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Missionarius wuste seinen Eifer über diese meine freie Reden nicht länger zurück zu halten. So, mein Herr, sprach er, indem er einen erzörnten blick aus seinem schwarzgelben Gesicht auf mich schiessen liess. Sie wollen nur GOtt, was gebrechlich und untauglich ist, zu seinem Dienste wiedmen? Wir leben, war meine Antwort, nicht mehr unter den schweren Satzungen des alten Bundes, der neue hat uns davon befreiet: wir sollen im Glauben ein ehrbares Christliches Leben führen: einen andern Dienst verlanget GOtt heutiges Tages nicht von uns: was könnten wir arme Geschöpfe einem so vollkommenen Wesen geben, von dem wir alles haben und erwarten müssen? Er hat uns geschaffen, um uns glückselig zu machen: wir werden solches, wenn wir seine Gebotte halten, und in seine Absichten eingehen: alles bestehet bei ihm in der Ordnung: er hat das Weib geschaffen, dass sie soll eine Gehülfin des Mannes sein; folglich ist das Eh-lose Closter-Leben ein ungebührliches Joch, welches man jungen Leuten nur zum Schein der Heiligkeit pflegt aufzubürden.

Sie lesen, mein Ehr-würdiger Herr Missionarius, fuhr ich ganz gelassen fort, sie lesen in den KirchenGeschichten, wenn und wie die Clöster und die Gelübde der Keuschheit sind aufgekommen. Es waren Anfangs einige gutschichtende, aber schwermütige Leute, welche die Einsamkeit liebten, und den Hass der Welt so weit ausdehnten, dass sie sich des Umgangs mit allen Menschen zu entschlagen suchten: sie krochen in die dickste Wälder, baueten sich Hütten an einsamen abgelegenen Oertern, und wurden deswegen für heilige Leute gehalten: Endlich taten sich einige solche Einsiedler zusammen, baueten sich kleine Capellen, stifteten besondere Orden, schrieben sich gewisse strenge Regeln vor; und weil der Umgang mit dem andern Geschlecht ein so gar gefährlich Ding in der Welt ist, so wurde solches am ersten von der Heiligkeit dieser Ordens-Brüder abgesondert.

Die Frauensleute, welche nicht weniger Eifer hatten, den Namen der Heiligkeit zu verdienen, und die Männer an starker Einbildungs-Kraft noch übertraffen, zeigten den Feinden ihres Geschlechts nicht minder Verachtung: sie bauten, ihnen und der natur zum Trotz, ebenfalls solche Zellen in den Einöden, und verbotten den Mannsleuten darinnen den Fuss zu setzen. Diese hätten unterdessen die Rechte des Altars sich vorbehalten; womit sie nachgehends auch die Ohren-Beicht verknüpften. Die andächtige Schwestern mussten sichs also gefallen lassen, und sich gewisse Ordens-Geistliche wehlen, die ihnen Mess lesen, Beicht abnehmen, und sie absolviren konnten. Auf diese Weise gerieten also die andächtige Brüder zu den andächtigen Schwestern. Der Satan ist nie geschäftiger, als wenn die Leute auf eine ausserordentliche Weise wollen heilig werden; und man sagt für gewiss, dass öfters die Vertraulichkeit hier so weit gegangen sei, dass man die geistliche Liebe ziemlich stark in die Empfindungen des Fleisches getrieben hätte.

Diese letzte Worte waren kaum ausgesprochen, so fing der unwissende Missionarius an, vor Eifer zu schnaufen, und mich einen Unglaubigen und Ketzer zu schelten: in der Tat waren ihm die Länder der Kirchen-Geschichten sehr unbekant. Ich meinte ihn noch weiter auf der Religions-Carte zurecht zu weisen; allein, die Frau von Turris ersuchte mich in diesem Streit nicht weiter zu gehen.

Meine Reden taten indessen eine wirkung, deren ich mich nicht versehen hatte: wir kamen Abends spät nach Monaco. Die fräulein, als ich sie nach ihrer Frau Mutter aus der Gutsche hub, druckte mir die Hand, und sagte mir heimlich ins Ohr, dass ich sie in ihrer Religion ganz irre gemacht hätte: ich sollte mich aber in Monaco in acht nehmen, und nicht so frei von Kirchen-Sachen reden. Ihre Frau Mutter bedankte sich darauf für meine Gesellschaft, versicherte mich ihrer Hochachtung, und bat mich bei ihr einzusprechen. Ich sagte auch unserm geistlichen Reis-Gefährden einige Höflichkeiten, und entschuldigte bei ihm meine Freiheit im Reden. Er beantwortete solche mit einer gezwungenen Freundlichkeit; ich entdeckte aber in seinen schwarz-dunkeln Augen etwas, das mir zu erkennen gab, dass er nicht gut zu beleidigen war.

Ich nahm mein Quartier unweit den Jesuiten: und ging den andern Tag ein wenig in der Stadt herum: es war Abend, als ich in dem Gast-haus zurück kam: ich hörte in der nah dabei gelegenen Kirche Music: ich ging dahin: die Kirche war, wegen eines vorgefallenen Festes, mit kostbaren Tapeten ausgeschmücket und ganz mit Lichtern erhellet: die anmutigste Stimmen erklungen in den Chören und hinter den Altären: ich fand bei allen diesen Dingen eine würckliche Andacht: mein Gemüt war beweget: ich spürte einen heimlichen Zug, GOtt auch in dieser sinnreichen Pracht der Menschen zu loben: ich ging in einen Stuhl, wo sich vor den Knien ein Bret fand, auf welchem man solche füglich biegen, und ein anders, worauf man die hände stützen konte: ich setzte meinen Leib in eine solche andächtige Stellung, und schickte meine Seufzer ohne Heuchelei in diesem mir fremdem Gottesdienst gegen Himmel: niemand kante mich hier, und ich fand, dass ein zierlicher TempelBau und eine wohlklingende Harmonie sich nicht übel zur Andacht schicken.

Ein wohlgekleidetes Frauenzimmer, das vom Altar herkam und zur tür hinaus gehen wolte, erblickte mich in dieser Stellung: sie stunde ein wenig still, und ging damit auf mich zu; sie warf sich neben mir auf die Knie, tat ein kurzes Gebet, wand hernach die Augen auf mich und sagte zu mir: wie, Herr von Rossan