mich in nichts zu verstellen: ich bekante meine Fehler, die ich beging, ganz offenherzig, und ohne solche viel zu bemänteln; da im Gegenteil mein Bruder nichts wolte auf sich kommen lassen, wann wir auch gleich einerlei Schuld hatten.
Wir waren also bei den Empfindungen, die man uns von der Religion gegeben hatte, von einem verschiedenen Wesen, er floh, und ich suchte die Menschen: er geriet unter gewisse Leute, die man bei uns ihrer gezwungenen Frömmigkeit und eigenen Meinungen halber Pietisten nennet: ich bezeigte im Gegenteil eine grosse Begierde die Welt zu sehen, und darin mein Glück als ein ehrlicher Mann, und als ein würdiger Sohn meines Vaters zu machen.
Dieser starb, als ich noch bei dem Geistlichen war: ich hatte noch nicht gar mein sechszehendes Jahr erreichet. Eine meiner Basen, die meine Schwester auferzogen hatte, nahm darauf auch meinen Bruder zu sich; mich aber schickte man auf die nechst-gelegene Universität, wo ich bei einem gelehrten Mann im haus war und zü Tische ging.
Ich habe dieses unter die glückselige begebenheiten meines Lebens zu setzen, dass ich von einem frommen Geistlichen in die Schule eines der grössten WeltWeisen gekommen war. Dieser bekräftigte nicht allein die Neigungen zum Guten in meinem Herzen; sondern überzeugte mich auch ihrer notwendigkeit durch vernunftige Schlüsse; und wies mir den Zusammenhang der Religion mit dem zureichenden Grund einer von der natur in uns gelegten Erkäntniss. So bald fand ich nicht diese Ubereinstimmung des offenbahrten Gesetzes mit dem Recht der natur; so liess ich mich über diese Materie öffentlich auf dem Juristischen Lehr-Stuhl vernehmen; und verteidigte meine Sätze mit einer gewissen Freimütigkeit, die weder mein Alter, noch meine Wissenschaften unterstützten.
Ich kam von dieser hohen Schule nach Königsholm zurück zu meiner Basen; diese hatte meinen Bruder und meine Schwester bei sich: Ich fand bei ihr eine seltsame Haushaltung: ich sah schier darin nur gemeine Handwerks-Leute von verschiedenem Alter und Geschlecht aus- und eingehen. Vom Morgen bis Abend und öfters bis in die Nacht, wurde darin nichts getan, als disputiret, gelesen, gesungen und Bet-Stunden gehalten. Alle, die mich sahen, und mit mir redeten, sagten, dass ich mich auch, wie mein Bruder und meine Base, bekehren sollte: sie nannten mich einen natürlichen Menschen, der nichts vom Heiland wüste, und setzten mich ohne alle Höflichkeit unter die Leute, die in das Reich des Satans gehörten; sie hatten ganz besondere Meinungen von dem Christentum, und bedienten sich dazu auch ganz besonderer Redens-Arten. Die Vernunft hatte bei ihnen an allen den herrlichen Vorzügen, deren sie sich rühmten, nicht den geringsten Anteil; und sie bedeuteten mir deswegen, dass ich weder Erkentniss noch Gnade bei GOtt zu hoffen hätte, wo ich solche nicht als ein Spiel des Feindes aller Wahrheit völlig in den Bann tun würde.
Mir wurde ganz von Herzen bange über diese Reden; es kam mir vor, als ob man auf diese Art leichter närrisch als bekehrt werden könnte. Ich bat GOtt, mir meine Vernunft zu erhalten, und die Augen meines Verstandes durch sein Licht noch täglich mehr zu erleuchten. Ich konte damit die hohe und in die blose Einbildungs-Kräfte einschlagende Lehr-Art dieser Leute nicht reimen. Ich verlangte deswegen sehr meine Schwester alleine zu sprechen: dann es war mir bedenklich vorkommen, dass man mir nicht auch von ihr sagte, dass sie bekehrt wär; sondern nur, dass sie noch in der Arbeit stünd; weil ich dazu in dem haus meiner Basen nicht wohl gelangen konte; indem darin die ungeziemende Gewohnheit herrschte, dass man von einem Zimmer ins andere, ohne einige Vormeldung ging, man mochte auch gekleidet sein, wie man wolte; so liess ich mir durch meinen Diener eine Gutsche mieten, und bat meine Schwester mit mir spatzieren zu fahren.
Diese hatte nicht minder Verlangen, mit mir, als ich mit ihr zu sprechen. Liebste Schwester! redete ich sie an, da wir alleine waren, was habt ihr vor seltsame Leute im haus? seid ihr auch willens, eine von den Heiligen zu werden, die den ganzen Tag nichts tun, als beten, singen, lesen und die Brüder und Schwestern besuchen? Wertester Bruder, sagte sie darauf: GOtt ist mein Zeuge, dass ich gern recht fromm sein wolte; allein, ich fürchte, dass ich noch eher den Verstand verliehren, als die Lehren dieser Leute fassen werde: ich.kan euch, fuhr sie fort, nicht aussprechen, was ich nun seit einem Jahr her gelitten habe. Unsere Base ist voll von den Gaben des Geistes, wie man bei uns zu reden pflegt, sie ist wiedergebohren, sie ist erleuchtet, sie hat Offenbahrungen, sie ist heilig, sie sündiget nicht mehr, sie kan die Geister prüfen; dem ungeacht keift und zankt sie den ganzen Tag, sie siehet die Fehler ihres Nechstens viel besser als andere leute, ein grosser teil von ihrer Andacht bestehet darin, dass sie darüber seufzet, und sich glückselig preiset, dass sie kein natürlicher Mensch mehr ist.
Ich bin insonderheit so unglücklich, dass ich mich weder nach ihrem Sinn demütig genug kleiden, noch in meinen Reden, wie sie es haben will, deutlich ausdrücken kan. Unser Bruder macht zwar keinen solchen Lermen, wie sie: er rühmet sich weder ausserordentlicher Gaben, noch besonderer geistlicher Einflüsse; aber er ist doch gleichwohl von ihr so eingenommen, dass er alles glaubet