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sie hörte mich gelassen an, sie sagte kein Wort: ich fuhr in meinem tobenden Eifer fort, ihr mein Bildniss, meine Briefe, und was sie sonst von mir empfangen hatte, abzufordern. Sie langte darauf ein Kästgen, eröffnete darin verschiedene kleine Behälter, und legte mir daraus alles vor die Augen auf den Tisch.

So bald erblickte ich nicht diese zärtliche Unterpfänder unsrer Liebe, so verliessen mich die Sinnen: meine Augen starrten: mein Mund konte sich nicht mehr bewegen, und der Schmerz erstickte mir gleichsam die Brust. Ich fiel auf einen Sessel und wuste nichts mehr von mir. Philirene war darüber vor Angst und Schrecken ausser sich: sie nahm mich in ihre arme: sie schrie, sie weinte, sie bat, ich solt ihr verzeihen, sie schwur, dass sie mich weit heftiger, als jemahls liebte, und dass sie ohne mich nicht leben könnte. Ich schlug die Augen wieder auf; ich weiss nicht, dass ich je geweinet hatte; hier aber stürzte sich auf einmal ein ganzer Strohm von Tränen aus meinen Augen. Philirene versprach mir hierauf, Himmel und Erden zu bewegen, um ihres Vaters Einwilligung zu unsrer Heirat zu erlangen.

Wir entdeckten unsern Zustand einem von unsern Verwandten, der bei demselben vieles galt: er ging hin, und tat demselben unsertwegen einige Vorstellungen. Er fand bei ihm nicht nur Gehör, sondern auch so wenig Widerspruch, dass er uns Hoffnung machte, wie sich alles nechstens nach unserm Wunsch fügen würde. Wir waren über eine so gute Bottschafft vor Vergnügen ausser uns. niemals hat man eine so lebhafte Freude empfunden; allein, unsere Glückseligkeit war zu gross, um lang zu dauren.

Philirene fuhr einige Tage darauf zu ihrem Vater; sie hofte ihn nun ganz zu gewinnen: sie hatte bei sich die stärkste Beweg-Gründe abgefasst, allen dessen Einwürfen zu begegnen: sie meinte nicht, dass ihm noch das geringste im Weg bleiben sollte; allein, es kam zwischen ihr und ihm zu keiner solchen Erklärung. Er schmiss alle ihre Vorstellungen mit einem ungestümmen Zorn darnieder. Er schalt nicht nur auf unsre Liebe; sondern belegte auch solche mit dem allergräslichsten Fluch. Alles Einreden war vergebens; er hörte sie nicht, als um seiner Wut desto mehr Raum zu lassen.

Philirene wurde dadurch erschüttert: sie verlohr auf einmal allen Mut. Die grauen Haare ihres ergrimmten Vaters machte ihr zartes herz beben. Siehe, sprach er zu ihr, indem er ihr solche mit einer mehr vor Eifer, als Alter zitterenden Hand zeigte, diese wirst du mit Gram unter die Erde bringen, und du wirst dafür die traurige Schicksale eines Kindes erleben, welches den Tod seines Vaters verursachet.

Philirene kam darauf mehr sterbend als lebend wieder nach Haus. So bald sie sich ein wenig erhohlet, schrieb sie mir einen langen Brief, worinn die allerstärkste Leidenschaften, die jemahls ein zärtliches Gemüt empfunden hat, auf das lebhafteste ausgedrücket waren. Ich wuste nicht, wie mir war, als ich davon die erste Zeilen las: ich konte vor heftiger Bewegung denselben kaum auslesen: die äusserste Liebe war darin dem Gehorsam eines Kindes entgegen gestellet. Pflicht, Gottesfurcht und Entsetzen, zerrissen hier die allerzärteste Bande des Herzens, und stürzten sich endlich in eine andächtige Verzweiffelung aus. Sie schloss mit diesen Worten: Lebet wohl / mein Geliebter / und wo ihr mir noch das letzte Kennzeichen von eurer Neigung geben wollet / damit ihr mich über alle Verdienste erhoben; so bittet GOtt / dass er diejenige bald von dieser Welt nehmen wolle / welche die unglückseligste von allen Creaturen ist.

Ich wuste bei diesem Zufall nicht, ob ich mich über den Himmel, über Philirenen oder über mich selbst beklagen sollte. Die Abwechselung und der Widerspruch meiner Affecten riss mein Gemüt in die äusserste Verwirrung: meine Empfindungen darüber waren so unordentlich und heftig, dass sie alle Ausdrückungen überstiegen. Ich hielt mich dabei auf eine Art beleidiget, welche nur allein der grössten Wut bei mir die Oberhand liess. Gerechter Himmel! ach! verzeihe hier die Ausschweiffungen eines damahls zu sehr aufgebrachten Gemüts. Ich hätte die ganze Sache mit Glimpf und Bescheidenheit vermitteln können: ich hätte durch ein zartes Mitleiden die unschuldige Philirene bei den heftigen Verfolgungen eines grausamen und unerbittlichen Vaters trösten, und ihren ganz darniedergeschlagenen Mut wieder aufrichten sollen; allein, ich hatte damahls keine Uberlegung: ich war noch jung, feurig, hochmütig und ein schlechter Christ.

Ich setzte mich also voller Zorn und Verachtung nieder, und schrieb an Philirenen eine Antwort, welche mir nur allein diese beide Affecten in die Feder gaben: dieses war noch nicht genug: ich sandt ihren ganzen Brief in Abschrift an ihren wider mich erbosten Vater, und begleitete solchen mit den allerspöttlichsten Anzüglichkeiten.

Philirene geriet über diese unwürdige Merkmahle meiner Verachtung in einen Zustand, dass man nicht anders glaubte, als sie würde darüber des Todes sein. Meine Base, die sie besuchte, um bei ihr sich zu erkundigen, was uns beide zu einem so unglücklichen Bruch Anlass gegeben hätte, sagte mir bei ihrer Zurückkunfft: dass Philirene sterben würde, und dass ich daran ursache wär.

Philirene wurde nichts destoweniger wieder besser: und ich ging nach hof: ihr Vater starb einige Monate hernach: er wolte seine Tochter vor seinem Ende noch versorget sehen: er versprach sie deswegen auf seinem Todtbett mit einem andern; und als er dieses, seiner Meinung nach, erbauliche Werk gestiftet hatte, verschied er. Philirene hielte sich durch dieses Bündniss zu nichts verpflichtet