so weit entfernet waren; ich ehrte nichts destoweniger in ihm die Wahl meines Vaters, der mir solchen zum Aufseher mit gegeben hatte; und würde mich gern, ihm zu gefallen, ein wenig verstellet haben, wen ein Gemüt wie das meinige / dazu geschickt wäre.
Ich läugne ganz nicht, dass ich mich gerne lustig mache wenn es ohne Verletzung der Ehrbarkeit geschehen kan. Nach meiner Meinung ist der Mensch mehr zur Freude und zum Vergnügen, als zur Traurigkeit gebohren. Mein Hofmeister glaubte das Gegenteil, und ein jeder bezeigte sich hierinn nach seinem Temperament.
Ich verliebt mich damahlen in eine junge Gräfin: diese Neigung aber hatte nichts von einer grossen leidenschaft. Wir gefielen uns nur, und hatten ein Vergnügen, uns solches einander zu sagen. Dieses schmeichelte ein wenig unsrer kleinen Eitelkeit. Die Annehmlichkeiten ihrer person reitzten mich mohl, ihr einige Liebkosungen zu machen; allein, die Ehre und ein bissgen Tugend, welche ich liebte, setzten unsern weitern Begierden ihre Grenzen, und hielten uns von den unglücklichen Ausschweiffungen der Liebe zurück.
Diese junge Gräfin hatte eine Hofmeisterin, die auch eine von den andächtigen Leuten war, welche viel von Verläugnung der Welt, von der Creutzigung des Fleisches, und von dem pur inneren geistlichen Leben zu sprechen wuste: sie war schon weit über die dreissig hinaus, und nah an den Jahren der Verzweiflung, ihre noch übrige Begierden durch das Sacrament der Ehe, ohne Sünde zu vergnügen: sie war in ihrer Meinung dermassen bekehrt, dass sie es nicht für möglich hielt, in eine kleine liebes-Schwachheit zu verfallen. Mein Hofmeister, der auch für nichts anders als einen Wiedergebohrnen wolte angesehen sein, machte mit ihr Bekantschaft: diese fromme Leute empfanden bald für einander eine innigste Hochachtung. Die Gleichheit vereiniget die Naturen aller Geschöpfe, warum nicht auch die Andächtigen? die Herzen unserer beiden Hofmeisterschaft branten weit heftiger, als diejenige der Welt-Leuten: die geistliche Liebe hatte solche entzündet: die Arbeit des Cörpers in den Geist ist nicht so stark, als die Arbeit des Geistes in den körper, das macht, weil der Geist durch nichts anders als die Einbildungs-Kräfte wirken kan: werden nun diese erhitzt und rege gemacht, so stehet die Materie unter dem Gehorsam.
Unsern beiden Verliebten war es auch so; der Anfang ihrer Liebe war ganz geistlich, wann sie alleine waren, so druckten sie sich einander zum Zeichen ihrer zärtlichen Herzens-Freundschaft an die Brust: der Gräfin Hofmeisterin trug solche allezeit bedeckt; doch so bedeckt, dass leicht die geringste Bewegung das Halstuch ein wenig verrücken, und beide über die Entblösung eines kleinen Fleckgens konte seufzen machen. Diese Bewegungen kamen oft. Bei dem Umarmen setzte es auch Küsse; aber Küsse in aller Andacht: keine Schwachheiten: wenn es ihnen beliebt, wer wolte so böses denken? sie küssten einander nur die beide Backen. Zuweilen machte es wohl bei ihr eine kleine Schamröte, wenn der Freund, im Feuer der Liebe, des einen Backens verfehlte, und von ungefehr neben auf den Mund ausglitschte