1740_Lon_068_53.txt

Brod essen, und dass der, wer nicht arbeitet, auch nicht essen sollte.

Nun, liebe Frau Base, fuhr ich fort, zehlen sie einmal, wie viel andächtige Kostgänger sie haben? welche alle gute, starke, gesunde Brüder und Schwestern sind, für welche sich das arbeiten viel besser schikken sollte, als dass sie so herum spatziren, das Evangelium predigen, und täglich ihre gute Mägen an fremden Tafeln zu gast bitten. Wie viel Geld hat ihnen dieses herumziehende Volk nicht schon gekostet, welches sie, ausser Zweifel, besser an arme, elende, gebrechliche Leute ausgeteilet hätten, deren wir leider in unserer Stadt mehr haben, als es Christen geziemet.

Welche Unordnung, welche Verwirrung ist durch das stets anhaltende Besuchen dieser ausserordentlichen Glaubens-Bekehrer nicht in ihrem ganzen Hausswesen entstanden? Heist es dann nicht, dass GOtt ein GOtt der Ordnung sei? und dass, wie er durch dieselbe die ganze Welt regieret; also will er auch, dass eine jede Obrigkeit den Staat, und ein jeder Hausvater sein Hauswesen regieren soll.

Wenn wir alle nichts anders tun wolten, als lesen, beten, singen, herumziehen und Versammlungen halten; was würde daraus vor eine Verwirrung entstehen? wenn eine solche Lebens-Art die Freiheit der Frommen wär, so würden sie der Erden ein Fluch und der menschlichen Gesellschaft zum Verderben sein.

Ein jeder soll also seines Tuns warten, und einen ordentlichen Wandel führen. Man kan deswegen doch dabei seine Andacht haben, gute Bücher lesen, und mit seinen Hausgenossen täglich eine Sing- und BetStunde halten. Dieses alles, sagte ich, wär ganz gut, wenn es ohne Heuchelei und zu rechter Zeit geschähe. Denn unser ganzes Leben müste in einem steten Zusammenhang der Andacht und der Ausübung der Christlichen Pflichten bestehen.

Ich sah, dass die Stirne meiner Basen sich gleichsam wieder aushellte, als ich von Sing- und Bet-Stunden Meldung tat; denn sie machte sich nicht gern viele Geschäfte in der Haushaltung; allein, Singen, Beten, Lesen und Versammlungen halten, das war ihr Leben: sie liebte diese Dinge nicht aus einer gewissen Wahl oder Absicht; sondern weil sie solche liebte, und wie man sonst auf etwas fällt: sie gefiel dabei sich selber wohl, und hielt sich für so viel besser als andere Leute.

Kurz, meine Base erlaubte mir, nach so vielen Vorstellungen, auf einige Tage ihren geistlichen Geschwister-Besuch abzuweisen, wenn ich ihr anders meine Schwester wieder wolte ins Haus bringen und mit ihr des Abends Bet-Stunden halten. Ich bewilligte beides mit dem grössten Vergnügen. Ich liess den andern Tag meine Schwester wieder zurück kommen, und meinen Diener stellte ich vor das Tor, um die gewöhnliche Visiten abzuweisen.

Nachmittags nahm ich eine Gutsche und fuhr mit meiner Basen und meiner Schwester in den SchlossGarten spatzieren: Jene machte allerhand Crimassen, den Anblick der eitlen Welt wieder zu vertragen; sie wuste auch über die unschuldigste Dinge etwas zu sagen: alle Leute waren in ihren Augen natürliche, unbekehrte, unwiedergebohrne Menschen; ich brachte sie den Abend zu einer unsrer Verwandten; da wir nach haus kamen, speiseten wir ein wenig, und ich hielt darauf mit ihnen und dem Haus-Gesind die versprochene Abend-Bet-Stunde.

Ich las ein Capitel aus dem Neuen Testament, ich machte darüber einige Anmerkungen; was ich nicht verstund, da bekant ich meine Unwissenheit: ich ermahnte dabei meine Zuhörer zur Treue und Aufrichtigkeit vor GOtt und Menschen, und dass sie in Glaubens-Sachen bei keinen blossen Meinungen sich aufhalten; sondern einfältig in der Kraft des Glaubens zu wandeln, sich befleissen sollten: wir beschlossen darauf diese Andacht mit einem Kirchen-Lied und einem kurzen Gebet.

Ich gewann endlich auch in so weit meinen Bruder, dass er der herumvagirenden Heiligen müssig ging; weil er aber keinen Gefallen an dem Umgang mit der Welt hatte, so überliess ich ihm unser väterliches Land-Gut, welches ungefehr zehen Meilen weit von Königsholm an der Baltischen See gelegen ist. Wir drei Geschwister teilten darauf auch unser übriges väterliches Erb-Gut: ich legte meine Capitalien teils in die Königliche Bank, teils auf sichere Einsätze. Mein Bruder aber zog mit meiner Basen und meiner Schwester auf sein Gut.

Ich ging, meiner Neigung nach, in die weite Welt: meine Begierde allerhand Menschen und Völker zu sehen, schien mir nicht zu ersättigen. Ich zog von Norden nach Westen, von Westen nach Süden, und von Süden nach Osten. Ohn ein hitziges Fieber, welches mich in Pannonien überfiel, als ich mit einem Brittannischen Bottschafter auf der Reise nach Bisanza, der Haupt-Stadt der Ottomannen, begriffen war, würde ich vermutlich einen grossen teil von Asien durchstrichen, und die übriggebliebene Denkmahle der Arabischen und Egyptischen Altertümer in Augenschein genommen haben. Ich war bald wieder genesen, mehr durch hülfe meiner wirkenden natur, als durch den Gebrauch der Arzneien.

Der Krieg fiel darüber in Pannonien ein, ich tat deswegen ein paar Feld-Züge unter einem gewissen vornehmen General, der mein Landsmann, und mit mir etwas verwandt war. Ich hatte das Glück dabei, ein wenig Ruhm zu erlangen; der König liess mir deswegen schreiben, ich sollte zurück kommen, er wolte mich selbst in seinen Diensten brauchen: ich nahm also meinen Weg nach Haus.

Es war im strengsten Winter, ich reisete über Schnee und Eiss, und als ich über den Belt setzen wolte, geriet ich in augenscheinliche Lebens