Wir haben Christum bald, sagte der Geistliche, wenn es uns einmal ein rechter Ernst ist GOtt zu lieben und seine Gebotte zu halten. Es sind hier keine Sachen, die sich einander widersprechen; GOtt offenbaret sich an unsern Herzen durch Christum, wenn wir dieses geheimnis gleich nicht verstehen. Das Reich Christi ist in der ganzen Welt; er nähret, er erhält und schützet seine Untertanen; und sie wissen und begreiffen nicht, wie es in dieser göttlichen Haushaltung zugehet; aber dieses können sie leicht wissen, dass Christus der Heiland sei. Kein Weiser hat uns noch bessere Lehren und Lebens-Regeln gegeben, welche der Vollkommenheit eines göttlichen Wesens anständiger und der Glückseligkeit der menschlichen natur zuträglicher sind. Hier wird der Mensch nicht allein von der Ausübung der Laster abgehalten, sondern auch in seiner inwendigen Gestalt gereiniget; und so gar zu den erhabensten göttlichen Tugenden zubereitet. Dessen Geschichten, wie man solche aufgeschrieben findet, haben alle Kennzeichen der Wahrheit, und sind durch so viel Zeugen und Wunderwerk bekräftiget worden, dass man von den alten Geschichten gar keine glauben müste, wo man diese in Zweifel ziehen wolte. könnte man sich auch wohl als eine Wahrscheinlichkeit einbilden, dass solche einfältige, ehrliche Leute, wie die Evangelisten und Apostel waren, es mit einander sollten abgeredet haben, die Menschen zu betrügen, und mit ihren falschen Legenden die ganze Welt zu erfüllen? Zu einer Zeit, da der Witz und die Scharfsinnigkeit des menschlichen Verstandes bei den Römern, Griechen und Juden aufs höchste getrieben wurde; und da man genau verstunde, was zum Beweiss einer Sache gehörte. Da nun, in dem Verfolg der zeiten, die Menschen von der Wahrheit des Evangelii dergestalt überzeuget und eingenommen wurden, dass sie nicht allein alle Vorteile des Lebens für die Erhaltung derselben willig hingaben; sondern auch mit ihrem Blute, unter den grausamsten Verfolgungen und Martern besiegelten; so ist es eben so wenig wahrscheinlich, dass dieses lauter im Kopf verrückte Leute gewesen wären, als wenig glaublich es ist, dass ein blosser Wahn, der die menschliche Begierden mit einem so unangenehmen und harten Zwang beleget, sich durch alle Völcker und zeiten, bis auf die heutige Welt, beständig sollte fortgetrieben haben.
Ja, wenn alle diese Vernunft-Schlüsse nicht zulänglich wären, sie der Wahrheit unseres Glaubens zu überzeugen, so waren davon allein die unter uns allentalben zerstreuete Juden die lebendigste Zeugen: sie tragen noch alle die Mahlzeichen des über sie und ihre Nachkommen ausgestossenen grässlichen Fluchs auf ihrer Stirne, wenn sie sagten; Sein Blut komme ůber uns und ůber unsere Kinder: sie sind die einzige Nation, die von derselben Zeit an, nirgend das Bürger-Recht haben, sondern allentalben, als ein unglückseliges verhasstes Volk verjagt, zerstreut, verfolgt und geschmähet werden; da sie doch zuvor, in dem alten Bund, als das auserwehlte Geschlecht, vor andern erhaben, durch die gröste Wunderwerke von GOtt selbst sind erhalten und geschützet worden; sie sollen auch vor dem Ende der zeiten wiederum zu ihrer vorigen Gnade gelangen. Bis dahin aber müssen sie uns und der ganzen Welt das Evangelium auch wider ihren Willen predigen. Wir sehen keine Juden, die uns nicht gleichsam zurufen: Christus lebet: Christus ist auferstanden: Wir tragen den Fluch, um euch solches zu lehren.
Diese Nachricht von Christo gab mir einen starken Eindruck. Ach! seufzete ich, mögt ich doch auch diesen liebreichen Heiland kennen! Er lässt sich sonst nicht lange suchen, sprach der Geistliche, er ist bald da, wenn man nach ihm verlanget: ein rechter bussfertiger Sünder ist der wichtigste Vorwurf seiner Liebe und eine Freude der Heiligen; allein, sie haben noch Berge zu übersteigen, diese Berge sind die Höhen ihrer Vernunft: kämen sie zum Heiland in der Einfalt, wie das Weib bei Luca am 8. so würden sie alsobald die Kraft, die aus ihm gehet, an sich gewahr werden, und sollten sie auch nur den Saum seines Rocks berühren. So aber weiss sich ihre Vernunft noch in diese Einfältigkeit nicht zu schicken, sie haben bissher ihre Stärke nur gebraucht, um allen Eindrucken und Empfindungen des Glaubens bei sich zu widersprechen, und ihren Lüsten und Begierden das Wort zu reden: sie dürfte ihnen deswegen noch wohl etwas leiden machen, ehe sie zur rechten Glaubens-Einfalt gelangen werden.
Es geschahe mir, wie mir der Geistliche gesagt hatte, ich fiel in eine tiefe Melancholie: ich suchte die Einsamkeit und floh den Umgang mit allen Menschen. Ich mietete mir an einem abgelegenen Ort nah an einem Wald, ein kleines Haus. Niemand wuste etwas von meinem Aufentalt als mein Franciscaner, der von seinem Closter zu mir nicht über drei ViertelStunde zu gehen hatte. Ich gedachte in dieser Einsamkeit an nichts mehr, als an meine Bekehrung. Je mehr ich aber GOtt suchte, je mehr schien er sich von mir zu entfernen. Ich wurde endlich aller Andacht, aller hoffnung und alles Trostes beraubet. Meine täglich überhand nehmende Schwermut quälte mich mit den allergrässlichsten Vorstellungen: alles, was mich sah drohete mir mit einem abscheulichen Tod: ich zitterte wann ich nur Menschen sah, der ich sonst unter allen der verwegenste war. Ich floh in die Einöden und in die dickste Wälder. Ich schrie, ich seufzte, ich wimmerte, wie ein Mensch, der alle Augenblick verzagen wolte. O welche Abgründe der Verzweifelung sah ich hier! Ich hatte Tag und Nacht keine Ruh: die greulichste Larven und Schrecken-Bilder erfüllten auch im Traum