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er damit fertig war, trat ich hervor; und bat mir von dieser andächtigen Versammlung gleichfalls ein kurtzes Gehör aus.

Ich ermahnte meine Zuhörer, weil ich nicht glaubte, dass sie allesamt Heuchler wären, noch vielweniger, dass sie sich und andere Leute mit Vorsatz betrügen wolten, sich zuforderst wohl zu prüfen, warum sie hier zusammen kämen? und was sie bei ihren Religions-Neuerungen vor Absichten führten: ob sie meinten, GOtt dadurch einen Dienst zu tun, wann sie dessen Ordnung stöhrten, ihr Gewerbe fahren liessen, und sich dargegen eines Apostolischen Berufs anmassten, um die Leute zu bekehren, und ihnen eine neue Lehre vom Glauben zu predigen, die auf eine leere Einbildung der bewegten Fantasie hinaus lief?

Ich verwies sie zuletzt, wegen ihres Müssiggangs und unordentlichen faulen Lebens an das Exempel und an die Ermahnung Pauli; und las ihnen einige Versicul aus dem 23. Capitel Mattäi; worinn die Heuchelei mit lebendigen Farben abgeschildert wird.

Die Bestürzung meiner Zuhörer über einen so unvermuteten Vortrag war ungemein. Niemand unterstund sich mir zu widersprechen: sie sahen bei mir einen Ernst, der ihnen, nach ihrer Art, ganz nicht geistlich schien: sie machten sich einer nach dem andern, wiewohl nicht ohne Seufzen und Urteilen, über einen so bösen Menschen, zum Haus hinaus.

Meine Base stürmte darauf mit einem ganz ergrimmten gesicht auf mich los. Vetter, sprach sie voller Eifer, wer hat euch so kühn gemacht, meine Haus-Andacht zu stöhren, und mir Lebens-Regeln vorzuschreiben? Gnädige Frau! gab ich ihr mit einem gelassenen und demutigen Wesen zur Antwort, ich bitte dieselbe gehorsambst, weil sie doch eine erleuchtete Christin sein wollen, dero menschliche Affecten ein wenig beiseit zu setzen, und mich wenigstens anzuhören: Meine Schwester hat mir alles erzehlet, wie es seit einem Jahr in dero Haus hergegangen sei, und was sie insbesondere dabei erlitten. Ich habe sie deswegen so lang zu einem frommen Priester ins Haus gebracht, bis ich mit GOttes hülfe meiner gnädigen Frau Basen, bessere Meinungen werde beigebracht haben.

Der andächtigen Leute Zorn ist nichts weniger als sanftmütig: sie machen alsobald aus ihrer Sache eine Sache GOttes, und in dieser Betrachtung überschreitet er alle grenzen. Meine Base, durch gleichen Eifer aufgebracht, schalt mich ein Kind des Verderbens, und wenn man noch etwas abscheulichers als die Hölle wüste, so hätte sie, ohn alles Erbarmen, mich dahin verwiesen.

Ich liess sie ihre Galle völlig ausschütten, und hörte sie ganz ruhig an: sie warf das hundert ins tausend: sie vermengte ihre Reden mit so vielen wider einander lauffenden Sätzen, dass es mir schwer fiel, daraus den geringsten Entwurf ihrer Begriffe zu machen. Endlich hemmte der Eifer die Bewegung ihrer schnellen Zunge, die Worte erstickten ihr im mund: sie wurde müd, sie schwieg, und die Reih zu reden kam an mich.

Gnädige Frau! fing ich ganz bescheiden an: ich erkühne mich keineswegs, dero gute Absichten zu tadeln; ich nehme mir nur allein die Freiheit, ihnen darzutun, dass sie solche auf bisherige Art nicht erreichen werden. Das wahre Christentum, welches sie zu befördern trachten, ist seiner natur nach ganz einfältig und ungekünstelt. Es beruhet auf wenig ganz deutlichen Lehr-Sätzen. Geheime Sachen gehören für GOtt; das Gesetz aber ist den Menschen gegeben. Christus sagt, wir sollen den Willen tun seines Vaters im Himmel; diesen hat er uns selbst zum deutlichsten erkläret: Tue das, spricht er, so wirst du leben. Ein einfältiger Bauer, der von dem neuen Process der Wiedergeburt, von dem Buss-Kampf, von der Zeugung, von den Geburts-Wehen, von dem Durchbruch und von dergleichen besonderen Geheimnissen, die man bisher in ihren Haus-Versammlungen gelehret, im geringsten nichts weiss, noch je davon etwas hat reden hören, der ist nichts destoweniger, wenn er GOtt fürchtet und recht tut, dem HErrn angenehm.

Ja, erinnerte hier meine Base, wir müssen aber doch gleichwohl wissen, wenn die neue Geburt in uns vorgegangen ist: wir müssen doch solches in uns empfinden und gewahr werden. Dieses wissen wir, gab ich zur Antwort, wenn wir die Gnade haben vor dem HErrn in einem redlichen und aufrichtigen Herzen zu wandeln, und das Gute, worzu wir von natur ganz untüchtig sind, im Glauben zu vollbringen: denn an den Früchten, sagt Christus, soll man die Glaubigen erkennen, und daran wird es offenbar, ob wir Kinder GOttes, oder Kinder des Teufels sind, wenn wir recht oder nicht recht tun, wie uns die Schrift solches deutlich lehret.

Meine Base tat mir hierauf die Frage, ob ich dann wohl noch solche Leute gesehen hätte, an welchen die Früchte des Glaubens klärer und deutlicher sich zu erkennen gäben, als an den teuren Seelen, welche täglich in ihrem haus zusammen kämen, und sich einander in der Wahrheit, die da ist nach der Gottseligkeit, zu erbauen suchten?

Müssiggänger, Tagdiebe und Heuchler sind wohl die meisten, wenn ich etwas lieblos urteilen dürfte, war hierauf meine Erklärung: ich berief mich hiebei auf die Worte Pauli, 2. Tess. 3. da er von solchen Leuten spricht, die da unordentlich wandeln, da sie doch, nämlich die Apostel, nicht umsonst das Brod von jemand genommen, sondern Tag und Nacht gearbeitet hätten, um niemand beschwerlich zu sein: ferner, dass eben dieser Apostel befohlen hätte, dass ein jeder sein eigen