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und tut, was sie und ihre geistliche Geschwister ihm sagen.

Wie ich sehe, war meine Antwort, so ist die Vertraulichkeit dieser geistlichen Brüder- und Schwesterschaft ziemlich stark unter einander; doch saget mir, wenn ihr solchergestalt immer ohne Unterscheid mit einander umgehet, setzt es denn unter Leuten von beiderlei Geschlecht nicht auch zuweilen solche Geschichten, daraus man schliessen könnte, dass nicht bloss der Geist allein verliebt wäre?

Meine unschuldige Schwester errötete über diese Frage: sie schlug die Augen nieder, und wuste nicht gleich, was sie mir antworten sollte: rettet mich, mein Bruder, sagte sie mit einem schamhaftigen Eifer, rettet mich, ich bitte euch, aus dieser Leute Händen. Die Tränen stiessen ihr damit aus den Augen, dass sie nicht weiter reden konte.

Ich wurde dadurch desto begieriger von ihr zu erfahren, was sie allhier vor ein besonderes Anliegen haben mögte. Ich bat, ich beschwur sie, mir nichts zu verhölen. Ach, ich schäme mich, mein Bruder, sagte sie, euch solches zu eröfnen. Die Unordnung dieser Leute, fuhr sie fort, geht allzuweit. Man redet immer von der Liebe; man betrachtet dabei weder Stand noch Geschlecht: man liebt sich nicht allein geistlich, sondern man macht auch Heiraten; da heist es: vor GOtt wären wir alle gleich, der Satan hätt den Hochmut und dieser den Unterscheid der Stände in die Welt gebracht.

Vor einigen Wochen heiratete der Bruder Anton, ein feiner, frommer Schuhmachers-Gesell, der aber nunmehr ein Lehrer ist, die andächtige Frau Doctor Baldersin, und nun, o Schande! dass ich es euch sagen muss, hab ich einen Liebhaber an dem jungen Christoph, unseres ehmahligen Pachters, des tauben Nicolasen Sohn, den auch die Andacht in dieses Haus, getrieben hat.

Das Blut wallete mir in meinen Adern, als mir meine Schwester diese letzte Begebenheit entdeckte: Ich bat sie vortzufahren. Ich hatte, redete sie weiter, diesen Menschen wohl leiden können: er schien mir ehrlich und Gottsfürchtig zu sein. Er kam immer zu mir, um an meiner Bekehrung zu arbeiten. Er fragte mich um alles, wie mir zu Mut wär, was ich dächte, und was ich fühlte.

Ich sagte ihm viel einfältiges Zeug darüber: ich wurde endlich vor lauter Prast und Unruh krank; und meinte, nun würde mir bald das Pünctgen, wie man bei uns redet, aufgeschlossen werden.

Mein Liebhaber kniete vor meinem Bette nieder, bestürmte den Himmel mit den heissesten Gebetern, und weinte dabei, als ob er verzweiflen wolte. Er ging, so lang meine Unpäslichkeit dauerte, mit lauter Aechzen und Seufzen im haus herum: er wuste öfters nicht, was er tat; und schien einer Leichen ähnlicher, als einem beseelten körper zu sein.

Ich wurde wieder besser, und hatte keine andere Empfindungen, als zuvor: dem ungeacht blieb mir mein Liebhaber beständig. Er tat mir unlängst einen kleinen Dienst, dafür ich ihm Dank sagte, und ihm meine Hand reichte: er küste mir solche mit einer ungemeinen Bewegung. Ich merkte bei dieser Handlung das erstemahl, dass die geistliche Liebe aus ihrem Zircul gewichen war. Ich liess es so hingehen, und sagte nichts. Der gute Christoff wurde dadurch beherzter. Ich sass einsmahl an meinem Tisch, hielte meinen Kopf in der Hand, und las in einem Buch: indem sah ich mich, von hinten her, von ihm mit beiden Armen umfangen; welches mir eine mehr als geistliche Liebkosung zu sein schien. Ach, wie lieb ich sie! sprach der entzückte Heilige, und war ganz ausser sich. Ich erschrack über diese Tat zum höchsten, und der Liebhaber kam wieder zu sich selbst.

Hiebei blieb es nicht, vor einigen Tagen, da ich mich ankleidete und vor meinem Nacht-Tisch sass, kam er in mein Zimmer, lief mit ausgestreckten Armen auf mich zu, umhalsete und küssete mich, ehe ich es ihm verwehren konte; und machte mir darauf eine völlige liebes-Erklärung.

Ich dachte, der Mensch wäre närrisch worden: ich wollte ihm seine unverschämte Tat verweisen; allein, er sagte mir mit einer lächlenden Mine, es würde nicht lang mehr währen, so würde ich ganz anders reden: vor GOtt wären wir alle gleich; und so bald würde ich nicht bekehret sein, so würde zugleich auch alle meine Standes-Hoheit und irdisch-gesinnte Ehrsucht wegfallen.

Meine Schwester fügte dieser Erzehlung ihre vorige Bitte mit Tränen hinzu, ich mögte sie unverzüglich aus dieser Verwirrung bringen; oder sie stünde in Gefahr ein armseliges Mensch zu werden.

Ich brachte sie also nicht wieder nach haus zu unserer Base; sondern führte sie zu einem bekanten frommen Geistlichen, der eine Tochter von ihrem Alter hatte. Ich kehrte darauf allein wieder zurück, da meine Base eben mit ihren sogenannten Kindern GOttes ihre gewöhnliche Abend-Bet-Stunde hielt. Ich trat ins Zimmer: ein Leineweber tat den Vortrag: alles schlug die Augen nieder: die Zuhörer schienen in leblose Bild-Säulen verwandelt zu sein: die abgezogenste Stille, die andächtigste Entzuckung unterbrach nur zuweilen ein Seufzer. Man fasste die Worte dieses ausserordentlichen Lehrers mit einer solchen Begierde von seinem mund weg, als ob sie von GOtt selbst ausgesprochen würden. Der Vortrag währte über eine Stunde lang: er wiederholte zehenmahl eben dasselbige, und sagte immer einerlei: er tat darauf mit vielen Verzuckungen und Verwendungen der Augen ein von seiner eignen Heiligkeit zeugendes Gebet. Als