fragen: wo er hin wolte, gab er mir die Nachricht, dass sein Herr morgen früh da eintreffen, und seine Reise weiter bis nach Auracum fortsetzen würde. Ich zweiffelte hierauf nicht, dass mich der Herr von Turris aufsuchen wolte.
Ich hatte diese Nacht wenig geschlaffen: hundert verwirrte Vorstellungen beunruhigten meine ganz auseinander gebrachte Fantasie: ich schwur dem Räuber meiner Schönen bald den Tod, bald dachte ich auf Mittel ihn zu gewinnen. Ich stunde mit anbrechendem Tag von meinem Lager auf, und war von den vielen Träumen ganz entkräftet.
Ich machte mich damit auf den Weg: ich war kaum etliche Stunden fortgeritten, so begegnete mir ein junger Mensch zu Pferd mit einem Jäger: er hatte ein unglückliches und wildes Ansehen: als ich ihn begrüste, sagte er mir ganz trotzig: grossen Dank; und rührte dabei kaum den Hut. Ich hatte keiner weitern Nachricht nötig, dass er der Herr von Turris sei: wie! dachte ich bei mir selbst, wer sollte diesen Menschen für einen Bruder der allerhuldreichsten und anmutigsten Schönheit ansehen? seine seltsame Gebährdung, sein aufgeworfenes Maul, seine grosse Augen, womit er mich anblickte, hatten in der Tat etwas barbarisches: ich wagte es unterdessen, ihm meinen Diener nachzuschicken, um ihn zu befragen, ob er der Baron von Turris wär; in welchem Fall ich mir die Ehre ausbitten wolte, ihn zu sprechen.
Mein Cammerdiener näherte sich demselben mit der grössten Bescheidenheit: er hatte ihm aber auf sein Befragen nicht so bald entdecket, wer ich wär; so kam er, als ein Rasender, mit aufgespanneter Pistole, auf mich zugerant. Da er mich erreichet, druckte er den Hut tief in den Kopf: Ha! Verräter! war seine Anrede, find ich dich allhier? hast du meine Schwester können verführen, so zeige nun auch, ob du eben so leicht dein Leben verteidigen kanst.
Ich wolte ihm auf diese tolle Anrede mit Vernunft antworten: ich betrachtete ihn als den Bruder meiner geliebten Marianen: Mein Herr, sagt ich zu ihm, ganz gelassen, last uns einander nicht schimpfen: ich liebe ihre tugendhafte fräulein Schwester, als ein ehrliebender und redlicher Cavalier. Was Ketzer! schrie dieser voller Wut, sprich mit deiner Pistole, wenn du Herz im leib hast; anders begehr ich nicht mit dir zu reden: indem er dieses sagte, schoss er auf mich, dass mir die Kugel am Kopf hinsauste: ich machte mich darauf so hurtig wehrhaft, als ich konte. Gilt dieses, Bösewicht, fuhr ich im Zorn heraus, und schenkte ihm eine Kugel, die ihn vom Pferd herunter stürzte.
Ich rief alsobald meine Leute und seinen eigenen Kerl, bei dieser Handlung zu zeugen, dass ich zu diesem Zweikampf wäre gezwungen worden. Wir suchten darauf dem verwundeten Leichnam dieses unglückseligen jungen Edelmanns noch zu hülfe zu eilen; allein ich hatte ihn mitten durch die Brust geschossen: er war Knall und Fall tot.
Sein Knecht hielte ihm allhier eine kurze LeichenRede. Der Inhalt davon war dieser: Ihr Caplan, sprach er, hätte immer gesagt: GOtt war ein gerechter GOtt, der das Böse nicht ungestraft liess: sein Herr hätte ein so gar ruchloses böses Leben geführt, dass schier kein ehrlicher Mensch mehr bei ihm hätte dienen wollen; er wär selbst noch denselben Tag Willens gewesen, von seinem Herrn wegzulauffen, nun hätte derselbe seinen verdienten Lohn von meiner Hand bekommen. GOtt mögte seiner armen Seel genädig sein.
Ich liess darauf den ertödteten Leichnam nach dem nächsten Dorf bringen, und reiste wieder zurück nach Haus. Ich empfand über diese traurige Begebenheit in meinem Gemüte einen so beisenden Schmerzen, dass ich mich nicht zu trösten wuste. Was wird, sprach ich bei mir selbst, die Frau von Turris sagen, dass ich ihren Sohn entleibet habe? wie wird meiner armen Marianen darüber zu Mute sein? wird sie ohne Grausen und Entsetzen an ihren Bruder-Mörder gedenken? wird sie denselben auch noch lieben können? Und wenn gleich in diesem Fall, wie ich glaube, auch ihre Regungen für mich die Oberhand behalten sollten, würden ihr jemahls der Wohlstand und die Gesetzen erlauben, demjenigen die ehliche Hand zu geben, der die seinige mit dem Blute ihres einzigen Bruders bespritzet hat?
Mit diesen Kummer-vollen Gedanken kam ich wieder auf meines Vaters Schloss. Die Sache mit dem Baron von Turris wurde allentalben ruchtbar: der Zweikampf war noch binnen den Gräntzen dieses Königreichs geschehen. Ich wolte darüber mich den Wirkungen des väterlichen Zorns nicht aussetzen; mein Vater ist, wie bekant, ein rauher heftiger Mann. Ich hatte ursache mich vor ihm zu fürchten. In meinem Gewissen fund ich mich unschuldig; ich wolte deswegen nicht das Königreich räumen: ich verliess mich auf GOtt und meine gerechte Sache: ich begab mich deswegen, als ein freiwilliger Gefangener auf diese Vestung, und verhoffe, nachdem die Sache nunmehr mit allen gerichtlichen Untersuchungen und Abhörungen der Zeugen, nach hof ist versandt worden, bald wieder zu meiner vorigen Freiheit zu gelangen; weil es hie ganz offenbar ist, dass ich in den Umständen einer unumgänglichen Notwehr mich befunden hatte.
Mein Vater vernahm, so bald ich ohne Abschied von ihm gereiset war, den ganzen Handel: ich bat ihn deswegen in Briefen mit den demütigsten und zärtlichsten Ausdrückungen um Verzeihung, und hofte, er würde sich meiner annehmen; er verwies mir aber nicht allein, die ohne seinen Willen und Rat unternommene Reise nach Monaco; sondern versagte mir auch sogar allen