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nachdem man ihm einige leichte Wunden verbunden hätte, er vor Mattigkeit eingeschlafen sei. Der Graf war ebenfalls sowohl durch das viele Wachen, als durch die heftige Strapazen des so lang gedauerten Gefechts ermüdet; er liess sich deswegen auskleiden, und begab sich, nachdem er etwas weniges zu seiner Erquickung genossen, zur Ruh.

Den andern Morgen fand er sein Vorzelt voll der vornehmsten Herren und Befehlshaber: er entdeckte darunter sogleich seinen Gefangenen: er umarmte ihn mit der grössten Höflichkeit. Sie fanden beide an einander etwas, welches ihrer Hoachtung würdig schien.

Der Ruhm von den Taten des Grafens von Rivera, erfüllte darauf das ganze Königreich, er erschallte bei Hof, und kam zu den Ohren des Königs. Dieser hörte ihn allentalben loben und bewundern; er hätte ihn lieber schelten hören: doch das unglückselige Ende des Grafens von Lesbo verursachte bei ihm einiges Rachdenken: er meinte durch ihn den Grafen von Rivera aus dem Weg zu räumen; das Verhängniss aber erhub diesen mit der grössten Ehre, und stürzte jenen mit äusserster Schande. Der König fand sich durch diesen besonderen Zufall gerühret: er faste bei sich den Entschluss, hinfort keinen Verfolger mehr eines Menschen abzugeben, für den die Liebe des volkes, und der Schutz des himmels sich erklärte. Er befahl deswegen, dass der Graf wieder nach Hof kommen sollte.

Der Graf trat seine Reise um so viel vergnügter an, weil er seinen liebsten Freund, den Freiherrn von Riesenburg, so gut als wieder hergestellet sah: er empfand auch nicht minder eine ganz besondere Annehmlichkeit in dem Umgang mit dem gefangenen General, dem er das Glück gehabt hatte in der Schlacht das Leben zu retten, und an welchem er täglich mehr vortreffliche Eigenschaften entdeckte, die ihn dieses Dienstes ungemein würdig machten. Diese beide Herren baten den Grafen, sie mit nach Panopolis zu nehmen. Der Graf hätte sich keine angenehmere ReiseGefährden wünschen können. Sie beurlaubten sich zusammen bei dem Commandirenden Fürsten, und kamen in dreien Tagen vermittelst der Post nach Panopolis.

Unterwegs hatten sie sich einander ihre begebenheiten erzehlt; und es war nachdenklich, dass drei unter ganz verschiedenen himmels-Gegenden gebohrne Herren in dem Grund ihres Gemüts so gleiche Neigungen und Absichten führten, so wenig auch ihre äusserliche Bildung mit einander überein kam.

Der Graf von Rivera war in einer warmen WeltGegend gebohren: er hatte einen schlanken Leib, schwarzbraune Augen, und eine weiss ins braun gemengte Farbe: seine Gebehrden waren lebhaft und zugleich holdselig; alles, was er tat, begleitete ein mutiger Eiffer, welchen doch eine gewisse Sittsamkeit und männliche Anmut zu mildern schien.

Das Vaterland des Herrn von Riesenburg war hundert und zwanzig Meilen weiter von dem Mittägigen Sonnen-Strich, und lag mitten zwischen den Nördlichen Abend-Ländern, wo der Herr von Greenhielm, so nannte sich der gefangene General zu haus war. Er hatte ein ganz Jovialisches Temperament: seine Gestalt war fleischigt: die Farbe rot und weiss untermengt: die Haare Asch-färbig: in seinen Augen lachte die Freude, die Liebe und ein munterer Ernst: sie waren hell, gross und Licht-blau: alles regte sich an ihm: er hatte das beste Herz: allein, nur ein wenig zu leicht, zu hurtig und zu übereilend.

Der Herr von Greenhielm im Gegenteil war von starken Gliedmassen, blasser Farbe, mittelmässiger Länge, wohl gewachsen: doch mehr schlank als gesetzt: er hatte Licht-braune lange Haare, dunkel-graue Augen, und ein ernstliches Ansehen: er war frei und aufrichtig gebohren, und konte sich weder verstellen noch schmeicheln. Diese Gemüts-Art hatte ihm verschiedene widrige Zufälle zugezogen. Was er davon seinen beiden Reise-Gefehrden erzehlete, war folgendes:

Das achte Buch.

Die begebenheiten des Herrn

von Greenhielm.

Mein Geschlecht ist eines der ältesten in Scandinavien: meine Vorfahren haben seit vielen Jahren in diesem Königreich die ansehnlichste Güter besessen. Ich kam auf die Welt zu Königsholm: mein Vater war einer der vornehmsten Räte: ich war noch nicht gar zwei Jahr alt, so verlohr ich meine Mutter. Diese hatte sich durch ihre Gestalt, noch mehr aber durch ihre seltene Tugenden ein ganz besonderes Ansehen erworben. Jedermann beklagte darüber meinen Vater, und hielte dessen Verlust für unersetzlich. Er verheiratete sich deswegen nicht wieder: mir und meinen Geschwistern ging es desto übler: unserer waren vier Brüder und eine Schwester. Weil meinem Vater die gröste Last der Geschäften auf dem Halse lag, so konte er auf unsere Erziehung nicht diejenige Sorgfalt wenden, die wir vonnöten gehabt hätten.

Ich war der jüngste von meinen Brüdern: der älteste kam aus der Welt, ehe er noch recht angefangen hatte zu leben: er wurde in seinem achtzehenden Jahr in einem Zweikampf erschossen. Der andere kam nach Hof als Edelknabe, und weil er keinen Verstand hatte, etwas zu lernen, so machte ihn der König zu seinem Hof-Junker; da denn seine meiste Verrichtungen darin bestunden, dass er den Fremden zutrinken muste. Er wurde bei einem so lustigen Leben doch nicht alt, und starb noch vor unserm Vater. Mein dritter Bruder schien sich auf eine gute Seite zu legen: man tat uns beide zusammen zu einem Geistlichen auf das Land. Dieser pflanzte in unsere zarte Gemüter die Liebe zur Tugend, und mit derselben gewisse Eindrücke einer Gottesfurcht, die bei meinem Bruder sehr weit gingen; ohneracht aber derselbe viel eingezogener, stiller und andächtiger war, als ich; so hielte mich doch der Geistliche für aufrichtiger; ich wuste