1740_Lon_068_138.txt

Handlung niederlegen, und eine von den Lebens-Arten, davon oben Meldung geschehen ist, ergreiffen.

Wer Geld und Güter hat, und sich damit weiss auf eine anständige und beliebte Art heraus zu setzen, der kan den Adel viel besser führen, als ein armer Juncker, den die bauern Ihr Genaden heissen, und ihm das Brod borgen müssen.

Ehedessen galt der Adel viel; nicht, weil er edel gebohren war, sondern weil die Geburt ihn veranlasste sich durch Tugend und Tapfferkeit von dem gemeinen Mann zu unterscheiden: Er ehrte die Wissenschaften, und die Wissenschaften ehrten ihn; Er sprach und urteilte anders, als der Pöbel: Er beging nichts niederträchtiges: Er lebte nicht wie unsere heutige Dorf-Junckern im Luder und im Müssiggang: Er bekleidete die ersten Stellen bei Hof: Er half die Städte und Länder regieren: Er machte sich eine Ehre aus der Gottesfurcht: Seine Andacht riss ihn zu den Füssen des Altars, und seine Tapfferkeit machte seine Feinde beben: Der Fürst brauchte keine Soldaten: Wer ein Ritter sein wolte, der setzte sich mit seinen reissigen Knechten auf, und eilte damit seinem Landes-Herren und seinem Vatterlande zu Hülffe. So war der Adel, so war die Ritterschaft der alten zeiten.

Wenn man den heutigen Adel beschreiben wolte, so würde es vielleicht ein Gespötte heissen, man müste ihn lächerlich abmahlen, und die Wahrheit würde machen allzu natürlich treffen: Wir wollen lieber schweigen, unsere Schande bedecken, uns raten lassen und uns bessern.

Von dem gelehrten Stand.

Der gelehrte Stand ist eigentlich kein besonderer Stand: Es ziemet allen Menschen etwas zu wissen: Wir sollten alle nach den Absichten des Schöpffers verständige Creaturen und Schüler der Weissheit sein. Wir sollten uns ein jeder nach seinem Stand und nach der Fähigkeit, die er besitzet, in allerhand nützlichen Künsten und Wissenschaften unterrichten lassen; Denn wo der Weisen viel sind, da ist des Volckes Heil.

Allein, was findet man nicht unter den Gelehrten für seltsame Menschen? Man sollte es in der Tat für keine Glückseligkeit halten, etwas zu wissen, wenn uns die Erlernung der Wissenschaften in Gefahr setzet, die elendeste unter den vernünftigen Geschöpffen zu werden. Ehedessen hielt man auf blosse Weissheit, und man lernte die Wissenschaften in keiner andern Absicht, als um weise zu werden. Heutiges Tages machen wir daraus ein Handwerck, die Menschen und den Staat damit zu verwirren. Wir zwingen die Leute Meinungen anzunehmen, die sie nicht fassen können, und lassen ihnen übrigens alle Torheiten und Aussschweiffungen frei. Die wenigste Lehrer erfüllen die Pflichten eines Berufs, dessen Wichtigkeit sie selbst nicht kennen. Die meisten lassen sich dazu aus Not gebrauchen, weil sie nicht besser unterkommen können. Grosses Unglück! Man sollte dazu die vortrefliche Männer ausssuchen, und sie deswegen vor andern ehren und wohl halten.

In den alten zeiten hatten die gröste Weltweisen ihre eigene schulen. Alt und Jung kamen darin zusammen. Die Redner waren die gröste Leute in der Republick, und es war einem Helden eben so anständig vor dem Volck zu reden, als Schlachten zu gewinnen. Diese zeiten sind nicht mehr. Die Würde eines Lehrers beflecket nun die Würde des Adels, und die Unwissenheit ist das Kennzeichen einer vornehmen Geburt.

drei Sachen haben zu unsern zeiten die Gelehrten in der Welt verächtlich gemacht: Ihre ungesittete Lebens-Art: Ihr närrischer Hochmut, und die viele Bücher, die sie drucken lassen. Es ist natürlich, dass Leute, die an statt mit Menschen umzugehen, schier immer zu haus über ihren Büchern sitzen, und sich da in ihre eigene Weissheit, und Vortrefflichkeit verlieben; nach und nach unbelebt, finster und lächerlich werden. Deswegen ehedessen ein gewisser Fürst, auf Befragen, warum er keine Hof-Narren hielt, zur Antwort gab, dass er, wenn er lachen wolte, ein paar von seinen Professoren zu sich auf das Schloss kommen, und sie wacker zusammen disputiren liess. Man hat also ursache die Wissenschaften zu fliehen, wenn sie aus Vernünftigen Unwissenden, albere Gelehrten und seltsame Menschen machen.

Ich bin nie der Meinung gewesen, dass die Erfindung der Buchdruckerei der menschlichen Gesellschaft grossen Nutzen sollte gebracht haben: Unter wenig guten Büchern, die dadurch den Menschen gemein worden, sind ihnen unzehlich viel schlechte in die hände kommen. Wir werden dadurch von den reinen Quellen der Wissenschaften abgeführet, und die Zeit, die edle Zeit, die wir anwenden könnten, die gründlichste Sachen zu lernen, gehet mit Lesung so vieler nichtswürdigen Dinge verlohren. Der Verstand, welcher die schönste Wahrheiten in seiner ersten Unterweisung am leichtsten fassen könnte, wird dadurch nur verwirrt und aufgehalten. Vorurteile, unrichtige Schlüsse und das Ansehen der Lehrer, welche die Bücher schreiben, umnebeln gleichsam seine Beurteilungs-Kraft, und er findet desto mehr Müh, das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden und seine Begriffe auszuheitern.

Wie viel Unordnung, wie viel Zwiespalt, wie viel Blutvergiessen haben nicht bei uns die ReligionsStreitigkeiten schon verursachet? Wir machen einen abscheulichen Lermen, um die Erhaltung der Wahrheit: Ein jeder behauptet, dass er solche hätte; man streitet, man disputiret darüber; man schilt, man verdammet, man verfolget sich einander. Dieses ist noch nicht genug; man schmeisset sich auch wohl gar, wenn man kan, einander darüber tot. sollte man nicht die Wissenschaften verwünschen und verbannen, die in dem menschlichen Geschlecht solche Unordnungen und solchen Jammer verursachen? sollte man nicht vielmehr diejenige glückselige Unwissenheit und Einhalt preisen, die Treu