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war mir genug, was hätte sie mehr sagen sollen? sie war noch kaum drei monat eine Wittbe. Nur Dorante dauerte mich: ich hatte für ihn alles getan, was in meinem Vermögen war; mehr kont ich nicht.

Nach einigen Tagen ging ich wieder zu Philirenen: ich fand sie gegen das vorigmahl ziemlich kaltsinnig: sie war beschämt, dass sie sich bei ihrer letzten Unterredung zu weit gegen mir bloss gegeben hatte: sie wolte deswegen den Wohlstand wieder retten: sie gebott mir, nichts mehr von der Liebe zu reden: ich sollte mich mit ihrer Freundschaft begnügen. Ich war mit ihr noch in einem starken Wort-Wechsel, als man ihr ein Packet brachte, welches sie, ohne es zu eröfnen, mit einer unachtsamen Mine vor mir auf den Tisch hinlegte.

Ich warf darauf die Augen, und beobachtete des

Dorantens Pittschaft: ich wurde darüber bestürzt, und wuste nicht, was ich sagen sollte.

Philirene sah mich an und lächelte. Nicht wahr,

mein guter Vetter, sagte sie, ihr verwundert euch über meinen Brief-Wechsel mit Doranten? Ich bekräftigte ihre Mutmassung. Sie erzehlte mir, wie dieser vor einigen Tagen sie hätte bitten lassen, ihr eine gewisse gedruckte Schrift, welche das Geschlecht ihres vorigen Gemahls beträffe, zu lehnen; sie hätte keinen Vorwand gehabt, ihm diese gefälligkeit abzuschlagen: er schickte ihr solche nun wieder, das wär alles. Dorante, war meine Erinnerung, wird nicht ermangeln, seine Danksagung dafür in diesem Packet abzustatten, weil er solches gewiss in keiner andern Absicht verlanget hat, als um dadurch eine gelegenheit zu bekommen, einen Brief mit beizuschlagen. Ich will euch, meine Base, fuhr ich fort, nicht verhindern, denselben durchzulesen, und so lange mich nach eurem Cabinet verfügen. Wenn ihr diese Meinung habt, sagte sie, so öfnet selbst das Packet, und leset den Brief, welchen ihr darin vermutet.

Ich liess mir dieses nicht zum andernmahl sagen: ich riss die Siegel auf, und fand, nebst der gedruckten Schrift, einen überaus nett und wohl-geschriebenen Brief; in welchem Dorante seine Liebe auf das geistreichste und beweglichste vorstellete; zugleich aber auch über meine Untreu sich zum heftigsten beschwerte. Diese Beschuldigung ging mir nah; ich meinte solche nicht verdient zu haben: ich war Doranten auf vielfältige Art verbunden; und es schien mir unerträglich, dass er mich für undankbar halten sollte. Philirene suchte mich dieser Zärtlichkeit halber zu trösten; indem sie mir zu erkennen gab, dass es nicht in meiner Macht stünd, ihr Herz, wem ich wolte, zuzuwenden.

Nachdem sechs Monate, seit dem Absterben ihres Gemahls, verflossen waren, machte sie sich kein Bedenken mehr, sich mit mir zu versprechen. Sie befahl mir aber, unser Bündniss vor allen Menschen so lang geheim zu halten, bis die gesetz des Wohlstandes uns erlauben würden, solches bekant zu machen. Wir sahen unterdessen einander fast täglich. Ein Jahr verfloss auf diese Weise.

Es hatte sich unterdessen in unserer Liebe eine grosse Hinderniss ereignet. Der Vatter von Philirenen wolte das mit seiner Tochter getroffene Bündniss durchaus nicht gut heissen: er hasste mich so sehr, als mich seine Tochter liebte. Er war ein rauher und eigensinniger Mann.

Einsmahl, da Philirene bei ihm war, und mit der äussersten Demut ihn um seine Einwilligung in unsere Heirat ersuchte, liess er sich von seinem Zorn dermassen übernehmen, dass er ein Messer bei der Tafel ergriff, und, indem er ihr solches zeigte, sie bedrohete, ihr lieber den Hals damit abzuschneiden, ehe er zugeben wolte, dass sie meine Frau werden sollte.

Sie wurde darüber vor Schrecken krank, und gab mir den folgenden Tag davon Nachricht: sie druckte mir dabei ihre Schmerzen mit so lebhaften und beweglichen Worten aus, dass ich mich an ihrem Vater im ersten Eifer würde gerochen haben, wenn er nicht ihr Vater gewesen wär.

Sie erfuhr indessen, dass der König mich beständig verlangte bei hof zu haben; und dass er zu dem Ende mit der Tochter eines seiner ersten Stats-Räten, welche bei der Königin war, mich verehligt sehen wolte. Dieses machte Philirenen ein grosses Nachdenken: es verdross sie, dass ich ihr solches verschwiegen hatte: sie wolte alle Umstände davon wissen: ich sagte ihr solche, und sie erklärte sich darauf, dass sie mich durchaus nicht von einem weit würdigern Glück, als ich bei ihr zu hoffen hätte, abhalten wolte: sie tat auch von derselben Zeit an wirklich kaltsinniger gegen mir, um mich desto eher zu bewegen, das mir angebotene Glück nicht auszuschlagen. Wir sprachen darüber mit der grössten Gelassenheit, und weil der Hof damahls sich abwesend auf einem der Königlichen Lust-Schlösser befand, so sollte ich dahin reisen.

Es vergingen acht, es vergingen vierzehen Tage, und ich konte mich dazu noch nicht entschliessen: endlich ging ich zu ihr, in Meinung von ihr Abschied zu nehmen. Die Art, mit welcher sie in meine Reise nach Hof willigte, hatte etwas so gleichgültiges und trockenes, dass ich mich dadurch beleidiget fand: ich beklagte mich deswegen bei ihr; sie schien mir darüber unbewegt: sie antwortete mir mit einer solchen Kaltsinnigkeit, die mir den Frost in die Glieder, und die Wut ins herz jagte: ich sagte ihr darauf alles, was einem der Zorn, die Rache und die Verzweiflung in den Mund zu geben pflegt; ich schalt sie eine Wankelmütige, eine Ungetreue, eine Meineidige: