Grafen von Rivera ging so weit, dass er auf Mittel sann, ihn heimlich aus dem Weg zu räumen: das Blut eines Untertanen ist in den Augen eines Königs etwas geringes, wenn er sich von ihm beleidiget zu sein glaubet. Nur wuste der König nicht, wem er sich in dieser Sache vertrauen sollte; zu dessen Ausführung er sich keines andern Menschens, als eines Verräters bedienen konte. Silon kam ihm darüber in die Gedanken: er fand ihn zu solchen Verrichtungen, die durch List und Betrug mussten getrieben werden, überaus geschickt: er entdeckte ihm sein Anliegen, und fragte ihn, wie er dieses ihm so verhasten Mitbuhlers am besten los werden könnte. Dieser hatte dazu sogleich hundert verwegene Anschläge; der König aber, der heimlich noch etwas von einem guten Grund in sich hatte, konte sich zu keinem derselben entschliessen.
Endlich ereignete sich eine gelegenheit, wobei der König glaubte, seine Absichten, in Ansehung des Grafens, am ersten zu erreichen. Es hatte sich zwischen ihm und dem König von Licatien ein Krieg entsponnen. Dieser war ihm wegen einer gewissen Grafschaft, darauf er Anspruch machte, mit einem Heer von 25000. Mann ins Land gefallen.
Man hatte sich dieses feindlichen Einbruchs so bald in Aquitanien nicht versehen: alles, was man dabei tun konte, war, dass man die Vestungen mit Volk besetzte, und ein tüchtiges krieges-Heer zusammen zu bringen suchte, solches dem Feind entgegen zu stellen. Der Schrecken und die Verwirrung war ungemein, es fehlte an allem; keine Mannschaft war auf den Beinen, kein Geld in der Schatz-Cammer; die meisten Untertanen waren arm, und die Reichen schützten meistenteils ihre Freiheiten vor, wenn sie zur gemeinen Sache etwas mit beitragen sollten.
Der König erinnerte sich bei diesen Umständen des Grafens von Rivera, welcher ihm öfters vom Krieg und der notwendigkeit eine ordentliche und wohlgeübte Mannschaft beständig auf den Beinen zu halten gesprochen, und dass ihm darin der General Lesbo stark wiedersprochen hatte. Der König vermeinte also dem Grafen ein Netz zu stellen, wenn er ihn zu einem Befehlshaber bei seinem krieges-Heer bestellen, und ihm die gefährlichste Posten würde anvertrauen lassen.
Als der König dieses Vorhaben dem Herzogen von Sandilien entdeckte, merkte dieser bald, wohin der König zielte: so ehrsüchtig er auch war, so konte er doch nicht grausam sein: er machte dem König deswegen allerhand Einwürfe: er sagte ihm unter andern: dass der Graf bei dem Krieg nicht wäre hergekommen, dass er in solchen Sachen keine zulängliche Erfahrung hätte: und dass die alte Officiers nicht gern unter ihme dienen würden.
Der König antwortete hierauf dem Herzogen, dass des Grafens Geburt ihn zu den obersten krieges-Aemtern fähig machte: dass er in dem Hesperischen Krieg, als ein Freiwilliger, einige Feld-Züge mitgetan hätte; dass er die krieges-Bau-Kunst aus dem Grund verstünde; dass also kein Officier sich es dürfte missfallen lassen, unter ihm zu dienen.
Der Herzog von Sandilien konte hierwider nichts einwenden; er sandt demnach auf des Königs Befehl einen Königlichen Geheim-Schreiber an den Grafen, und liess demselben nicht nur des Königs Gnade durch ihn ankündigen; sondern auch das Patent eines General-Wachtmeisters überbringen. Weil es in Aquitanien etwas gewöhnliches ist, dass der hohe Adel in KriegsLäuften mit zu feld ziehet, und eigne Regimenter anwirbet; so kam dieser kriegerische Beruf dem Grafen nicht so gar fremde vor: er bedankte sich für die besondere Gnade, und das darunter ihm bezeigende Vertrauen des Königs. Er hofte demselben in diesem Krieg gute Dienste zu tun. Die natur hatte ihm einen gesunden Leib, ein männliches Ansehen und ein tapferes Herz gegeben. Er hatte die Wissenschaften, die zum Krieg gehören, von Jugend auf gelernet, und war stets mit erfahrnen krieges-Leuten umgegangen. Der König hatte ihm, auf Anhalten des Herzogs von Sandilien, zugleich auch die erlaubnis gegeben, sich ein eigenes Regiment anzuwerben; welches den Grafen von den guten Meinungen des Königs völlig zu überzeugen schien.
Der Graf nahm also von seiner bisherigen Gefängnis-Gesellschafft Abschied. Der alte Commendant wünschte ihm zu dem bevorstehenden Feldzug tausendfaches Glück, und beklagte nur, dass ihm seine alte gebrechliche Hütte nicht mehr gestatten wolte, an seiner Seiten zu fechten: er schloss ihn darauf mit herzlicher Liebe in seine arme: der Freiherr von Riesenburg war noch mehr über den Abschied des Grafens bewegt; er hatte mit ihm die genaueste Freundschaft aufgerichtet; er versprach ihm, weil er erster Tagen wieder auf freien Fuss kommen sollte, unfehlbar nach der Armee zu folgen.
Der Graf ging nicht nach Hof; man hatte ihm solches widerraten: er verfügte sich geraden weges auf seine herrschaft. Dessen unvermutete Ankunft verursachte daselbst bei seiner Frau Mutter und beiden Gräfinnen Schwestern, wie auch bei dem Herrn von Bellamont ein überaus grosses Vergnügen: er hatte ihnen aber nicht so bald die ursache davon entdecket, so verschwand solches auf einmal. Die alte Gräfin hielt ihren einzigen Sohn für verlohren; und ihre beide Töchter warfen mit einer betrübten Empfindung die Schuld alles Ungemachs, welches ihren Bruder bedrohete, auf den Herrn von Bellamont, weil er allein ihm geraten hatte nach hof zu gehen. Ihm war selbst nicht wohl zu Mut bei der Sache: er kante die Welt, und konte leicht mutmassen, dass man bei solchen Umständen dem Grafen mehr ein Netz zu stellen, als ihn zu erheben suchte. Er gab diesen Argwohn seinem liebsten Grafen zu erkennen: er bat