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Hengste zogen, welche er selbst regierte. Es war noch nicht Mittag. Der Graf, nachdem er seine Gäste auf das freundlichste empfangen hatte, bat den Herrn von Bellamont, sich zu ihm auf sein leichtes Fuhrwerck zu setzen, und dessen Frau Gemahlin mit einem jungen Vettern, den er bei sich hatte, voraus fahren zu lassen.

Bevor ich sie, sprach der Graf zu dem Herrn von Bellamont, zu meiner Frau Mutter bringe, wird es ihnen gefallen, mir noch eine Schwierigkeit zu benehmen, die mich zweifeln macht, ob ich noch bei dem Vorsatz, nach hof zu gehen, verharren soll. Bei hof muss man sich zu verstellen wissen. Ich kan solches nicht; ich mag mir auch die gröste Gewalt von der Welt antun, meine wahre. Empfindungen zu verbergen; sie brechen aus meinen Augen, und ich kan mir nicht so viel Herz geben eine Umwahrheit standhaftig vorzubringen.

Dieses ist in der Tat, sagte der Herr von Bellamont, eine Gemüts-Art, die sich, nach der gemeinen Meinung nicht wohl nach hof schicket; allein, ich unterstehe mich zu behaupten, dass diejenige, die sich in der Welt der grössten Verstellungs-Künste gebrauchen, sich öfters noch in weit- verdriesslichere Umstände gebracht sehen, als diejenige, die gerad durchgehen, und sich der Aufrichtigkeit befleissen Mein eigenes Exempel kan solches einigermassen bezeugen. Ich hatte von natur eine solche Gemüts-Art, die beinahe allen den Schwachheiten unterworfen war, durch welche die Menschen sich unglücklich machen. Mein Herz stunde allen Leidenschaften offen; ich war empfindlich, leichtsinnig, wollustig und ein grosser Plauderer; ich urteilte frei von allen Dingen, ich mogte sie verstehen oder nicht. Ich liebte einen muntern Scherz und den Umgang mit allerhand Leuten. Ich hielte jedermann für aufrichtig, und hatte keine Geheimnisse. Wer mit mir umging, der wusste schier alles, was ich dachte, was ich liebte und was ich suchte. Bei allem dem verriet ich niemalen, was mir andere vertraueten, und aller meiner Leichtsinnigkeit ungeacht, so war niemand, der besser sein Wort hielt und ehrlicher zahlte. Viel Leute bedienten sich dieser meiner Redlichkeit zu ihrem Vorteil; doch, da meine Sachen so beschaffen waren, dass ich mehr hülfe bei andern suchen musste, als andere von mir erwarten konnten, so war mein Verlust selten von einiger Bedeutung.

sollten sie wohl glauben, dass eine so einfältige und bis zur Schwachheit getriebene Aufrichtigkeit mein Glück gemacht hätte? weil ich nach den auf hohen schulen, erlernten Wissenschaften keine meiner Geburt anständige Bedienung für mich finden konte; so entschloss ich mich krieges-Dienste zu nehmen. Polemon, ein so grosser General, als geschickter StaatsMann, nahm mich auf, und schenckte mir eine Fahne. Ich war nicht lang unter seinem Regiment, als er von mir auf eine Art sprechen hörte, die ihn neugierig machte, mich näher zu kennen; Er nötigte mich desswegen öfters bei sich zur Tafel, und ich hatte noch kein Jahr gedienet, so bekam ich schon mit der Stelle eines Unter-Hauptmanns, die Anwartung auf eine Compagnie. Dises war nicht genug: Polemon, so klug er auch immer war, wurde dennoch von seinen Leuten sehr hintergangen; dieses verdross ihn überaus. Er meinte wenn er nur einen redlichen Menschen bei sich hätte, dem er seine Sachen anvertrauen könnte; er wolte ihn wie sein eigen Kind halten.

Ich hatte das Glück ihm zu gefallen: meine Redlichkeit schien ihm keinen Argwohn zu geben: Er nahm mich zu sich. Ich hatte an ihm einen grossen Wohltater, aber auch zugleich einen scharfen Zuchtmeister. Er liess mich wenig von sich, befahl mir schweigen zu lernen, und junger Leute Umgang, so viel es der Wohlstand litte, zu meiden. Er besorgte immer, sie mögten meiner Gemüts-Art missbrauchen, und mich zu allerhand Ausschweifungen verleiten.

Ich bekam bald darauf eine Compagnie, und endlich, nachdem ich in die funf Jahr bei ihm gewesen war, seine einzige Tochter zur Ehe. Es wurde Frieden: mein Schwiegervatter begab sich auf sein Land-Gut, welches ich noch jetzt mit meiner Frauen bewohne. Er hatte damahlen einen Bruder bei hof: er wolte durch ihn mein Glück befördern: er schickte mich mit seiner Tochter dahin: Kinder, sagte er zu uns gehet, suchet noch dem König und dem Staat zu dienen, es ist noch zu früh für euch die Ruh zu wehlen. Wir reisten also nach Hof. Unser Vetter war schon alt: empfing uns freundlich: und weil er keine Kinder hatte, so nahm er uns zu sich ins haus.

Es währte nicht lange so bat er den König, ihn seiner Dienste zu entlassen, und mir dessen Stelle zu geben. Der König bewilligte solches. Ich wurde also Ober-Aufseher der Königlichen Gebäude und Lustäuser: Ich verwaltete dieses Amt biss in die zwanzig Jahr: Ich bediente mich dabei keiner andern Politic als meiner natürlichen Aufrichtigkeit: ich entbehrte lieber etwas an meinen Einkünften, als dass ich mich im geringsten durch den Genuss gewisser Vorteile hätte in Verdacht setzen sollen. Meine Feinde, deren ich wenig hatte und solche weniger noch kante, fanden also keine gelegenheit mir zu schaden. Ich mengete mich in keine fremde Händel ich schlug mich zu keiner Partie: ich diente dem König allein: ich schmeichelte keinem Menschen und zeigte öfters gewissen Leuten eine etwas rauhe Stirne, wenn sie mich in ihre Banden mit einflechten wolten und ich ihrer nicht anders als durch