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zu brechen: wir meiten die gröste Untreu zu begehen, wenn wir nicht fortführen, gegen einander gleich aufrichtig zu sein. Wir entschlossen uns also beide zusammen zu Philirenen zu gehen, derselben unsre Neigungen zu entdecken, und von ihr selbst den Ausspruch unseres Glückes zu erwarten. Ein jeder von uns beiden, sagten wir, hat es jederzeit für eine grosse Torheit gehalten, eine person zu lieben, die uns einen andern vorziehet: lasset uns also Philirenen unter uns beiden wehlen, und ohne Eiffersucht das Glück unsrer Liebe ihrem Ausspruch unterwerfen.

Wir liessen uns hierauf bei Philirenen melden; ein jeder hatte sich aufs prächtigste gekleidet; wir waren beide von unserer Eigen-Liebe aufgebracht: die Grossmut, und die Freundschafft wurden gleichsam auf eine Zeitlang von uns beurlaubet. Philirene empfieng uns beide mit gleicher Höflichkeit. Unsere Augen spielten auf sie, und wolten in den ihrigen die Entscheidung unseres Verhängnisses lesen. Die Liebe gab uns Geist und Beredsamkeit. Ein jeder mahlte seine Empfindungen mit fremden Farben ab: man stellte sich selbst unter einer andern Gestalt vor. Ich erzehlte eine geschichte, die zweien guten Freunden begegnet wär, und diese Geschicht war unsere eigene. Philirene verstund alles; sie erklärte ihre Meinungen; ohne dadurch den Wohlstand ihrer Trauer zu verletzen: wir verstunden sie gleichfalls: Dorante war darüber misvergnügt: Philirene, sprach er zu mir im Weggehen, hat ihr geheimnis stark verraten: die Freundschaft, die sie ganz offenherzig für euch bekennet, ist nur ein Schleier, darunter ihre Schamhaftigkeit die gröste Liebe verstecket. Seine Empfindungen, seine Schmerzen und seine Klagen waren darüber so lebhaft, dass sie mir durchs herz schnitten.

Die Liebe zu Philirenen hatte mich noch nicht so sehr bemeistert, dass ich nicht mich stark genug gefunden hätte, solche nach meinem Willen zu beherrschen: das unzertrennliche Band der Ehe machte mir noch immer ein heimliches Grauen: ich liebte meine Freiheit, und war Doranten mit äusserster Freundschaft verbunden. Ich konte mir es nicht verzeihen, dass er um meinetwillen in seiner Liebe unglücklich sein sollte: kein Mensch auf der Welt schien mir würdiger geliebt zu werden; und ich schwöre, dass ich, aller Eigenliebe ungeacht, so viel Demut behalten hatte, ihn mir selbst vorzuziehen. Nichts schien mir gerechter zu sein, als ihm Philirenen zu überlassen, und mich deswegen auf eine Zeitlang von Königsholm wegzubegeben.

Ich machte wirklich Anstalten zu verreisen, als Philirene meine Base besuchen kam: diese sagte ihr von meinem Vorhaben; mit dem Zusatz, dass niemand wüste, wo ich hinwolte: dieses war genug, Philirenen aufs äusserste neugierig zu machen. Sie hatte vermutet, mich bei meiner Basen zu sehen; ich war aber, um ihre Gegenwart zu meiden, nicht zu ihr gekommen. Diese Kaltsinnigkeit, wie auch die Nachricht, dass ich verreisen wolte, verursachten bei ihr allerhand Gedanken.

Einige Tage darauf ging ich zu Philirenen, um von ihr Abschied zu nehmen: sie fragte mich, wo ich hin wolte? ich machte ihr daraus ein geheimnis, welches sie zu erforschen um desto begieriger wurde. Die List scheinet dem weiblichen Geschlecht natürlich zu sein; sie begunte mir im grössten Vertrauen von ihren eignen Angelegenheiten Nachricht zu geben; und wuste dabei, mit der künstlichsten Art, die Reden so zu wenden und zu drehen, dass sie auf ein fragen, warum, und wohin ich verreisen wolte, hinaus liefen.

Ich entschuldigte mich, dass ich ihr darüber nichts gewisses sagen könnte. Dieses muss ein sonderbahres geheimnis sein, erwiderte sie: allem Vermuten nach, wird wohl eine fremde Schönheit die ursache von dieser Reise sein. Ich meinte, setzte sie mit einem zärtlichen Auge hinzu, unsere Freundschaft wär so gross, dass ich mir dieses geheimnis zu wissen, ausbitten dürfte? Unsere Freundschaft selbst, unterbrach ich, würde vielmehr darunter leiden. Und wie sollte das zugehen? forschte sie weiter, weil mir solches, versetzte ich, dero Ungnade zuziehen würde. O! fuhr sie darauf heraus, wenn es nichts anders ist, als dieses, so redet, was ihr wollet, ich kan euch, lieber Vetter, nichts übel nehmen.

Dieses war so viel, als mein geheimnis mit einer süssen Gewalt mir vom mund reissen. Lasset, werteste Base, lasset einen Undankbaren, sagte ich mit der grössten Bewegung, der die Schwachheit begangen hat, die unvergleichliche Philirene für einen andern zu bestimmen; da doch ihre Vollkommenheiten sein eigen Herz hätten einnehmen sollen. Eure Augen, schönste Base! haben mich dafür gestrafet, und die meinige werden den Fehler büsen; indem sie euch nicht mehr sehen sollen.

Philirene wurde ganz ernstaft auf diese Erklärung: sie wolte sich das Ansehen geben, als ob sie durch eine so freie Entdeckung meiner Liebe sich beleidiget fand. Sie sagte, dass die Betrachtung ihrer hohen Trauer mich hätte zurück halten sollen, ihr von dergleichen Dingen zu reden. Ich entschuldigte mich mit ihrem Befehl, und dass sie mir versprochen hätte, nichts übel zu nehmen: sie erinnerte sich dessen, und sagte mir mit lachen, dass ihr meine ursache zu verreisen sehr abenteuerlich vorkäm. Sie versicherte mich, wo ich keine andere hätte, als diese, dass ich besser tun würde, meine Reise einzustellen. Weil Dorante sich um sie allezeit vergeblich bemuhen würde.

Sie stellte sich dabei, als ob sie nicht glauben könnte, dass es mein Ernst wär, sie zu lieben: die Zeit, sprach sie, würde mich bald wieder anders reden machen. Dieses Misstrauen