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Meine Base hatte eine junge Anverwandtin, Namens Philirene: sie war eigentlich aus einem Cattischen Geschlecht: sie hatte alle Zärtlichkeiten der Liebe, samt dem geistreichen Feuer einer Aquitanerin. Meine Base riet mir, diese Schönheit nicht aus Händen zu lassen, um so vielmehr, weil sie bei ihren vielen reitzenden Eigenschaften auch dermahleins ein grosses Vermögen von ihren Eltern zu gewarten hatte; allein, es sei, dass ich zu derselben Zeit noch die Freiheit zu sehr liebte, und also keine Lust hatte, eine Frau zu nehmen: ich schlug wenigstens darauf keine ernstliche gedanken; ehe ich michs versah, hohlte sie ein andrer weg, und ich dachte nicht daran, dass es mir sollte leid tun.

Eine gewisse ausländische junge Gräfin kam unterdessen mit ihrem Vater nach hof. Die Neuigkeit rührte mich: sie gefiel mir, sobald ich sie sah: sie war ein einziges Kind und eine grosse Partie; es fanden sich Freunde, die uns zusammen bringen wolten; allein ich zauderte auch hier, und wolte meinen Roman nicht da anfangen, wo andre den ihrigen endigen.

Philirene hatte ihren Mann noch kein Jahr gehabt, so ging er mit tot ab; sie wurde also eine junge zwantzig-jährige Wittbe. Dorante, einer meiner besten Freunde, hatte sie schon vor ihrer Heirat geliebet; weil er aber gewisser Geschäften halber nach dem Gedanischen Hof verreisen muste, und sich nicht einbildete, dass sie sobald sich verheiraten würde, so hatte er derselben damahls seine Neigung nicht völlig zu erkennen gegeben. Er war unstreitig einer der artigsten Edelleuten: er sah wohl aus, besass grosse Güter, und hatte, etwas so einschmeichelndes und verführisches in seinem Wesen, dass er sich bei einer Dame nur zeigen durfte, wann er ihr gefallen wolte.

Dieser vernahm nicht so bald, dass Philirene war eine Wittbe worden, so eröfnete er mir seine Neigung für dieselbe; wir hatten wochentlich Briefe von einander: er übersandt mir ein Schreiben an sie, darin er ihr sein Beileid über den frühzeitigen Verlust ihres Gemahls bezeigte. Ich hatte bei derselben einen freien Zutritt, ich überlieferte ihr den Brief von Dorante, und vergass nicht, alle dessen gute Eigenschaften aufs beste herauszustreichen. Philirene antwortete mir darauf jederzeit sehr kaltsinnig; und gab mir zu verstehen, dass diejenige Hochachtung, die sie für mich hätte, nicht eben sich auch auf meine Freunde erstreckte. Dieser Vorzug rührte mich: ich sah mich in Gefahr, sowohl meinem Freund, als meiner Geliebten untreu zu werden. Ich setzte mich zwar einer solchen Regung mit aller Macht entgegen, und empfand unterdessen die gröste Marter einer doppelt-gefassten Liebe. Das Verhängniss richtete endlich die Sachen dahin, dass ich, ohne der einen untreu zu werden, der andern mein herz schenken konte. Der Graf von ** versprach seine Tochter einem der vornehmsten Cimbrischen Herren; er wuste nichts von unser beider Verständniss: der König selbst hatte die Heirat gemacht: es währte nicht vierzehen Tage, so wurde sie vollzogen, und die Gräfin von ihrem jungen Gemahl nach Cimbrien gebracht.

Die Freundschaft mit Dorante bestritte demnach noch allein meine Liebe für Philirenen; es setzte damit weit mehr Hinderniss. Ich war nicht entschlossen, etwas zu ihrem Nachteil zu tun: ich suchte auf alle Weise Doranten in den Augen dieser Schönen schätzbar und annehmlich zu machen; allein, ich richtete dadurch nichts anders aus, als dass sie mir desto mehr Gunst bezeigte.

Dorante kam darüber von seiner Reise zurück: ich entdeckte ihm meine zurückgegangene Heirat mit der Gräfin von ** Er erschrack darüber: ich kenne, sagte er zu mir, euer Herz, es kan nicht wohl müssig sein: es muss eine Beschäftigung haben. Lasset mir nur Philirenen. Im übrigen so mögt ihr alle Schönen in der ganzen Welt lieben. Ich errötete über diese Worte: ich war zu ehrlich, um mich zu verstellen: ich nahm deswegen ein ernstaftes Wesen an, und riet meinem Freund, einen andern, als mich, zum Unterhändler seiner Liebe zu machen.

O Himmel! rief hier Dorante voller Bestürzung aus: was hör ich? sollte wohl mein bester Freund, dem ich alles in der Welt anvertrauet habe, an mir zum Verräter werden? sollte wohl der redlichste Mensch in der Welt mich hintergehen können? Auf keinerlei Weise, liebster Dorante, erklärte ich mich; ich bin zur Aufrichtigkeit gebohren: es ist wahr, ich finde Philirenen Liebens-würdig; allein, ich werde deswegen nichts wider unsere Freundschaft tun: ich fügte hinzu, dass ich, um ihn dessen zu überzeugen, eine Zeitlang auf das Land zu meinem Bruder gehen wolte.

Dorante, als er sah, dass ich ihm dieses in Ernst sagte, wolte mir nicht weniger Grossmut zeigen: er schloss mich in seine arme: mein wertester Greenhielm, sprach er, ich kenne euch allzuwohl, ihr würdet Philirenen nicht lieben, wo sie euch nicht liebte. Bleibet nur: ich sehe mein Unglück, lasset mich nicht zum Sieges-Zeichen eures Triumphes dienen.

Es äusserte sich hier ein Streit zweier Freunden, mit welchen man die Schauspiele auszieren könnte: an statt des Hasses und der Eiffersucht, die in dergleichen Fällen sich ereignen; so behauptete einer des andern Vorzüge, und erklärte ihn für würdiger, die Gunst der schönen Philirenen zu erhalten. Wir beklagten die Vollkommenheit unserer Freundschaf, die sich auch allhier bei uns in dem zärtlichsten Umstand von der Welt, durch eine unglückliche Ubereinstimmung der Gemüter offenbahrte: wir waren nicht gesonnen, über die Liebe unsere Freundschaft