kaum noch zehen Monate verflossen, dass der Graf sich hier befindet, und derselbe muss bereits die Falschheit deines so wanckelmütigen Glückes erfahren! O Verhängnüs! wie kanst du so viel Bosheit dulden?
So lebhafft wuste die würdige Töchter des Herrn von Bellamont denjenigen Kummer auszudrücken, welchen sie bei dem Unrecht, so der Graf leiden muste, empfand. Die junge Mariane war bei diesem Abschied gleichfalls sehr bewegt: sie sagte nichts, sie weinte nur. Der Herr von Ridelo wolte den Grafen begleiten: dieser aber bat ihn, solches nicht zu tun, weil sie beide die ursache seiner Ungnade noch nicht wüsten: er umarmte sie damit alle drei, als ob sie seine leibliche Geschwister wären, setzte sich damit in seinen Wagen, und hinterliess sie alle sehr traurig.
Der Hertzog von Sandilien hatte den Tag zuvor schon einen geschwinden Boten nach Prato gesandt, mit dem Befehl, dass seine Base sich eilends wieder bei ihm einfinden möchte, weil ihre Gegenwart in Panopolis unumgänglich erfordert würde. Der Bote kam eben des Morgens an, als kurz vorher der Graf von Rivera aufgebrochen war.
Sowohl die Gräfin als ihre Frau Mutter, waren über diesen so gemessenen Befehl erschrocken; es ahndet mir nichts Gutes, sagte die alte Gräfin mit Seufzen: wolte GOtt! ihr hättet, meine Tochter, den Hof nie gesehen; Diese stille Triften wären genug gewesen euch zu einem glücklichen Aufentalt eines unschuldigen und vergnügten Lebens zu dienen. Worzu nutzet doch der Pracht und die Hoheit des Hofes, als dass er denjenigen, die darin ein Vergnügen suchen, nur destomehr Sorgen verursacht, und sie zu allerhand Sünden und Torheiten verleitet? wohl dem, der davon entfernet, bei einem GOtt-gefälligen eingezogenen Wandel, seine Tage in Ruh und Zufriedenheit hinbringen kan.
Der jungen Gräfin war diesesmahl eine solche Sitten-Lehre nicht völlig nach ihrem Geschmack: es sei, dass die Hoffnung ihren geliebten Grafen desto eher wieder zu sehen, ihr schmeichelte, oder dass die Jugend bei ihr noch ihr Recht behauptete: als welche ihr die Welt und ihre Eitelkeiten noch nicht so sehr, als ihrer Frau Mutter, verleitet hatten. Es kam ihr zum wenigsten dismahl leichter an als zuvor, sich nach dieser Reise nach Panopolis zu entschliessen.
Es war bei dunckler Abends-Zeit, als sie in der Vorstadt von Panopolis anlangte. Ihr begegnete allhier gleich vor dem Tor eine mit sechs Post-Pferden bespannte Gutsche, welche mit Reutern umgeben war: ein Bedienter, der neben her ritt, und eine brennende Fackel in der Hand hatte, gab ihr des Grafens ReisWagen und einen vornen auf sitzenden Liberei-Diener von demselben zu erkennen: sie wurde über diesen Anblick nicht wenig bestürtzt. O Himmel! was sehe ich? rief sie hier voller Schrecken aus, dieses ist der Graf von Rivera. Asmenie, die bei ihr in dem Wagen sass, suchte ihr diese Einbildung auszureden; allein, sie waren nicht so bald in dem Sandilischen Pallast abgestiegen, so vernahmen sie davon die Gewissheit.
Noch mehr aber vermehrte sich der Gräfin ihre Bestürtzung, als ihr der Hertzog sagte, dass der Graf von Rivera gefangen, und dass sie daran ursache wär. Diese Nachricht, setzte ihr Gemüt in solche grausame Bewegung, dass ihr alle Glieder zitterten. Der Herzog wolte ihr dieses Rätsel erstlich nach der Tafel erklären; Die Gräfin aber, an statt sich ein wenig umzukleiden, und bei der Tafel zu erscheinen, legte sich zu Bette, und empfand einen heftigen Anstoss vom Fieber.
Der Herzog, als er solches vernahm, begab sich alsobald zu ihr; und weil er glaubte, die eingezogene Nachricht von des Grafens Gefangenschaft mögte sie zu sehr aufgebracht haben; so suchte er ihr die Sache viel gelinder beizubringen: er erzehlte derselben die Begebenheit des Grafens mit den allergleichgültigsten Umständen: er fügte hinzu, dass es alles nichts zu sagen hätte, und dass die ganze Sache, bei näherer Untersuchung; bald ein anderes Ansehen gewinnen würde.
Die Gräfin aber, die leicht mutmassen konte, das man einen Cavallier, wie den Grafen von Rivera, nicht ohne die wichtigste Ursachen gefangen führen würde, geriet darauf in die allerheftigste Bewegungen: welcher Verräter, brach sie heraus, hat hier den Grafen in dieses Unglück gestürzet? wem solt ich eine so abscheuliche Bosheit immermehr zutrauen?
Ach! der Graf, fuhr sie mit gleichem Eifer fort, ist unschuldig. Ich allein, gnädiger Herr! ich allein, sagte sie voll rührender Zärtlichkeit, und indem sie sich im Bett aufrichtete, ich bin an allem schuld: ich, nur ich, habe wider den König gesprochen: der Graf hat mir seinetwegen alle ersinnliche Vorstellungen getan ... der König hat keinen getreuern Diener als ihn ... er ist allzuredlich für einen solchen König .... Ach grausamer König ... gehen sie doch, liebster Herr Oheim, gehen sie doch, und retten dem armen Grafen das Leben. Ich sterbe, wann er solches meinetwegen verliehret.
Der Herzog erkannte aus dieser bangen Sprache seiner Basen mehr als zu viel, welche leidenschaft ihr solche in den Mund legte. Er furchte, die Hitze mögte bei ihr überhand nehmen; er suchte ihr deswegen alles dasjenige, was solche vermehren konte, aus dem Sinn zu reden, und ihr Gemüt so viel als möglich zu beruhigen. Allein, es war bereits zu spät, die Krankheit nahm bei ihr überhand, und der Herzog geriet darüber in den äussersten Schrecken.
Das fünffte Buch.
Mittlerweile