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allem Druck der Gewaltigen, in einer Sorglosen Freiheit. Ein jeder tut was er will: wir wagen alles, wir setzen alles aufs Spiel. Geräts, so geräts: wer verdirbt, der verdirbt. Man schilt auf böse zeiten: man wirfft die Schuld auf die Regenten; wo nicht gar auf die göttliche Vorsehung. Dieses ist die allgemeine Philosophie; so urteilt der Pöbel, so denckt der Burger, so vermisst sich der Adel. Was Wunder, dass die alte Redlichkeit verloschen ist, dass die Bossheit herrschet, dass die Unordnungen überhand nehmen, und die Laster schier zu Tugenden geworden sind.

Billig sollte man die Policei in den Tempeln suchen: Billig sollte die Religion selbst uns zu ihrer Beobachtung anhalten: billig sollten die Begriffe von GOtt, der alles durch Weissheit und Ordnung regieret, auch die Menschen bewegen, all ihr Tun gleichfalls nach dieser Regel einzurichten. Weil aber die Religion ihre Krafft, und die Tugend ihr Ansehen bei den Menschen verlohren hat; so ist nötig, sie wenigstens durch eine gute Policei von den gröbsten Ausschweiffungen und Lastern abzuleiten, und, wann es möglich wär, sie auch zum guten zu zwingen.

Ihre Haupt-Absicht gehet demnach dahin, Ruh und Ordnung, Zucht und Sicherheit, Nahrung und Billigkeit im gemeinen Wesen zu erhalten. Sie dultet nicht, dass einer sein Gut verprasse, noch dass er dessen Verlust auf den Umschlag der Carten und Würffel setze: sie dultet nicht, dass sich die Leute ohne alle Vernunfft heiraten, und nachgehends ihre Ehen mit Zanck und Hader führen: sie dultet nicht, dass man die Kinder übel erziehe, und im Luder und Mässiggang aufwachsen lasse: sie dultet nicht, dass einer den Adel und grosse Titul kauffe, den keine Verdienste dazu würdig machen. Sie setzet dem Hochmut Schrancken, und machet keinen Hochgebornen, der in der Werckstatt, oder in der Cram-Bude jung worden ist. Die Policei lässt das Gesinde nicht Herr sein, noch dem Pöbel die Freiheit, Gesetz und Gebräuche zu machen: sie gestattet nicht, dass sich Leute in Sammet, in Seiden, in Gold und Silber kleiden, die das Geld dazu borgen; oder die von solchem stand sind, dass sie auch Wolle und Leinwand zierten. Sie vergönnet der wilden Jugend nicht, ihre unordentliche Begierden in verbottenen Winckeln abzukühlen: sie überliefert den Balger dem Blut-Gericht, als einen Todschläger, und den Banckeruttirer dem Kercker, als einen Dieb: sie spannet die liederliche Müssiggänger in Karn, und schliesset das leichtfertige böse Gesindel in die Zucht-Häusser: sie hält die Strassen von Land-Streichern und Bettlern rein, und versorget die Armen und Notleidende in den Hospitälern: sie erfüllet die Magazinen mit Vorrat, und kauffet nicht erst die Früchte auf, wenn sie schon teuer sind: sie gibt den nötigsten Lebens-Mitteln ihren gemessenen Preiss, und lässt nicht den Fremden von den Gastwirten das Messer an die Gurgel setzen. Die Krancke werden nicht durch unerfahrne Aertzte nach der Metode, und durch die Quacksalber, ohne Metode ums Leben gebracht: die Handwercks-Leute erfrechen sich nicht, wenn sie einem etwas verdorben, für diese Bemühung noch die Zahlung zu fordern, und dem Kaufmann gehet es so leichte nicht hin, wenn er einem verdorbene Waaren vor gute verkaufft.

Die Policei hemmt das Gezäncke in den Kirchen, und die Missbrauche in den schulen: sie erlaubet nicht einem jeden Gelehrten, alles was ihm einfällt, drucken zu lassen: sie beschräncket diese allzugrosse Freiheit durch vernünfftige Regeln, und lässt nichts in die Buchläden kommen, als was nützlich, was gut, was angenehm und was erbaulich ist.

Von dem Soldaten-Stand.

Der Soldaten-Stand ist ein nötiges Ubel. Wären die Menschen ordentlich, gerecht und vernünftig, so brauchten sie keine solche gestrenge Beschützer der gemeinen Sicherheit. In einer so durchaus verdorbenen Welt aber kan man dieser Leute nicht entbehren. Nur ist es nötig, dass man ihre Verfassung mehr nach derjenigen Absicht einrichte, warum sie gehalten werden.

Der Soldat hat in Ansehung der Zucht und Ordnung noch etwas voraus, und würde desswegen auch leichter als andere zu verbessern sein. Die Ehre, um welche er dienet, ist allein fähig ihn zur Beobachtung seiner Pflichten anzuhalten: man muss ihm nur einen rechten Begriff von der Ehre beibringen. Man muss nicht die Tollkühnheit zur Tapfferkeit, den Frevel zum Heldenmut, die Leichtfertigkeit zur Freiheit und den Mutwillen zur Artigkeit machen. Der Soldat soll der menschlichen Gesellschafft nicht zur Quaal und zum Schaden, sondern zum Schutz und zur Sicherheit leben: dieses ist die eigentliche Ehr seines Berufs, und darin bestehet seine ganze Würde.

Allein, so lange man dazu allerhand liederliches und ehrloses Gesindel aus allen Winckeln der Erden zusammen wirbet: so lange man dazu nur wilde, müssige und viehische Pursche nimmt, die sonst zu nichts taugen, als dass sie das Schiess-Gewehr handtiertn, den Ranzen schleppen, und den LandMann plagen können; so lange die Befehlshaber selbst weder den Krieg verstehen, noch die wahre Ehre kennen; so lange der Soldat überhaupt die verkehrte Einbildung heget, er dörffte nichts lernen, und hätte mehr Freiheit, als andere Menschen, wieder alle gesetz und gute Sitten zu handeln. So lang ist er der Erden ein Fluch, und die Schande des menschlichen Geschlechts. Denn das blose rauben, plüdern, sengen, brennen, morden, würgen und Menschen schlachten, ist fürwahr keine Handtierung, die sich für ehrliche Leute schicket; wo