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Art zu ersetzen: sie legte sich auf lauter Practiken und meinte dadurch die Vorteile ihres Verstandes gelten zu machen: sie hatte einen verschmitzten Kopf, und konte mit ihrer schnellen Zunge hundert Leute ineinander verwirren: sie war eine lebendige Chronik von allem, was sich bei hof und in der Stadt zutrug: sie hatte dabei einen starken BriefWechsel, und gab sich dadurch das Ansehen eines geheimen staates-Mercurii. Sie lies sich zu allen Händeln gebrauchen und war eine ungemein schädliche Frau für diejenigen, die ihre Klugheit nicht bewundern, noch ihren Ratschlägen sich anvertrauen wolten.

Der Herzog konte sich nicht wohl ihres Umgangs entschlagen, so eine grosse Verachtung er auch heimlich für sie hatte. Er muste ihren Bottschaften Gehör geben, und sie selbsten öfters als eine Ausspäherin gebrauchen. Solchem grausamen Zwang sind öfters diejenige unterworfen, die das Glück über andere Menschen so weit erhoben hat, dass es scheinet, als ob sie mehr ihnen zu befehlen, als sich vor ihnen zu fürchten hätten.

Die Gesellschafts-fräulein, Namens Asmenie, liebte ihre Gräfin aus einer natürlichen Neigung: sie war bei zehen Jahr älter, als sie, und hatte einen guten Anteil mit an ihrer Erziehung: sie war von herzen vergnügt, dass ihre Gräfin keinen Gefallen an der Corinna fande; sie nahm deswegen gelegenheit, dieselbe vor dergleichen schwatzhaften und gefährlichen Weibs-Bildern zu warnen: wobei sie zugleich ihr mit anriet, solchen doch jederzeit höflich zu begegnen, um sich dadurch gegen ihre giftige Zungen-Bisse einigermassen in Sicherheit zu setzen.

Von der Corinna kamen sie auf den König zu sprechen. So viel ich bishero wahrgenommen, sagte Asmenie zu der Gräfin; so haben dieselbe an dem König einen Liebhaber bekommen; und wenn ich mich nicht betrüge, so ist er bei ihnen in seiner Neigung nicht gar glücklich. Ich sehe sie, meine liebste Gräfin, seit einigen Tagen immer in Gedanken; sie seufzen heimlich, sie haben ein verborgenes Anliegen, welches sie mir verhölen; sie lieben, und schämen sich es mir zu sagen: ich mögte sie gerne wieder ruhig sehen: ich leide mit ihnen, und weiss gleichwohl die ursache ihres Leidens nicht. Die Gräfin errötete über diese Worte, sie fiel der Asmenien um den Hals, und hielte mit Gewalt die Tränen zurück, die ihr in den Augen stunden. Liebste Asmenie, rief sie dabei aus, was soll ich ihnen sagen? etwas, das ich mir noch selbst nicht gestehen mag? doch, es ist billig, dass ich ihnen entdekke, was in meinem Herzen vorgehet.

Es sind noch keine vierzehen Tage, da ich in der Gesellschafft bei der Herzogin von Salona einen Cavallier fande, den ich zuvor an unserm hof nie gesehen hatte: man spielte: ich kam an einen Tisch zu sitzen, der einem mit Lichtern erhellten Spiegel-Glas gegenüber stunde. Der Fremde war an einer andern SpielTafel und kehrte seitwärts das Gesicht ebenfalls nach diesem Glase: er sah mich, und ich sah ihn; doch keines von beiden sah sich darinnen selbst: so offt wir die Augen aufschlugen, so offt traffen auch unsere Blicke auf einander: ich errötete darüber, und wuste endlich nicht vor Verwirrung, wo ich meine Augen hinwenden solle. Ich verlohr dabei die gröste Spiele, und diejenige, die mit mir spielten, beschuldigten mich nicht ohne Wahrscheinlichkeit, dass ich mit meinen gedanken abwesend wär. Dieses verursachte, dass ich einem Cavallier mein Spiel gab und mich zu der Hertzogin verfügte, welche ebenfalls ihr Spiel einer von ihren fräulein gegeben hatte. Ich wolte mich bei ihr nach obgedachtem Fremdling erkundigen; allein sie wuste gleichsam alle meine dahin gehende fragen mit Vorsatz abzuleiten, und sprach mir so viel von andern Dingen, dass ich darüber hätte mögen ungedultig werden. Das Spiel ging damit zu Ende und die Gesellschafft auseinander. Der Fremde führte die Dame, mit welcher er gespielet hatte, auf ihren Wagen, und ich sah niemand mehr, bei dem ich mich nach demselben mit Wohlstand hätte erkundigen können.

Ich schäme mich, ihnen zu bekennen, liebste Asmenie, dass mir der Anblick dieses Cavalliers einige Unruh gemacht, und dass ich darüber in meinem herzen eine mir nie zuvor bekante Regung empfunden. Allein, wenn sie wüsten, wie sehr ich solche bei mir bestritten, und welche harte gesetz ich mir darüber vorgeschrieben hätte, so würde ich dadurch nichts von ihrer Hochachtung verliehren.

Wie gros aber war meine Bestürtzung, da ich den andern Tag darauf diesen Fremdling bei der Frau von Ridelo antraf. Ich konnte ihr kaum, als ich zu ihr ins Zimmer trat, die gewöhnliche Höflichkeiten sagen; das Blut drang mir mit einer schnellen Gewalt ins Gesicht, und das Hertze schlug mir in der Brust, dass ich meinte, man müste es hören können. Die Frau von Ridelo möchte meine Verwirrung nicht wahrgenommen, oder meine Errötung dem geschwinden Gehen, damit ich die Treppen aufgestiegen war, zugeschrieben haben. Sie hatte sich nicht sobald mir in die arme geworfen, so sagte sie zu mir, indem sie den Fremden bei der Hand fassete; ich habe die Ehre, der schönsten Gräfin auch den vollkommensten Cavallier hier vorzustellen: Es ist der Herr Graf von Rivera, der beste Freund meines Vaters: Der König hat ihn zum Cammerherrn gemacht, und wir werden das Glück haben ihn an unserm hof zu behalten.

Mittlerweile, dass mir dieses alles die Frau von Ridelo mit ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit sagte, und der Graf mich begrüste, hatte ich Zeit mich wieder zu